"Alfie": Jude Law (31) über das Leben als Playboy, Sexszenen am Morgen und warum er Gefahr läuft
"Ich musste den Alfie in mir finden"Was ist bloß in Jude Law gefahren? Erst lässt der Beau auf Großbritannien seine Frau Sadie Frost für andere Liebeleien rücklings liegen, nun wandelt sich auch sein Image auf der Leinwand: Als charmanter und gut gekleideter Playboy verdreht Jude in "Alfie" zahllosen Frauen den Kopf und verbringt nur selten eine Nacht alleine. Beim Interview in New York erklärte uns der 31-Jährige, wie es zu diesem plötzlichen Imagewandel kam und wie anstrengend Sexszenen um sieben Uhr morgens sein können.
Spielfilm.de: Mr. Law, wir wundern uns etwas über Ihre Rolle als "Alfie"!
Jude Law: Anfangs wollte ich auch ablehnen, weil ich Angst vor dieser Herausforderung hatte. Ich wusste nicht, ob ich so einen Charakter spielen kann. Außerdem war ich ängstlich, weil ich in jeder Szene des Films vorkomme und weil ich mich öffnen musste. Diese Angst war zugleich Herausforderung und Motivation. Ich wollte mir beweisen, dass ich es kann.
Spielfilm.de: Kann man mit gutem Gewissen eine so unmoralische Figur wie Alfie spielen?
Jude Law: Das ist wie mit Macbeth. Man hofft, dass das Stück an sich eine Moral liefert, nicht unbedingt der einzelne Charakter. Ich mag Charaktere, die im Verlauf der Geschichte Veränderungen durchmachen. Alfie geht auf eine Reise. Alfie lädt den Zuschauer anfangs in seine Welt ein und verführt ihn, genau wie die Frauen im Film, mit seiner Energie und seinem Auftreten. Eine oberflächliche Fassade, die immer mehr bröckelt und irgendwann sein wahres Ich zeigt.
Spielfilm.de: Eine Fassade wie die eines Hollywood-Stars?
Law: Das trifft in unserer heutigen Gesellschaft auf fast jeden zu. Wir tun so, als wäre alles in Ordnung und fragen uns nie: Bin ich wirklich glücklich? Geht es mir gut? Und dann ist man überrascht, wenn alles um einen herum zusammenfällt. Im Film trage ich tolle Kleidung, schlafe mit schönen Frauen und trotzdem stimmt etwas nicht. Das ist das Interessante an der Geschichte. Alfie ist von seiner Fassade abhängig.
Spielfilm.de: Im Film sprechen Sie direkt mit der Kamera, also dem Zuschauer. Eine neue Erfahrung?
Law: Das wurde schon im Original mit Michael Caine so gemacht und mittlerweile auch in vielen anderen Filmen. Wir haben einfach mit diesem Werkzeug herumgespielt und wollten es noch ein Stückchen weiter treiben als sonst. Im Theater kommt das auch häufig vor, so gesehen war es keine neue Herausforderung. Es geht um die Beziehung zum Publikum. Man bietet dem Zuschauer einen Einblick in Alfies Gedanken. Seine Frauen kommen und gehen, nur die Kamera bleibt. Sie ist Alfies bester Freund, während die Frauen seine Welt nur kurz besuchen.
Spielfilm.de: Wie fühlt es sich an, in die Fußstapfen von Michael Caine zu treten?
Law: Ich habe das nie so gesehen. Es ist ein universelles Thema, das immer aktuell sein wird. Alfie ist wie Casanova, Hamlet oder Don Juan. Solche Charaktere wird es immer geben, auch wenn sich die Welt verändert. Wir wollten nicht zurückgehen und dasselbe noch einmal machen. Nur Michael Caine kann Michael Caine spielen. Er hat den Alfie in sich gefunden und ich musste meinen eigenen Alfie in mir suchen.
Spielfilm.de: Hat Ihr Alfie Ähnlichkeiten mit dem privaten Jude Law?
Law: In gewisser Weise geht es mehr um die Unterschiede. Ich musste die ganze Zeit daran erinnert werden, gut gelaunt zu sein, zu lächeln, sexy zu sein, mich einfach gut zu verkaufen. Das war anstrengend, weil das eigentlich nicht zu mir passt. Regisseur Charles Shyer hat mir wahnsinnig dabei geholfen, diese Gefühle aus meinem Inneren hervorzuholen. Das war ein großer Schritt für mich.
Spielfilm.de: Er sagt, Sie seien sonst eher schüchtern. Waren die intimeren Szenen schwierig für sie?
Law: Das hängt immer von Details ab. Zum Beispiel der Uhrzeit. Einmal musste ich eine erotische Szene um sieben Uhr morgens drehen und alle standen herum und haben Kaffee getrunken. Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie so unsexy gefühlt. Ungefähr so: "Guten Morgen, erfreut Sie kennen zu lernen. Wir küssen uns jetzt." Es hängt sehr viel vom Augenblick und vom jeweiligen Partner ab. Aber es ist immer etwas seltsam, da es im Grunde sehr technisch abläuft. Du spielst die Szene voller Gefühl, und dann war die Beleuchtung nicht gut und man muss noch mal neu anfangen. Alle reden über Sexszenen, aber sie machen wirklich nie Spaß. Man muss die richtigen Stellen berühren, sich richtig bewegen - alles ist genau koordiniert.
Spielfilm.de: In einer Szene dürfen Sie sich ausruhen und zwei Mädchen beim Küssen zusehen.
Law: Das war genau dasselbe. Die armen Mädchen mussten diese Szene so oft machen, und irgendwann willst du es einfach im Kasten haben und zur nächsten Szene übergehen. Es klingt unterhaltsamer als es wirklich ist.
Spielfilm.de: Sagt Ihnen denn wenigstens der im Film gezeigte Lifestyle zu?
Law: Ich habe mit 22 Jahren geheiratet und hatte mit 30 schon drei Kinder. Das sagt sehr viel über meine Meinung zu diesem Lifestyle aus. Ich habe mit 19 gemerkt, dass es zu nichts führt, wenn man nur in Clubs geht, sich betrinkt und versucht, mit Mädchen auszugehen. Dieses Nachtleben macht einen nur müde.
Spielfilm.de: Alfie ist immer gut gekleidet. Haben Sie die Sachen selbst ausgesucht?
Law: Am Set waren anfangs unglaublich viele teure Anzüge, und ich dachte mir: Alfie ist ein junger Chauffeur, so eine Garderobe kann er sich nicht leisten. Ich wollte einfach nur drei Anzüge, fünf Hemden, zwei Krawatten, zwei Paar Schuhe und eine Jeans. Und die Anzüge passen ihm nicht mal richtig, sie sind alle zu eng. Ich mochte die Idee, dass er beim Sommerschlussverkauf keinen Anzug in seiner Größe findet und deshalb einen nehmen muss, der etwas zu klein ist. Sonst hätte ich die auch behalten. (lacht)
Spielfilm.de: Sie spielen zum ersten Mal einen Playboy. Wie kam es zu diesem Imagewechsel?
Law: Das war keine bewusste Entscheidung. Mir wurde einfach noch nie so eine Rolle angeboten, und ich habe mich bereit dafür gefühlt. Wir sind alle so von Äußerlichkeiten besessen und wie andere Leute aussehen. Aber es steckt mehr hinter der Geschichte als hübscher Junge trifft hübsches Mädchen. Es geht auf eine sehr ehrliche Weise um Beziehungen. Manchmal schön und fröhlich, manchmal hässlich und gefährlich.
Spielfilm.de: Sind auch weibliche Alfies denkbar?
Law: Ich denke, dass Frauen sich den Film anschauen und sich genau wie Männer damit identifizieren können. Nach vierzig Jahren sexueller Befreiung sind Frauen prinzipiell in derselben Position und denken sexuell ähnlich wie Männer. Trotzdem scheint das unsere Gesellschaft leider immer noch zu schockieren.
Spielfilm.de: Welche Qualitäten schätzen Sie bei Frauen?
Law: Humor, Intelligenz und gute Kochkünste - auch wenn ich jetzt wie ein Macho klinge! Es tut mir leid, aber meine Mutter war einfach eine großartige Köchin und ich liebe essen. Ich koche auch selber gern.
Spielfilm.de: Welcher Spruch wirkt am besten, wenn man eine Frau ansprechen will?
Law: Meine Mutter hatte sehr großen Einfluss auf mich legte Wert darauf, dass ich mich immer freundlich und höflich verhalte. Doch ich habe nie ein Mädchen abgekriegt. Also habe ich gemerkt, dass ich mich eigentlich wie ein Arschloch benehmen sollte, um Mädchen aufzureißen. Aber Alfie arbeitet nicht mit Sprüchen, es geht mehr um sein selbstbewusstes Auftreten und seine Einstellung.
Spielfilm.de: Haben Sie überhaupt noch Freizeit bei den ganzen Filmen, die zurzeit mit Ihnen herauskommen?
Law: Ich habe seit März nicht mehr gearbeitet! Die Filme entstanden alle innerhalb eines bestimmten Zeitraums und boten mir interessante und vor allem unterschiedliche Rollen. Nach meiner Scheidung wollte ich mich in die Arbeit stürzen, anstatt zu Hause zu sitzen und mir die Haare zu raufen. Lieber meine Energie und Emotionen in etwas Gutes umsetzen.
Spielfilm.de: Was haben Sie in den freien Monaten gemacht?
Law: Ich habe viel Zeit mit meinen Kindern verbracht. Kino, Theater, Oper, Fußballstadion - einfache Dinge, für die ich sonst keine Zeit hatte. Wenn man dreht, hat man gerade noch die Zeit, seine Kinder ins Bett zu bringen. Oder man nimmt sie zum Set mit, aber dort kann man sich nicht wirklich um sie kümmern. Auch wenn es ihnen natürlich Spaß macht, mit anzusehen, wie sich ihr Vater für einen Film zum Idioten macht. (lacht)
Spielfilm.de: Sie sind einer der meistgefragten Schauspieler Hollywoods. Wie lebt es sich in der Medienstadt London?
Law: Es ist schwierig aber nun mal Realität. Man muss das planen. Vielleicht bin ich auf drei oder vier Titelseiten und mehr nicht. Sonst wäre das ein Publicity-Albtraum. Es beeinträchtigt zwar nicht meine Arbeit aber meine Privatsphäre und dadurch meine Kinder. Ich habe mittlerweile gelernt, dass die Art, wie ich mich in der Öffentlichkeit präsentiere, Auswirkungen auf meine Kinder hat. Als Vater bin ich für sie verantwortlich und muss deshalb meine Entscheidungen auf sie abstimmen.
Spielfilm.de: Gibt es keinen neuen Stoff in Hollywood?
Law: Euripides oder Shakespeare werden im Theater doch auch ständig neu aufgeführt. Diese Stücke geben nun mal sehr viel her: Großartige Charaktere, dramatische Szenen, zeitloses Material eben. Außerdem ist es spannend, ältere Geschichten in einem modernen Kontext zu sehen. Herauszufinden, ob und wie sie in der heutigen Zeit funktionieren. Klar fragt man sich manchmal: Gibt es denn keinen neuen Stoff? Auf der anderen Seite heißt es, es gibt sowieso nur sieben verschiedene Geschichten und alle anderen sind bloß Variationen.
Interview: Ben Henschel / Rico PfirstingerInterview geführt am 30.03.2005 von Ben Henschel / Rico Pfirstinger New York