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King of Devil’s Island - Interview mit Marius Holst

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"Es ist eine zeitlose Geschichte, die davon erzählt, wie Unterdrückung und Freiheitsverlangen aufeinanderprallen."Der norwegische Regisseur Marius Holst studierte an der London Film School und erhielt für seinen Film „Ti kniver i hjertet (Zehn Messer ins Herz)“ 1995 den Blauen Engel bei der Berlinale. Mit „Blodsbånd – Mirush und sein Vater“ gewann er den Großen Preis beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Sein neuster Film „Kongen av Bastøy (King of Devil’s Island)“ wurde 2011 bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck mit dem NDR-Spielfilmpreis und dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Spielfilm.de:
Ihr Film „King of Devil’s Island“ basiert auf einer wahren Geschichte. Wie haben Sie sie gefunden?

Marius Holst:
Die Gefängnisinsel Bastøy ist allen bekannt, die im südöstlichen Norwegen aufgewachsen sind. Ich bin in Oslo groß geworden, also ungefähr zwei Stunden von der Insel entfernt, die ja im Oslo-Fjord liegt. Dort kennt jeder den Mythos von dieser Insel. Aber in „King of Devil’s Island“ erzählen wir ein dunkles Kapitel, über das nicht viel geredet wird. Deshalb wusste ich, es gibt eine Geschichte, aber ich kannte anfangs nicht alle Fakten. Dann habe ich angefangen, mit Leuten zu reden und nachzuforschen. Dabei habe ich einen Mann getroffen, der tatsächlich dort war. Und er war einer der ersten, der mit mir über seine Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen hat.

Spielfilm.de:
Also erzählen Sie in Ihrem Film eher eine Geschichte, die dort hätte stattfinden können – nicht ein einzelnes persönliches Schicksal?

Holst:
Die Charaktere des Films sind von Menschen beeinflusst, über deren Leben ich gelesen habe. Auch die Zustände dort, der Aufstand und das Eingreifen der Soldaten sind Fakten. Aber wir erzählen nicht die Geschichte eines bestimmten Menschen und haben Elemente hinzugefügt, damit die Charaktere stimmig sind.

Spielfilm.de:
Was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?

Holst:
Es ist eine zeitlose Geschichte, die davon erzählt, wie Unterdrückung und Freiheitsverlangen aufeinanderprallen. So etwas könnte auch heute irgendwo auf der Welt stattfinden. Zugleich ist diese Insel ein fast mythischer Ort, der in der Nähe des Ortes liegt, an dem ich aufgewachsen bin. Auch die Kinder und Männer, die dort waren, haben mich interessiert. Zusammen mit dem Aufstand wurde es dann zu einer Geschichte, die ich als Film sehen konnte. Vor allem war es aber diese Ungerechtigkeit, die alles schwer vorzustellen aber auch faszinierend macht. Wenn sich in dieser Zeit Kinder dieser sozialen Klasse gegen Erwachsene auflehnen, dann musste schon etwas sehr falsch mit dem System sein.

King of Devils Island Alamode Film
King of Devil's Island
© Alamode Film
Spielfilm.de:
Wie viele Jungen sind nach Bastøy gekommen und wurden auch wieder freigelassen?

Holst:
Es wichtig zu wissen, dass es nicht wirklich ein Gefängnis war, sondern ein Heim für Jungen. Deshalb gab es kein gerichtliches Urteil mit einer festgelegten Strafe, sondern die Jungen kamen dort hin, weil der Staat die Eltern für unfähig für die Erziehung hielt. Die Gründe waren unterschiedlich. Sie haben getrunken oder dem Kind in anderer Weise geschadet. Dann wurden die Jungen aus der Familie genommen und nach Bastøy geschickt. Dort sollten sie durch harte Arbeit wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Sie waren also dort, bis die Verantwortlichen dachten, sie seien bereit, in die Gesellschaft zurückzukehren. Das konnten sechs Monate oder auch zwei Jahre sein. Ein Mann, mit dem ich gesprochen habe, war über sechs Jahre dort.

Spielfilm.de:
Wurden viele Fluchtversuche unternommen?

Holst:
Es war sehr schwierig, von der Insel zu flüchten. Selbst wenn die Jungen es auf die andere Seite des Fjordes geschafft hatten, erkannten die Bauern und anderen Menschen an den Uniformen, woher sie kamen. Dann haben sie die Polizei verständigt.

Spielfilm.de:
Und die Kinder waren ja teilweise auch erst zehn Jahre alt. Und wie Sie bereits gesagt haben: In dem Alter rebellierte man damals nicht gegen Erwachsene.

Holst:
Sie haben es noch nicht einmal gewagt, nach ihrer Rückkehr in die Gesellschaft über ihre Erfahrungen zu sprechen. Als der Film in Norwegen herauskam, wurde der Mann, mit ich gesprochen habe, für das Fernsehen interviewt und gefragt, ob er mit seiner Familie über seine Vergangenheit geredet hat. Er war zu diesem Zeitpunkt Mitte 70 und hatte bis zu diesem Tag noch nicht einmal seiner Frau davon erzählt. Sein ganzes Leben lang hat er geschwiegen, weil es beschämend und stigmatisierend war, nach Bastøy geschickt zu werden.

King of Devils Island Alamode Film
King of Devil's Island
© Alamode Film
Spielfilm.de:
Stimmt es, dass Bastøy nun ein Luxus-Gefängnis ist?

Holst:
Ja, es ist seit einigen Jahren ein offener Vollzug für Erwachsene, die beispielsweise ein Wirtschaftsverbrechen begangen oder bereits lange Strafen abgesessen haben und dort den Rest der Zeit verbringen.

Spielfilm.de:
Mir hat die Farbgebung Ihres Films sehr gut gefallen. Es beginnt mit den kalten blau-grauen Farben, die sicherlich für diese Art von Filmen recht typisch sind. Aber gerade in der zweiten Hälfte des Films, wenn die Jungen ihren Aufstand beginnen, werden diese Farben sehr intensiv, sehr natürlich und sie betonen die Dramatik. Wie haben Sie diesen Look entwickelt?

Holst:
Wir wollten die Kälte in unserem Film haben, da Bastøy sowohl physisch als auch psychisch ein kalter Ort war, an dem die Jungen ihre Individualität ablegen musste. Deshalb sollte auch der Zuschauer diese Kälte spüren. Nun ist sie sogar im Film zu sehen, beispielweise wenn die Jungen atmen ist zu erkennen, dass es selbst in den Gebäuden kalt ist. Aber diese Kälte sollte nicht stilisiert wirken. Also haben wir im Spätherbst bis in den Winter hinein gedreht. Zu dieser Jahreszeit wussten wir, dass wir das diffuse Licht, die Farben und die Kälte vor Ort finden werden. Es ist ja bis zum Beginn des Aufstandes fast ein Schwarzweiß-Film, aber dann kommen durch die Flammen und das Blut Farben hinzu, die zuvor nicht zu sehen waren. Sie sollen den Widerstand und die Wut ausdrücken, die sich im Verlauf des Films entwickeln – und hoffentlich hat die Farbgebung einen psychologischen Effekt auf den Zuschauer.

Spielfilm.de:
Die Charaktere sind sehr stark, insbesondere Benjamin Helstadt und Trond Nilssen spielen sehr kraftvoll. Wie haben Sie sie gefunden?

Holst:
Benjamin habe ich bereits für einen Pilotfilm entdeckt, den wir vor zwei Jahren gedreht haben, um die Finanzierung zu erhalten. Er hatte bereits in jüngeren Jahren beim Film gearbeitet, aber das ist seine erste Rolle als junger Mann. Eine passende Besetzung für die zweite Hauptrolle zu finden, war nicht leicht. Wir suchten jemanden, der in diese Zeit und Umgebung passen würden. In den großen Städten waren die meisten 17- und 18-jährigen durch zu viel Sushi und Workout im Fitness-Studio aber zu modern. Sie sahen nicht aus, als hätten sie 1915 gelebt. Auch die Theater-Kinder sahen zu sehr nach 2010 aus. Also sind wir aufs Land gefahren und haben schließlich Tronde gefunden. Er ist in vielen Einrichtungen aufgewachsen, deshalb weiß er, wie es ist. Er bringt diese Geschichte mit sich.

King of Devils Island Alamode Film
King of Devil's Island
© Alamode Film
Spielfilm.de:
Wie sah die Vorbereitung auf diese Rolle aus?

Holst:
Wir haben mit ihm und den anderen Jungen, die größere Rollen spielen, viel geprobt und improvisiert. Außerdem hatten wir eine Art Boot-Camp, wo sie lernten, mit Grundlagen zu arbeiten und zu improvisieren.

Spielfilm.de:
Ich mochte auch den dritten Jungen, der ebenfalls flieht, sehr gerne. Er hat nicht viel Text, aber mit seinem Gesicht drückt er sehr viel aus.

Holst:
Er wollte eigentlich noch nicht einmal zu dem Casting kommen, sondern war einfach an der Schule. Dann fragte ihn jemand, ob er nicht hingehen will. Er sagte dann, „nicht wirklich“, wurde aber überredet. Ursprünglich hatte er sogar ein wenig mehr Text, aber am Ende dachte ich, er sei so stark, dass ich seine Sätze streichen kann. Denn manchmal ist es stärker, weniger zu sagen. Gerade in dieser Situation würden Kinder eher verstummen als über ihre Probleme zu reden.

Spielfilm.de:
Mir hat außerdem auch der Charakter des Heimleiters Håkon – gespielt von Stellan Skarsgård – gefallen, da er durchaus ambivalent ist und tatsächlich an seine Arbeit zu glauben scheint. Und er stolpert letztlich über seine Gier, also eine ganz normaler Fehler von einflussreichen Männern. Wie interpretieren Sie seine Rolle?

Holst:
Er ist ein Mann seiner Zeit, deshalb ist es auch wichtig, dass er wirklich an Bestrafung glaubt – wie es die Mehrheit der Väter tat, die ihre Kinder schlug. Das war zu der Zeit durchaus üblich. Ich würde ihn daher auch nicht als sadistisch beschreiben, sondern er glaubt an das Projekt und hält sich für die Kinder verantwortlich. Er zieht auch seinen Stolz daraus, dass er diese Kinder wieder auf Linie bringt, damit sie in die Welt zurückkehren können. Aber es endet immer böse, wenn ein einflussreicher Mann in exponierter Stellung in einer Co-Gesellschaft lebt, in der er unbegrenzte Macht hat. Das sieht man schon an Institutionen wie der katholischen Kirche. Sobald also etwas passiert, ein Kind geprügelt oder missbraucht wird, versucht er, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Das ist in solchen Machtstrukturen recht gewöhnlich – und diese Parallelen wollte ich zeigen. Außerdem scheinen diese einflussreichen Menschen zu denken, es sei ihr Recht, sich selbst zu bereichern.

Spielfilm.de:
Mir hat auch gefallen, dass Stellan Skarsgård diese Rolle spielt, weil er ein sehr sympathischer Schauspieler ist. Aber worüber ich während des Films nachdenken musste: Hat es einen Einfluss auf die Rezeption in Norwegen, dass er ein schwedischer Schauspieler ist?

Holst:
Nicht wirklich. Natürlich wissen norwegische Zuschauer, dass er ein schwedischer Schauspieler ist, aber in diesem Film spielt es keine Rolle. Ich finde, man sollte den richtigen Mann für diese Rolle finden und in fünf Minuten haben wir vergessen, ob er Schwedisch oder Norwegisch oder Dänisch spricht. Schwedisch und Norwegisch sind die zwei nächsten Sprachen, sie sind sich so ähnlich. Da gab es keine Kommentare.

Spielfilm.de:
Aber man verbindet oft auch einen Akzent oder Dialekt mit einer bestimmten Eigenschaft.

Holst:
Er spricht ja Schwedisch und versucht nicht Norwegisch zu reden. Aber das ist natürlich auch gut und passt zu dieser Arroganz. Zu dieser Zeit war Schweden ja das reichere Land.


Interview geführt von Sonja Hartl





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