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Wir sind Juden aus Breslau
Wir sind Juden aus Breslau
© Karin Kaper Film

Kritik: Wir sind Juden aus Breslau (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die im Film vorkommenden Zeitzeugen wurden zwischen 1921 und 1931 geboren, unter ihnen befindet sich auch der bekannte Historiker und Publizist Fritz Stern, der im Mai dieses Jahres verstarb. Inszeniert wurde "Wir sind Juden aus Breslau" von den Filmemachern und Autoren Karin Kaper und Dirk Szuszies, die sich seit 2000 auf die Realisierung und den Eigenverleih von Dokumentationen konzentrieren. Immer wieder befassen sie sich in ihren Filmen mit persönlichen, tragischen Familienschicksalen und der deutsch-polnische Geschichte. Zu ihren bekanntesten Dokus zählen "Another Glorious Day" und "Aber das Leben geht weiter", letzterer über die sensiblen Themen Flucht und Vertreibung, der bis heute in über 300 deutschen Kinos zu sehen war. "Wir sind Juden aus Breslau" erlebte seine Deutschland-Premiere beim diesjährigen Cottbusser Filmfest.

"Wir sind Juden aus Breslau" ist ein Kaleidoskop an ergreifenden, sprachlos machenden Einzel- und Familienschicksalen, die der Film klug, mitreißend und zu keiner Sekunde langatmig, miteinander verwebt. Ohne erklärende Off-Kommentierung oder störende Einblendungen, lässt er die 14 Zeitzeugen für sich selbst sprechen. Und mit ihnen und ihren freimütigen, detailreichen Berichten und Erzählungen, taucht man ein in eine längst vergangene Zeit. Die Erinnerung daran aber darf nicht verblassen. Weder die Erinnerungen, die das jüdische Leben und Treiben in Breslau vor dem braunen Terror betrifft, noch die Zeit der Verfolgung, Unterdrückung und millionenfachen Ermordung. Beide Aspekte kommen hier zur Geltung und werden vom Film – detailliert und informativ – berücksichtigt.

Aufgrund der Fülle an Protagonisten ist es gut und sinnvoll, dass die Filmemacher nur bei einigen wenigen noch viel weiter ins Detail gehen. Ein paar von ihnen begleiten sie an Orte der Kindheit und Jugend in Breslau. Alles andere hätte den (zeitlichen wie erzählerischen) Rahmen gesprengt. Diese Momente – wenn die meist 90- bis 95-jährigen an die Orte von damals zurückkehren, die ganz eng mit dem eigenen Schicksal verbunden sind – zählen zu den emotionalsten und nachdrücklichsten des Films.

Da ist z.B. Anita Lasker, die die Jugendlichen (das Treffen der Zeitzeugen mit deutsch-polnischen Jugendgruppen bildet den Rahmen der Handlung), zu einem bestimmten Gleis am Breslauer Hauptbahnhof führt. Genau an jener Stelle wollte Anita einst mit ihrer Schwester nach Österreich fliehen, doch man erwischte sie. Sie kamen ins Zuchthaus, dann ins Vernichtungslager nach Auschwitz und im Anschluss nach Bergen-Belsen. Dort starb Anfang 1945 auch Anne Frank. Die Schwestern überlebten einzig, weil Anita im Musikensemble des Lagerorchesters war und die Nazis für sie daher noch "Verwendung" hatten.

Das Besondere an "Wir sind Juden aus Breslau" ist auch, dass der Film einen Schwerpunkt auf die jüdische Gemeinde Breslaus sowie die Breslauer Juden zu Zeiten der Shoa legt. Das ist filmisch bzw. dokumentarisch bisher und in dieser ausführlichen Weise, noch nicht geschehen. Filme über die jüdischen Gemeinden Berlins oder Warschau während der NS-Zeit gibt es zuhauf, jene in Breslau aber – immerhin die damals drittgrößte in Deutschland – wurde bisher sträflich vernachlässigt. Das ändert der Film jetzt. Darüber hinaus erfährt man immer wieder auch Wissenswertes über Traditionen, Riten und gelebte jüdische Religion im Allgemeinen.

Fazit: Ein wichtiger Film gegen das Vergessen – "Wir sind Juden aus Breslau" konzentriert sich auf das Schicksal der jüdischen Gemeinde im Breslau der 30er- und 40er-Jahre. 14 Zeitzeugen berichten auf offene, freimütige Weise von den erlebten Gräueltaten und der Film versteht es ganz vorzüglich, ihre Aussagen klug und dramaturgisch sinnvoll miteinander zu verweben.





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