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Werner Herzog (Mein liebster Feind)
Werner Herzog (Mein liebster Feind)

Werner Herzog (Mein liebster Feind)

"Ich kenne nicht einmal die Farbe meiner Augen"Der 1942 in München geborene Filmemacher Werner Herzog gilt zusammen mit Wim Wenders und Volker Schlöndorff als einer der drei großen lebenden Regisseure dieses Landes

spielfilm.de: Hellblau, soviel steht fest.

Herzog: Na gut. Sie hätten auch "grün", "braun" oder "schwarz" sagen können. (lacht) Ich glaube Ihnen sowieso kein Wort. Aber: Ich nehme das Gerücht jetzt mal hin.

spielfilm.de: Ist dieses Zweifeln eine Ihrer grundsätzlichen Eigenschaften?

Herzog: Ich würde sowieso niemandem etwas glauben, es sei denn, dass ich es in irgendeiner Weise selbst überprüft habe. Ich bin nicht einer der Leichtgläubigen, man kann mich nicht so leicht aus dem Sattel heben.

spielfilm.de: Lebt es sich mit dieser Einstellung nicht furchtbar anstrengend?

Herzog: Nein, gar nicht. Ich muss ja nicht alles wissen und überprüfen. Zum Beispiel, wie mein eigener Nabel aussieht, wie die Farbe meiner Augen ist: Das muss ich alles nicht wissen. Ich kann vermutlich sehr viel besser damit leben als jemand, der von Selbstbetrachtung und Zweifeln, Verunsicherung und Überpsychologisierung in sich zerrissen ist.

spielfilm.de: Wie würden Sie Ihre Arbeit charakterisieren?

Herzog: In gewisser Weise ist es eine athletische Arbeit und hat nicht viel mit Kopfarbeit - im Sinne von akademischer Analyse - zu tun. Das gibt nie gute Filmleute ab. Seltsamerweise waren viele wichtige Filmregisseure der Welt athletisch, da finden Sie viel mehr als unter den Malern, Musikern oder Schriftstellern.

spielfilm.de: Als Jugendlicher haben Sie eine Karriere als Skispringer angestrebt.

Herzog: Ich wollte Weltmeister werden. Einmal der beste von allen sein, weiter fliegen als alle, mich in die Lüfte erheben und nicht mehr aufhören zu segeln, bis ich allen davongeflogen bin. Nachdem ich mich mit etlichen Weltmeistern im Skifliegen bekannt gemacht und mit einem sogar einen Film gedreht habe, weiß ich heute, dass ich nie auch nur annähernd an die herangekommen wäre. Völlig hoffnungslos und aussichtslos. Ich hätte es vielleicht im besten aller Fälle bis in die deutsche Nationalmannschaft gebracht, die damals, im Gegensatz zu heute, sehr schwach besetzt gewesen ist.

spielfilm.de: Der Traum vom Skispringen ging für Sie dann ohnehin recht schnell zu Ende.

Herzog: Vor meinem 16. Geburtstag ist mein bester Freund sehr schwer verunglückt. Das war so furchtbar, dass ich mich nie wieder in die Nähe einer Schanze gewagt habe.

spielfilm.de: Glauben Sie ans Schicksal?

Herzog: Das ist keine Glaubensfrage. Das ist greifbar und erkennbar. Für mich stand immer außer Zweifel, dass ich einem gewissen Schicksal unterliege. Die Frage, sie sich mir schon relativ früh in meiner Jugend stellte, lautete: Schultere ich mir das auf oder nicht? Und diese Entscheidung habe ich schon früh getroffen, trotz meines Wissens, dass es kein leichtes und angenehmes Leben werden würde.

spielfilm.de: Sie waren gerade 13 Jahre alt und lebten mit Ihrer Mutter in einer Pension in München-Schwabing, da brach das Schicksal in Gestalt Ihres Zimmernachbars Klaus Kinski über Sie herein.

Herzog: Das war ein Tornado, der dort drei Monate ununterbrochen wütete. Komischerweise war ich der einzige - dort lebten ja acht Parteien - der vor ihm keine Angst hatte. Ich habe diesem Naturphänomen vielmehr mit großem Staunen zugesehen.

spielfilm.de: Schon ein Jahr später wussten Sie, dass Sie Filmemacher werden wollten.

Herzog: Ganz klar. Mit 14 haben sich bei mir verschiedene Dinge ergeben, die mich noch heute prägen: Ich bin damals zum ersten Mal zu Fuß unterwegs gewesen und an Albanien entlang gegangen. Genau dort begann auch eine dramatische religiöse Phase und gleichzeitig wusste ich: Ich werde Filme machen. Ich habe dann auch schon relativ früh, während der Schulzeit, nachts in einer Stahlfabrik als Punktschweißer gearbeitet und Geld verdient, damit ich meine ersten Filme finanzieren konnte.

spielfilm.de: Eine formale Ausbildung haben Sie nie genossen.

Herzog: Gott sei Dank. Auf Filmhochschulen kann man nicht viel lernen. Es ist mir auch immer fremd gewesen, das Handwerk zu erlernen, indem man etwa zehn Jahre lang als Assistent arbeitet. Der Gedanke ist mir nie gekommen, ich war immer selbstgestrickt.

spielfilm.de: Sie riskieren gerne alles.

Herzog: Was heißt riskieren. Sie verlieren vielleicht das Geld, aber Sie haben einen Film gewonnen! Das war immer mein Arbeitsprinzip, ganz gleichgültig, ob meine ersten Kurzfilme bis heute noch nicht verkauft sind. Aber ich bin damit aufgefallen. Ich war mit diesen Sachen auf dem Festival in Oberhausen und habe dann ja auch Preise gekriegt. Da hat man gemerkt: Da ist einer!

spielfilm.de: Ihre Biografie ist voller Kuriositäten: 1964 sollen Sie Ihren Mexiko-Aufenthalt durch den Schmuggel von Handfeuerwaffen mitfinanziert haben.

Herzog: Ja gut, ich musste ja irgendwie leben. Ich hatte ja gar kein Geld und war drauf und dran, aus den USA ausgewiesen zu werden. Also bin ich über die Grenze nach Mexiko und habe dort einigen reichen Rancheros ein paar Sachen mitgebracht, einen silberbeschlagenen Colt etwa. Ich habe auch anderen Unsinn gemacht und bin bei Rodeos mitgeritten. Das war allerdings eine recht kurzlebige Karriere, denn ein Stier, auf dem ich ritt, wollte mich an einer Steinwand abstreifen. Leider geriet mein Fuß dazwischen. Das spüre ich manchmal heute noch.

spielfilm.de: Viele, die mit Kinski gearbeitet haben, fühlten sich als Opfer seiner Eskapaden. Sie aber nicht.

Herzog: Nein, nie. Das war schon deshalb zu ertragen, weil allein zählt, was hinterher auf der Leinwand sichtbar ist. Ob das anstrengend war, mit dem Saukerl zu arbeiten, spielte ja gar keine Rolle. Ich hatte mich auch immer mit genügend Philosophie gewappnet, um dem standhalten zu können. Ich war wohl auch der Gefährlichere von uns beiden, weil ich zum Äußersten entschlossen war.

spielfilm.de: Es ging dabei oft um Leben oder Tod.

Herzog: Ich habe ihn bedroht, und zwar so ernsthaft, dass er gemerkt hat: Das ist kein Spaß mehr. Dann hat er einen Rückzieher gemacht.

© Rico Pfirstinger



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