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Ewige Jugend
Ewige Jugend
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Ewige Jugend (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino ist erst 45 Jahre alt, aber er macht sich auffallend viele Gedanken über das Alter. Schon seinen Film "La Grande Bellezza" von 2013 widmete er dem Thema. Nun schickt er in "Ewige Jugend" den über 80-jährigen Schauspieler Michael Caine in das Davoser Hotel, das vor 1954 als Sanatorium für Tuberkulose-Kranke diente und Thomas Mann zu seinem "Zauberberg" inspirierte. In symbolisch verdichteten, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierenden Bildern betrachtet der Film Gegensätze wie Zeitlosigkeit und Vergänglichkeit, philosophiert über Liebe, Elternschaft und das Filmemachen. Mit seiner Hommage an die mittlerweile etwas morbide Schönheit und Eleganz der Belle Epoque, die das edle Hotel repräsentiert, erinnert der Film auch an Wes Andersons "Grand Budapest Hotel". Aber Sorrentino gräbt viel tiefer, weil er nach dem Ausdruck für die Essenz des Lebens sucht.

So wie Sorrentino den Film ohne Michael Caine nicht machen wollte, so ist für den Regisseur Mick Boyle sein letztes Werk ohne Brenda Morel nicht denkbar. Für die Queen wiederum ist ein Konzert zu Ehren von Prinz Philip ohne Fred Ballinger keine Option, während dieser nicht dirigieren will, weil seine Frau die Lieder nicht mehr selbst singen kann. Sie lebt einsam und verlassen in einem Heim. Der Film handelt also von Leidenschaft, Obsession, gleichzeitig aber auch von Verdrängung und offenen emotionalen Rechnungen. Als Zuschauer muss man sich seinen eigenen Reim auf den assoziativen Bilderreigen zwischen Pool, Liegewiese und Speisesaal machen. Viele Szenen sind zwar offensichtlich, wie der köstliche Moment, als Fred und Mick die nackte Miss Universe beim Betreten des Pools anschmachten. Andere aber wirken in ihrer Surrealität rätselhafter, wie die überlappenden Monologe der vielen Schauspielerinnen aus Micks Filmen, die ihm plötzlich auf einer Almwiese begegnen.

Die suggestive Macht der Bilder ist durchgehend fesselnd. Und das, obwohl es sich lediglich um eine Kontemplation, ein zurückgelehntes Sinnieren zweier Männer zwischen Nachmittagsschlaf und medizinischen Anwendungen handelt. Überall blitzt der Hunger nach Leben wieder auf. Nicht nur Michael Caine steuert seinen leisen, selbstironischen Humor bei, auch Sorrentino selbst unterzieht seine Leidenschaft, das Filmemachen, in Gestalt von Mick Boyle einer Prüfung, die erheiternd und schmerzhaft zugleich ist. Dies ist großes Kino, das die visuelle Ausdruckskraft feiert und dabei immer wieder Momente beglückender Wahrheit entdeckt.

Fazit: Paolo Sorrentino lässt seine Hauptdarsteller Michael Caine und Harvey Keitel in einem aus der Zeit gefallenen Alpenhotel über das Leben, die Liebe und die Kunst philosophieren. Mit seiner eleganten Bilderpracht zwischen Realität und Traum bietet der Film großes Kino, das die Vorstellungskraft feiert und seine Erkenntnisse auf sinnlichem Wege bezieht.





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