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Kritik: 1917 - Der wahre Oktober (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Regisseurin Katrin Rothe vertieft sich mit diesem originellen, überwiegend animierten Dokumentarfilm in die Ereignisse in St. Petersburg im Verlauf des Jahres 1917. Zwischen dem Sturz des Zaren und der rund acht Monate später erfolgten Machtübernahme der Bolschewiki lag eine labile Zeit des Übergangs, in der vieles möglich erschien. Intellektuelle und Künstler entwarfen und diskutierten konkurrierende Modelle einer neuen, freien Gesellschaft. Rothe erweckt die bewegten Monate zu neuem Leben, indem sie den Aussagen von fünf Künstlern aus dem damaligen St. Petersburg folgt. Diese als Trickfiguren visualisierten Protagonisten bekommen jeweils eine eigene Sprecherstimme und demonstrieren sehr eindringlich die Vielfalt der Ideen und Initiativen in jenen Tagen, zum Teil aber auch die allmähliche persönliche Ernüchterung.

Die in der ehemaligen DDR geborene Filmemacherin hält sich an die Chronologie der in Geschichtsbüchern geschilderten Ereignisse, interessiert sich aber speziell für das Verhältnis von Politik und Kunst. Maxim Gorki und Alexander Benois wollen Kunstdenkmäler vor der Zerstörung durch den revolutionären Mob retten, und das in einer Zeit gewalttätiger Straßenkämpfe. Bald sind die beiden ziemlich desillusioniert, was die neue Freiheit des Volkes angeht. Der Dichter Majakowski hingegen fordert, die Kunst den privaten Sammlern zu entreißen und sie dem Volk zu geben. Lange merken die Künstler in der anarchistischen Stimmung und aufgrund der ungelösten Probleme wie Versorgung und Kriegsteilnahme nicht, dass die Bolschewiki der Demokratie schnell ein Ende bereiten könnten. Die Protagonisten durchlaufen in diesen Monaten eine Entwicklung, die den Film sehr lebendig, aber zuweilen auch anstrengend wirken lässt, weil er sich mit ihnen gerne in Details vertieft.

Die besondere visuelle Gestaltung mit den Legetrickfiguren aus Pappe, Papier, Folie, Stoff spiegelt auf ansprechende Weise die kreative Atmosphäre jener Tage. Gezeichnete Hintergründe, Scherenschnitte, historische Aufnahmen und die akustische Vielfalt aus Sprecherstimmen, Geräuschen und Musik erzeugen ein experimentelles, dynamisches Gesamtbild, das auch humorvolle Töne zulässt. Rothe selbst verbindet die animierten Passagen mit ihren Kommentaren und erstellt vor der Kamera eine kreativ-anschauliche Pinnwand zu den Ereignissen. Der Film bietet dem Betrachter eine Fülle interessanter Fundstücke und vertieft sich in Debatten, die zum Teil sogar erstaunlich aktuell wirken.

Fazit: Die deutsche Dokumentarfilmerin Katrin Rothe vertieft sich auf originelle und lebendige Weise in den Ideen-Wettkampf, den sich russische Künstler und Intellektuelle wie Maxim Gorki und Wladimir Majakowski im Revolutionsjahr 1917 lieferten. Die kreative Gestaltung mit animierten Figuren und Collagen spiegelt ansprechend die Aufbruchstimmung, die damals in der Petersburger Gesellschaft herrschte, als die Demokratie im Entstehen begriffen zu sein schien.





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