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Catherine Breillat (Romance)
Catherine Breillat (Romance)

Catherine Breillat (Romance)

Gespräch mit Regisseurin Catherine Breillat

spielfilm.de: Ihr Film hat in Frankreich einen richtigen Skandalerfolg gehabt?In sieben Romanen, sieben Filmen hat Catherine Breillat sich über Frauen (und Männer), Sex, Erotik und die Beziehung der Geschlechter ausgelassen. Nebenbei schauspielerte sie und schrieb Drehbücher, u. a. für Maurice Pialat und Federico Fellini. In "Roma

spielfilm.de: In den USA ist ihr Film tatsächlich ohne Altersfreigabe durch die Selbstzensur der Filmindustrie in die Kinos gelangt?

Breillat: Wenn er da durch gegangen wäre, hätte man ihn in kleine Stücke geschnitten wie ein Würstchen. Wir hatten keine Wahl als auf die Freigabe zu verzichten und in weniger Kinos zu spielen. Für die Videoauswertung wird es zwei verschiedene Fassungen geben, eine gekürzte und die vollständige, die aber nicht in allen Videoläden erhältlich sein wird. Das Kino ist eben zugleich Kunst und Kommerz, da kann man nichts machen. Solange die vollständige Version deutlich gekennzeichnet wird, haben dann eben die Idioten Pech, die den Skandal suchen und die falsche Fassung erwischen.

spielfilm.de: Halten Sie Zensur grundsätzlich für falsch?

Breillat: Dass man Kinder und Jugendliche vor den Fantasien der Erwachsenen schützt, damit sie sich ihre eigenen Bilder von der Sexualität machen können - in einem Freiraum, zu dem Erwachsene keinen Zutritt haben - das respektiere ich aus tiefstem Herzen. Aber dass die Erwachsenen selbst sich nicht die Freiheit gestatten, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und sich gegenseitig das Ansehen von Filmen verbieten? Diese Art moralische Zensur basiert auf den selben Grundlagen wie der islamische Fundamentalismus. Eine solche Überheblichkeit! Man muss Bilder nicht mal selber herstellen können, um sie zu zerstören. Und es sind immer gerade die Moralisten, die Verderbtheit überall lauern sehen.

spielfilm.de: In "Romance" ist es eine Frau, die sich sexuell erniedrigt, weil sie von ihrem Freund nicht akzeptiert wird. Ist das ein typisch weibliches Problem?

Breillat: Bei einer Frau wird alles schnell als obszön eingestuft, wenn man ihr an den Kragen will. Selbst ihre Haare gelten als anstößig, und dann muss sie eben ein Kopftuch tragen. Moral ist ein totalitäres Instrument, das sich gegen die Frauen richtet. Auf welchen tatsächlichen moralischen Instanzen bestimmte Maßnahmen beruhen, muss dabei nie legitimiert werden. Die weibliche Sexualität wird grundsätzlich kriminalisiert und als wollüstig abgestempelt. Das ist ein reines Machtspiel. Moralwächter schaffen erst das Übel, vor dem sie uns angeblich bewahren wollen. Alle monotheistischen Religionen sind da betroffen.

spielfilm.de: Sie machen also Thesenfilme?

Breillat: In dem Sinne schon, dass ich eine Frau bin und die Scham, die man mir vor meiner eigenen Körperlichkeit beigebracht hat, nicht ertragen will. Das ist etwas, was mir nicht angeboren ist, sondern das mir anerzogen wurde. Und es lastet immer nur auf den Frauen. Kriminell am Sex ist nicht der Sex selbst, sondern nur die Verbrechen wie Vergewaltigung. Und gerade in den angeblich so moralstrengen Ländern reicht es oft, wenn der Vergewaltiger zur "Wiedergutmachung" sein Opfer zu allem Überfluss auch noch heiratet. Wenn Frauen männliche Herrschaft auch noch verteidigen, nenne ich das immer die weibliche Variante vom Stockholm-Syndrom: da verteidigen Kidnapping-Opfer ihre Geiselnehmer.

spielfilm.de: Einer der Lover Ihrer Heldin in "Romance" ist im wirklichen Leben Porno-Star. Wie vereinbaren Sie das denn mit Ihren feministischen Ansichten?

Breillat: Ich hasse Pornofilme. Sie bringen zum Thema Sexualität genau das zum Ausdruck, was ich ablehne. Da geht es nicht um die wertfreie Darstellung von Sex, um einen Film, sondern immer um den Gebrauchswert als Masturbationsvorlage. Männer nutzen die Erniedrigung der Frau, um zu begehren und sich zu befriedigen. Rocco Siffredi ist in seinen Pornofilmen ganz anders. Der macht nicht bloß so frenetische, mechanische Bewegungen wie eine Nähmaschine. Außerdem habe ich einfach niemand anders gefunden, der die Rolle hätte spielen können.

spielfilm.de: Wie war die denn angelegt?

Breillat: Rocco wirkt nie lächerlich, wenn er vor der Kamera mit jemandem schläft. Körper und Seele spielen zusammen. Er wird wirklich zum Liebhaber seiner Partnerin. Da stellt sich eine echte Harmonie ein. Trotzdem war die Szene nicht einfach, weil Rocco und Caroline Ducey, meine Hauptdarstellerin, natürlich aus völlig verschiedenen Welten kamen. Und das sollte ja schließlich nicht nur ein weiterer Rocco-Siffredi-Film werden. Caroline hatte keine Hemmungen, Gefühle zu zeigen, aber eine echte Porno-Szene war dann doch etwas anderes. Und Rocco hatte ein Problem damit, dass sie nicht ebenso freudig auf ihn einging wie seine üblichen Partnerinnen. Aber dann hat er begriffen, dass ihn dieser Film eben auch etwas kosten musste.

spielfilm.de: Etwas kosten?

Breillat: Ich bin da wie Shakespeares Shylock: Ich fordere ein Pfund Fleisch von meinen Darstellern als Pfand. Rocco hatte kein Problem damit, sich körperlich auszustellen, aber seine Maske fallen lassen und er selbst sein, das wollte er nicht. Für Caroline war das umgekehrt. Sex ist eine Tabuzone, da gibt es diese beinahe religiöse Angst vor dem Tabubruch. Deshalb habe ich Cast und Crew auch erst im letzten Moment mitgeteilt, wer Carolines One Night Stand spielen würde. Man erzählt Leuten, die man im 17. Stockwerk eines Hotels unterbringen will, ja auch nicht vorher, dass es da morgen einen Brand geben wird. Wenn sie erst mal drin sind und der Brand passiert, werden sie sich schon anstrengen, um damit fertig zu werden.

spielfilm.de: Und wie ist es dann gelaufen?

Breillat: Wir hatten alle Schwierigkeiten damit, wie er einen mit den Blicken auszieht. Selbst wenn man ihn nur das kleinste bisschen attraktiv fand, hat er das sofort gemerkt. Das ist eine erschreckende Erfahrung, wenn jemand einen sozusagen ins Unterbewusste blickt. Caroline war in Panik, und das arme Mädchen, das den Mikrofongalgen hielt, hatte noch mehr drunter zu leiden. Sie fühlte sich richtiggehend vergewaltigt. Nach einer Weile stellte man dann fest, dass Rocco auch seine Ängste hat, da ging es. Am Ende waren es die männlichen Team-Mitglieder, die am wenigsten damit umgehen konnten, dass er am Set Hand an sich legte. Mein Kameramann, ein richtiger griechischer Macho, hätte den Film fast geschmissen.

spielfilm.de: Hat sich die Zuschauerreaktion auch in männlich/weiblich geteilt?

Breillat: Glücklicherweise nicht. Anscheinend können die männlichen Zuschauer sich aber doch mit einer Frau identifizieren. Wir Frauen sind ja daran sowieso gewöhnt, auch Filme mit einem männlichen Helden zur Identifikation anzunehmen. Da unterschätzen wir die Männer offenbar: die können das auch. Auch die Presse war positiv, und das sind in Frankreich meist Männer. Am Anfang hat es noch geheißen, das sei der heißeste Film des Jahres. Dabei ist er eiskalt. Es geht ja auch nicht in erster Linie um sexuelle Freuden und Orgasmus, sondern um die Suche nach der eigenen Identität über die Sexualität, um eine Initiationsreise. Die Männer, die ihn deshalb abgelehnt haben, hatten einfach etwas anderes gesucht. Eine Erektion beim Publikum war definitiv nicht geplant.

© Caroline M. Buck / Rico Pfirstinger





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