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"The Tourist": Interview mit Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck

Wenn meine Lernkurve in Hollywood abflacht, komme ich wieder nach DeutschlandVor drei Jahren gewann Florian Henckel von Donnersmarck den Oscar für sein weltweit gefeiertes Regiedebüt "Das Leben der Anderen". Seitdem rätselte nicht nur Hollywood, was der 37-Jährige mit seinem neu gewonnen Ruhm anstellt. Nun kommt mit "The Tourist" ein opulent inszenierter Unterhaltungs-Blockbuster in die Kinos, in dem Donnersmarck niemand geringeren als Angelina Jolie und Johnny Depp durch Venedig jagt. In Berlin trafen wir den Regisseur zum Gespräch.
Spielfilm.de: Herr Henckel von Donnersmarck, wieviele Drehbücher und Projekte haben Sie sich nach dem Oscar für "Das Leben der Anderen" angsehen, bevor Ihre Wahl auf "The Tourist" fiel?
Florian Henckel von Donnersmarck:In etwa Hundert. Anfangs habe ich jede Woche noch ein halbes Dutzend gelesen, dann immer weniger. Ich habe mich lieber wieder aufs Schreiben konzentriert, bis ich von etlichen Schauspielern und Produzenten hörte, dass sie beleidigt sind, dass ich ihre Projekte noch nicht einmal lese. Also habe ich wieder zu Lesen angefangen.Spielfilm.de: War die Entscheidung denn so schwierig?
von Donnersmarck:Überlegen Sie mal, welche Filme der letzten zwei Jahre uns als Filmprofis begeistert haben! Das sind schon wahnsinnig wenige. Nun kann man sich vorstellen, dass der Prozentteil der gelungenen Drehbücher bei unverfilmten Projekten noch sehr viel kleiner ist. Es ist also wirklich schwer, ein Drehbuch zu finden, das irgendetwas hergibt.Spielfilm.de: Ihr Debüt wurde auf der ganzen Welt umarmt. Empfanden Sie großen Druck, einen ebenbürtigen Nachfolger abzuliefern?
von Donnersmarck:Natürlich. Aber letztendlich muss man versuchen, sich davon freizumachen. Man muss den Stimmen im Kopf gut zureden und sich klarmachen, dass sie gar nichts nützen. Es gibt ja guten und schlechten Druck: die Anspannung, die dich nervös und änglich macht, musst du von dir schieben, diejenige, die dich zu Höchstleistungen anspornt, so gut es geht beibehalten. Mir half persönlich, dass ich meiner Funktion als Regisseur eingentlich permanent andere beruhigen musste und so nur wenig Zeit hatte, selbst Angst zu haben.Spielfilm.de: Warum haben Sie sich gerade für diesen Film entschieden?
von Donnersmarck:Als mich das Projekt erreichte, war der Kern eine sehr interessante Rolle, die genau auf Angelina Jolie passte. Ich sah eine Möglichkeit, wie ich das neu schreiben und es so zu einem vierhändigen Klavierstück zwischen ihr und einem ebenso charismatischen Co-Star machen könnte.Spielfilm.de: Jolie gab also als erste die Zusage, mit Ihnen drehen zu wollen?
von Donnersmarck:Jeder große Hollywood-Star hat etwa zwanzig Projekte, mit denen er sich zeitgleich beschäftigt. "The Tourist" war eines davon. Eines Tages rief sie mich an und sagte: "Ich mag zwar das Drehbuch so nicht, finde aber irgendetwas daran interessant. Vielleicht kannst du etwas daraus Gutes zimmern – und wenn du das auch glaubst, dann mache ich es." Und so nahm alles seinen Anfang.Spielfilm.de: Wieso gerade Angelina Jolie?
von Donnersmarck:Na, wer bitte sonst? Wen gibt es sonst, der so schön und schillernd ist? So stark und weiblich zugleich? Die Frau hat einfach alles. Und das wird einem mit jedem Tag, den man mit ihr dreht, nur noch klarer. In meinen Film wollte ich ihr die Möglichkeit geben, ihrer natürlichen Eleganz freien Lauf zu lassen.Spielfilm.de: Wie kam Johnny Depp ins Spiel?
von Donnersmarck:Ich habe ihn Anfang Dezember 2009 getroffen und grob umrissen, was ich aus dem Drehbuch und seiner Rolle machen wollte. Das hat ihm gefallen. Er stand mir allerdings nur zur Verfügung, wenn ich möglichst schnell mit den Dreharbeiten begann. Denn ab Mai musste er schon wieder den Piraten spielen. Also begann ich in irrsinniger Eile, das Drehbuch umzuschreiben und mich vorzubereiten. Ende Februar ging es dann los. Irgendwie war dieser Rausch der schnellen Fertigstellung dann aber auch besonders reizvoll.Spielfilm.de: Wie umfangreich waren denn bei diesen beiden Superstars die Vertragsklauseln, die Komfort und Umgangsweise am Set definieren?
von Donnersmarck:Das war schon alles ziemlich detailliert ausformuliert. Aber letztendlich schaut dann doch niemand in den Vertrag. Es wird einfach der größte Wohnwagen bestellt, den es gibt. (lacht) Überhaupt war alles absurd luxuriös. Aber das scheint bei Hollywood-Filmen so üblich zu sein. Viel von dem Budget wird verwendet, um einen Glanz und Glamour auf die Leinwand zu zaubern, den man mit einem europäischen Budget nicht hinbekommen könnte. Aber sehr viel geht auch dadurch drauf, dass die Dreherfahrung für alle ein wahnsinnig luxuriöses Erlebnis ist. Mir tut das immer ein bisschen weh, aber so ist eben die Studiotradition.Spielfilm.de: Geben Sie und doch mal ein Beispiel.
von Donnersmarck:Unser gesamtes Team – bis hin zum dritten Beleuchtungsassistenten - wohnte in Venedig im 5 Sterne Hotel Danieli. Da fragte ich dann auch vorsichtig nach, ob das so sein muss und ob ich – um mit gutem Beispiel voran zu gehen – in ein billigeres Hotel ziehen sollte. In Hollywood fand man meine Nachfrage nur 'sehr euorpäisch'. (lacht) Man will, dass es allen am Set gutgeht, weil dann auch härter gearbeitet werden kann. Vielleicht mag das sogar stimmen.Spielfilm.de: War es schwierig für Sie, sich bei Ihrer Arbeitsweise an erhöhte Budgets und ständige Kontrolle zu gewöhnen? Ihr erster Film war - rein logistisch betrachtet -dagegen ja reinster Kinderkram.
von Donnersmarck:Als ich mit dem Dreh begann, fühlte es sich keinen Deut anders an als wie bei "Das Leben der Anderen". Wenn du mit den Schauspielern am Set bist, macht es keinen Unterschied, ob da nun Angelina Jolie und Johnny Depp stehen, oder eben Ulrich Tukur und Sebastian Koch. Es ist das Gleiche. Die Mannschaft ist natürlich viel größer, aber das hat eher mit der Schnelligkeit zu tun, mit der sie arbeitet. Meine Kommunikation bleibt weitestgehend gleich. Ich spreche überwiegend mit Szenenbildner, Kostümbildner und Kameramann, die alles im Anschluss mit ihren Departments abstimmen und delegieren. Meine tatsächliche Erfahrung war also gar nicht so anders.Spielfilm.de: Kommen Sie schon: ein Dreh mit Angelina und Johnny muss teilweise absolut verrückte Ausmaße angeommen haben.
von Donnersmarck:Sicherlich. Bei manchen Szenen in der Nähe des Markusplatzes in Venedig hatten wir zigtausend Zuschauer, die sich die Kehle aus dem Leib schrieen. Manchmal musste ich eine ganz intime Szene inszenieren und die Zuschauer per Megafon einfach bitten, leiser zu sein, weil wir so unmöglich arbeiten konnten. Ich sagte dann nur: "Ich freue mich sehr, dass ihr unsere Schauspieler so liebt. Ich liebe sie auch, aber genau deshalb brauche ich nun absolute Ruhe, bis ich cut sage."Spielfilm.de: Erinnern Sie sich an den genauen Moment, als Sie sich beruflich wie privat für Hollywood und gegen Deutschland entschieden?
von Donnersmarck:Ich wusste immer schon, dass ich das amerikanische System auch kennenlernen will. Ich wollte nicht das Gefühl haben, nur in der zweiten Liga ganz gut zu sein. Trotzdem hatte ich immer den Hintergedanken, irgendwann auch hier in Deutschland wieder Filme zu machen. Wenn meine Lernkurve dort etwas abflacht, habe ich deshalb auch vor, wieder nach Deutschland zu kommen und hier die deutschen Geschichten zu drehen, die mir am Herzen liegen.Spielfilm.de: Was haben Sie in Ihrem ersten Schuljahr denn so hilfreiches gelernt?
von Donnersmarck:(lacht) Ich habe mir die Leute zusammengesucht, deren Arbeit mich wirklich interessiert. Mein Lichtbestimmer etwa war der Mann, der die Farbwelten von David Fincher über die Jahre entwickelt hat. Mein Kameramann hat viel mit Peter Weir und Anthony Minghella gearbeitet und mir sehr geholfen, meiner eigenen Bildsprache näher zu kommen. Mein Szenenbildner hat mit Syney Pollack an seinem letzten Film gearbeitet und konnte den kalifornischen Glanz an mein Set nach Venedig bringen. Ich hatte eine Liste von Leuten, die ich mir aus genau diesem Grund schon während der Filmschulzeit zusammengestellt hatte. Ich wusste: sobald ich in Amerika einen Film mache, will ich mit diesen Leuten arbeiten. Das hat nun geklappt. Insofern habe ich hier ganz massive Industriespionage betrieben. (lacht)Spielfilm.de: Apropos Syndney Pollack und Anthony Minghella: die beiden Produzenten hatten sich gleich nach den Oscars die Rechte für eine Neuverfilmung von "Das Leben der Anderen" gesichert, nun sind beide innerhalb von kürzester Zeit gestorben. Was ist nun aus derem Vorhaben geworden, ihren Film in englischer Sprache neu zu verfilmen?
von Donnersmarck:Als Anthony plötzlich starb, arbeiten Sydney und ich trotzdem weiter an der neuen Version. Dann starb auch noch Syndey – und nach einer Weile fielen die Rechte zurück an mich. Daraus wird also erst einmal nichts. Das ist ja auch nicht weiter schlimm. Für mich war es mehr ein Mittel zum Zweck, um konstruktive Zeit mit den beiden zu verbringen.Spielfilm.de: Kann man sich eine US-Version von "Das Leben der Anderen" überhaupt vorstellen?
von Donnersmarck:Wir hatten schon einen sehr guten Ansatz. Die Idee war, es in einem Amerika der nahen Zukunft anzusiedeln, in dem ein neuer großer Terroranschlag passiert, das Land in einen totalen Zustand der Panik verfällt und die Sicherheitsmaßnahmen so verschärft, dass es eigentlich zum Überwachungsstaat wird. Es war eine sehr interessante Vision einer nahen Zukunft in Amerika.Spielfilm.de: Stimmen die Gerüchte, dass Sie nun als nächstes einen Polit-Thriller mit Denzel Washington in der Hauptrolle drehen wollen?
von Donnersmarck:Nein. Es ging hier um ein sehr intelligentes, witziges Action-Drehbuch über einen politischen Quereinsteiger, der entgegen aller Wahrscheinlichkeit plötzlich zum Präsidenten gewählt wird, dann neuen Wind nach Washington bringen will und dabei merken muss, dass dort alles eigentlich eine große Verschwörung ist und er als Präsident gar nichts ausrichten kann. Gemeinsam mit einem ehemaligen Marine-Soldaten – gespielt von Denzel - hat er dann vor, diese Verschörung zu zerschlagen und aufzuräumen. Tom Cruise und ich wollten das Drehbuch gemeinsam anpacken und haben uns sehr oft getroffen, um die Geschichte weiterzuentwickeln. Aber dann kam Obama und die Realität holte unsere Fiktion ein. Es gab zu große geschmacklose Parallelen. Irgendwann haben Tom und ich uns in die Augen gesehen und gesagt: eigentlich können wir das nicht mehr guten Gewissens machen. Das Projekt ist also erst einmal tot. Wir werden sehen, was als nächstes kommt.Spielfilm.de: In Ihrer Dankesrede bei den Oscars haben Sie Arnold Schwarzenegger gedankt. Wieso?
von Donnersmarck:Weil er mich mit seiner Art immer sehr inspiriert hat. Er ist ein Mensch, der einfach alles getan hat, was er sich im Leben vorgenommen hatte. Jemand, der keine Ausreden und Ausflüchte sucht. Er wurde zum besten Bodybuilder der Welt, obwohl es den Sport in seiner kleinen Heimat bei Graz damals gar nicht gab. Er wurde verlacht und trotzdem Filmstar. Und als ihm alle sagten, er hätte als Ausländer keine Chance, schaffte er es trotzdem bis zum Gouverneur in Kalifornien. Er ist einfach jemand, der allen zum Trotz alles schafft – und insofern finde ich ihn eine sehr beeindrucke Persönlichkeit. Ich bin gespannt, was er nach dem Ende seiner Amtszeit im Januar machen wird.Spielfilm.de: Hat er bei Ihnen schon angeklingelt?
von Donnersmarck:Jaja, wir sprechen öfter. Aber ein gemeinsames Filmprojekt? Ich glaube, dass zurzeit jeder unter der Sonne bei ihm anklingelt, um einen Film mit ihm zu bekommen. Aber er kann ja auch Senator werden oder Minister in Obamas Kabinett. Er kann machen, was er will, außer einer Sache: er kann nicht Präsident werden – und ich glaube, das schmerzt ihn sehr.Spielfilm.de: Bei all den Namen und Erlebnissen, die Sie so aufzählen: Grinsen Sie manchmal beim Gedanken daran, welche Liga Sie nach Ihrem zweiten Film erreicht haben?
von Donnersmarck:Naja, wissen Sie: Es ist so, dass ich in meinem Kopf schon immerzu mit diesen Leuten so umgegangen bin, dass es mir lange Zeit fast unnatürlicher vorkam, nicht mit ihnen zu tun zu haben. (lacht)





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