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"Ein fliehendes Pferd" - Katja Riemann

Katja Riemann über die Bestsellerverfilmung und wieso sie keine Versagensängste mehr hat

"Durch die Schauspielerei verfliegt meine Angst vor dem Leben"Als sich die beiden alten Freunde Helmut (Ulrich Noethen) und Klaus (Ulrich Tukur) zufällig beim Urlaub am Bodensee treffen, ist die Wiedersehensfreude alles andere als gegenseitig: Während Klaus die Situation nutzt, um sich und die freizügige Liebe zu seiner jungen Freundin (Petra Schmidt-Schaller) in Szene zu setzen, gerät Helmut zunehmend in eine Sinnkrise, in der er die Ehe mit seiner Frau zu hinterfragen beginnt. Katja Riemann (43), die in der Verfilmung von Martin Walsers Roman "Ein fliehendes Pferd" die Ehefrau von Ulrich Noethen spielt, hält diese erotische Vierecksgeschichte für universell. In Hamburg erklärte sie uns mehr
Spielfilm.de: Frau Riemann, für "Ein fliehendes Pferd" haben Sie zum siebten Mal mit Rainer Kaufmann gedreht. Wird das mit der Zeit nicht langweilig?
Katja:Nein, weil jeder Film eine neue Geschichte mit sich bringt. Das führt zwangsläufig dazu, dass man neue Facetten an seinen Kollegen erkennt, die einem so vielleicht noch nicht so bewusst waren. Ich halte es für wahnsinnig sinnvoll, kontinuierlich zu arbeiten. Wir Filmschauspieler haben unsere Wurzeln letztlich am Theater und die Truppen von Shakespeare und Molière haben ja auch alle jahrelang miteinander gearbeitet. Man entwickelt mit der Zeit einfach eine ähnliche Sprache und sogar eine ähnliche Fantasie.Spielfilm.de: Sie haben in dem Film kurze Haare. Haben Sie sich anfangs dagegen gesträubt?
Katja:Ich entscheide seit Beginn meiner Karriere selbst, wie ich aussehe. Ich halte die Departements Maske und Kostüm trotzdem für sehr wichtig, weil sie ein gutes Mittel sind, um einen Charakter zu beschreiben. Der erste Eindruck vermittelt sich meistens über das Aussehen bzw. die Kleidung. Den Menschen dahinter lernt der Zuschauer ja erst sehr viel später kennen. Wer ein wenig mit meiner Karriere vertraut ist, weiß, dass ich immer gerne mit Verwandlung gespielt habe. Bei diesem Film hielt ich es fürratsam, mit kurzen Haaren zu spielen. Also habe ich das auch gemacht.Spielfilm.de: Gedreht wurde am schönen Bodensee. Kam bei der Arbeit so etwas wie Urlaubsstimmung auf?
Katja:Wir hatten im Juli letzten Jahres ja einen ganz heißen Sommer, nur hörte der plötzlich auf, als wir im August mit den Dreharbeiten begannen. Unser erster Drehtag war so kalt und dunkel, dass ich tierische Angst hatte, dass das über volle sechs Wochen so weitergeht. Wir wollten den Bodensee natürlich so schön wie möglich in Szene setzen, aber er hat sich des öfteren gewehrt. Just wenn man eine Szene auf einem Schiff drehen wollte, stellte sich eine Flaute ein. Trotzdem war der Dreh an, auf und im Wasser sehr schön. Besonders gern erinnere mich an die Abendstimmung, wenn die tiefstehende Sonne den See in ein wohltuendes Licht getaucht hat.Spielfilm.de: Wie steht Romanautor Martin Walser zu der Verfilmung?
Katja:Soviel ich weiß ist er sehr angetan. Ich habe ihm aber nur einmal kurz beim Abschlussfest die Hand geschüttelt, deshalb kann ich nicht von meinen eigenen Erfahrungen berichten.Spielfilm.de: Unter anderem diskutiert der Film die Frage, wie schwer es manchmal ist, seine Ziele im Leben wirklich zu erreichen. Beschäftigt man sich als Schauspieler während solcher Dreharbeiten automatisch auch persönlich mit den Fragen, die ein Film aufwirft?
Katja:Wir sind Schauspieler und beschäftigen uns natürlich aufgrund unseres Berufes permanent mit dem Leben, dem Menschsein und unseren zwischenmenschlichen Beziehungen in all ihrer Mannigfaltigkeit. Ähnlich einem Psychologen ist es auch unser Job, zu beobachten und uns dafür zu interessieren. Wir tun dies allerdings nicht, um Lösungen anzubieten, sondern anderen den Spiegel vorzuhalten und im besten Fall etwas zu reflektieren. Es ist natürlich insofern ein großartiger Beruf, weil man sich mit Menschen beschäftigt, aber vornehmlich geht es darum, dem Stück an sich zu dienen. "Ein fliehendes Pferd" hat in meinen Augen auch ein sehr universelles Thema: Denn das Thema Mann, Frau und ihre Beziehung untereinander geht uns alle an, egal wie alt wir sind. Ich zum Beispiel hatte in meinem Leben noch nie eine so lange Beziehung, wie das Pärchen im Film, kann mich aber trotzdem damit identifizieren.Spielfilm.de: Beim Betrachten des Films kam mir ein Sprichwort in den Sinn: "Der, der ich bin, grüßt trauernd den, der ich gerne sein möchte." Sie dagegen wirken immer sehr ausgeglichen und zufrieden mit Ihrer Person. Was ist Ihr Geheimrezept?
Katja:(lacht) Ganz einfach: Ich liebe meinen Beruf abgöttisch. Ich bin mit Haut und Haar und aller Leidenschaft Schauspielerin. Wenn ich spielen kann, fühle ich mich sicher und auch ein bisschen geborgen. Die Angst vor dem Leben verfliegt.Spielfilm.de: Versagensängste plagen Sie nie?
Katja:Ich bin seit zwanzig Jahren Schauspielerin und weiß, wie ich mit meinem Beruf umzugehen habe. Wenn ich eine Szene nicht gut gespielt habe, versuche ich das zwar zu ändern, aber ich breche nicht mehr in Panik aus. Ich weiß inzwischen, dass ein Filmdreh eine Teamarbeit ist, bei der jedes Mal Fehler passieren. Das ist aber kein Grund, in Selbstzweifel auszubrechen. Ich bereite mich auf meine Rollen lange und ausführlich vor und gebe mein Bestes. Das muss reichen.Spielfilm.de: Vor Langeweile schützt Sie, dass in Ihrem Beruf eigentlich keine Routine aufkommen kann?
Katja:Natürlich! Ich spiele jetzt Rollen, die ich vor zehn Jahren gar nicht hätte spielen können. Mütter von schönen jungen Männern zum Beispiel! (lacht)Spielfilm.de: Viele Frauen beklagen sich genau darüber: dass Sie mit zunehmendem Alter keine Hauptrollen mehr spielen dürfen, sondern eher in Nebenrollen besetzt werden.
Katja:Eine Nebenrolle hat in der ersten Anmutung so einen abwertenden Beigeschmack, kann aber doch trotzdem eine ganz reichhaltige, facettenreiche Person sein, die mir als Schauspielerin extrem viel abverlangen kann. In einigen meiner letzten Filme war ich abwechselnd die Mutter von Max Riemelt, Tom Schilling und Josef Mattes und alle Rollen waren sehr spannend. Schade wird es nur dann, wenn man sich für seine wenigen Szenen Mühe gibt, und sie nachträglich trotzdem wieder gekürzt werden. Bei Dani Levys "Der Führer" war das zum Beispiel der Fall: Ich habe Eva Braun gespielt, wurde nachträglich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen wieder gekürzt und bin in dem Film nun leider überhaupt nicht mehr vorhanden.Spielfilm.de: Gibt es Dreharbeiten, an die Sie sich am liebsten zurückerinnern?
Katja:Ich drehe bewusst nicht mehr als zwei Filme im Jahr und empfinde Dreharbeiten deshalb eigentlich immer als sehr schön. Man wird als Schauspielerin ja auch wundervoll bemuttert. (lacht) Man darf trotz aller Vorzüge aber nicht vergessen, dass Drehtage irrsinnig anstrengend sein können. Aber ich mag es, abends mit dem befriedigenden Gefühl nach Hause zu kommen, etwas geleistet zu haben.Spielfilm.de: Freizügigkeit scheint Ihnen keine Probleme zu bereiten: Wo andere Schauspielerinnen darauf bestehen, dass die Kamera wegschwenkt, zeigen Sie Szenen lieber explizit. Warum ist das so?
Katja:Ich wurde sehr freizügig erzogen und bin deshalb als Schauspielerin auch nicht besonders eitel.Spielfilm.de: Ihr letzter Film "Ich bin die Andere" war aus künstlerischer Sicht für Sie sehr befriedigend, floppte aber an der Kinokasse. Wie groß ist da die Frustration?
Katja:Ich fand das ganz traurig. Ich lese zwar keine Kritiken, habe aber von Freunden erfahren, dass wir in den deutschen Zeitungen nicht besonders gut wegkamen. Margarethe ging es danach auch sehr schlecht, und sie hat ihre Pläne, nach Deutschland zurückzukehren, sofort wieder aufgegeben. Ich finde, dass man mit einer so großen Regisseurin einfach nicht so umgehen darf. Man kann den Film mögen oder nicht, aber man muss zugestehen, dass es sich zumindest um einen sehr interessanten Ansatz handelte. Aber davon wollte man in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich, Skandinavien, Spanien und Kanada nichts wissen. Aber wir sind trotzdem stolz: Es war schon Leistung genug, einen solchen Film überhaupt auf die Leinwand zu bringen.






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