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Istanbul Kirmizisi
Istanbul Kirmizisi
© Kinostar

Kritik: Istanbul Kirmizisi (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der türkisch-italienische Regisseur Ferzan Özpetek ("Männer al dente") hat mit diesem in seiner Heimatstadt Istanbul angesiedelten Drama seinen eigenen, gleichnamigen Roman verfilmt. Kirmizisi, das türkische Wort für Zinnoberrot, deutet als Bestandteil des Titels schon an, dass es sich hier nicht zuletzt um eine Liebeserklärung an die Stadt handelt. Sie habe sich enorm verändert, sagen viele, als Orhan nach vielen Jahren zurückkehrt. Er will nur kurz bleiben, aber die Vergangenheit holt ihn ein mit all ihren unbeantworteten Fragen und Versprechen. Zunehmend verschränken sich Fiktion und Realität in Orhans Wahrnehmung, so dass die Handlung eine spannende Rätselhaftigkeit erhält.

Mit Deniz' Verschwinden bekommt die Geschichte eine detektivische Note. Hat Orhan etwas mit Deniz' Verschwinden zu tun, wie die Freundinnen der Mutter eher scherzhaft vermuten? Aber Deniz' Mutter hat Orhan bereits irgendwie zum neuen Familienmitglied erklärt. Auch dass sich sein anfänglicher Wunsch, im Hotel zu wohnen, nicht erfüllen lässt und er bis zuletzt in diesem Haus ein- und ausgeht, weist auf eine verborgene Verbindung der Personen hin. Und natürlich auch darauf, dass Orhan in dieser Stadt eben kein Tourist ist.

Wie oft in Özpeteks Filmen spielt auch Homosexualität eine Rolle, aber sie bleibt hier eher geheimnisvoll angedeutet. Denn auch die schöne junge Neval, eine Symbolfigur für die stolze, lebendige und verführerische Seite der Stadt, scheint Orhan zu interessieren. Özpetek beschäftigt nicht nur, wie sich ein Schriftsteller von der Realität inspirieren lässt, um sie zu verändern. Sondern er stellt auch die Frage in den Raum, ob man sein eigentliches Leben nicht verpasst, wenn man sich davonstiehlt, in eine neue Existenz.

Das rote alte Haus, in dem Orhan wohnt, liegt direkt am Bosporus, fast unterhalb einer modernen, hohen Brücke, die einen Bogen in die Zukunft schlägt. Ständig sind die Sirenen der passierenden Schiffe zu hören und in die Besinnlichkeit der Abendstimmung mischt sich das Geschrei der Möwen. Özpetek flirtet mit Istanbul, lässt sich vom Charme der uralten und doch ewig jungen Metropole umgarnen. So besinnt sich der in Italien lebende Regisseur hier wehmütig und leidenschaftlich auf die eigenen Wurzeln. Aber er versäumt es nicht, mit ein paar Szenen auch politische Kritik zu üben an der Kurdenverfolgung und am autoritären Staat.

Fazit: Mit diesem Drama über einen Autor, der seine Heimatstadt Istanbul nach langer Abwesenheit wiedersieht, gibt sich der in Italien lebende Regisseur Ferzan Özpetek als liebender Sohn der Metropole am Bosporus zu erkennen. Mit seinen Erinnerungen konfrontiert, vertieft sich der Held der Geschichte in ein unentwirrbares Geflecht aus Realität, subjektivem Erleben und Fantasie. So reflektiert der Film auch den künstlerischen Umgang mit Wirklichkeit und Fiktion. Er lässt vieles rätselhaft in der Schwebe, während er der besonderen Atmosphäre dieser Stadt auf sinnliche Weise huldigt.





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