Flutsch und Weg - Jeffrey KatzenbergStudiomogul Jeffrey Katzenberg über die Probleme des Animationsgenres, die Neuausrichtung seiner Firma DreamWorks und warum er sich seine Filme nie zweimal ansieht"Wir ändern unseren Kurs"In dem Animationsabenteuer "Flutsch und Weg" wird eine Luxusmaus von ihrem noblen Heim im Londoner Jet Set-Viertel Kensington in die Tiefen der Kanalisation gespült. Doch während das Abenteuer auf der Leinwand gerade erst beginnt, brodelt es hinter den Kulissen bereits seit längerem: In Berlin erklärte uns DreamWorks-Chef Jeffrey Katzenberg (55), warum er inhaltlich in Zukunft neue Wege gehen möchte.Spielfilm.de: Mr. Katzenberg, warum werden Sie bei "Flutsch und Weg" nicht offiziell als Produzent genannt? Jeffrey Katzenberg: Weil sich meine Position innerhalb der Firma in den letzten zwölf Jahren etwas verlagert hat. Ich war so etwas wie der Pionier der Animationsfilme, schon während meiner Zeit bei Disney habe ich die Weichen für dieses Genre neu gestellt. Die Konsequenz war, dass ich immer so etwas wie der Mannschaftskapitän meiner Regisseure war und auch vom technischen Stand her gut mithalten konnte. Inzwischen ist es jedoch so, dass wir ein eingespieltes Team sind. So wurde ich mich immer mehr zu einer Art Trainer, der nicht ständig auf dem Spielfeld steht. Mittlerweile drehen einige meiner Regisseure ihren vierten Animationsfilm und wissen deshalb mehr als ihr Lehrer. Da ist es für mich nicht mehr notwendig, immer und überall alles abzusegnen. Ich trete lieber als Berater auf, der in seiner Loge sitzt, langfristige Entscheidungen trifft und die Details den Filmemachern überlässt. Spielfilm.de: Nach "Chicken Run" und "Wallace & Gromit" ist "Flutsch und Weg" der erste computergenerierte Film der Aardman Studios, die sich damit von ihrer beliebten "Stop Frame"-Technik verabschieden. Wieso dieser plötzliche Wechsel in der Machart? Katzenberg: Weil wir keine andere Möglichkeit sahen, diese Action/Adventure-Geschichte sonst auf die Leinwand zu bekommen. Ein Großteil der Geschichte spielt im Wasser, das wäre einfach zu kompliziert gewesen. Es war auf keinen Fall eine strategische Entscheidung unsererseits, Aardman mehr in Richtung CGI zu treiben. Im Gegenteil: Wir mögen ihren Stil und waren sehr darauf bedacht, dass sie ihn trotz der neuen Technik beibehalten. Spielfilm.de: Um die Computereffekte umsetzen zu können, wurde die Produktion von England in Ihre Studios nach Kalifornien verlagert. Wie sah die Arbeitsaufteilung aus? Katzenberg: Sechzehn Mitarbeiter von Aardman kümmerten sich vor Ort darum, dass ihr spezieller Stil auch umgesetzt wird. Wir kümmerten uns um die technischen Details. Es war eine sehr fruchtbare Teamarbeit. Spielfilm.de: Es gibt allerdings Gerüchte, dass DreamWorks die Zusammenarbeit mit Aardman wieder beenden möchte. Können Sie das hier in aller Klarheit verneinen? Katzenberg: Die Wahrheit ist, dass wir es noch nicht wissen. Wir haben einen Vertrag über mehrere Filme und werden in den nächsten sechzig Tagen entscheiden, was wir mit dieser Option in Zukunft anfangen werden. Die Situation ist an sich erst einmal nicht neu: Diesem Prozedere sind wir bei allen unseren bisherigen gemeinsamen Projekten gefolgt. Zuerst muss ein Film zu Ende gebracht werden, dann wird über die Zukunft entschieden. Spielfilm.de: Einige Branchenkenner behaupten, der britische Humor von Aardman ließe sich international zu schwer vermarkten... Katzenberg: "Wallace & Gromit" blieb hinter meinen Erwartungen zurück, das ist richtig. Aber "Flutsch und Weg" läuft schon jetzt wesentlich besser, obwohl es hier für endgültige Zahlen noch etwas zu früh ist. Ich persönlich halte den britischen Humor nicht für zu problematisch. Er war einer der Hauptgründe, warum ich die Partnerschaft mit Aardman eingegangen bin: Ich fand ihren Witz und ihre Herangehensweise sehr neu und erfrischend. Das Gerücht mit der Trennung ist zurzeit vermutlich nur deshalb so präsent, weil wir keine Chance sehen, ihnen einen weiteren CGI-Auftrag zu geben. Es liegt nicht daran, dass ich das nicht möchte, sondern dass wir bereits anderweitig ausgelastet sind. Immerhin arbeiten wir derzeit an Filmen, die 2010 auf den Markt kommen sollen. Aber es gibt ja noch andere Techniken, bei denen sich kooperieren ließe... Spielfilm.de: Welche Themen werden in Zukunft eine Rolle spielen? Katzenberg: Je weiter man in die Zukunft blickt, desto schwieriger wird es natürlich. Aber man kann die Fakten zusammenzählen: In diesem Jahr wurde der Kinomarkt mit unzähligen Animationsfilmen überschwemmt. Ich sehe die Problematik allerdings weniger in der Anzahl der Filme als in ihrer Ähnlichkeit: Fast alle Stoffe waren Fabeln, bei denen Tiere und eine Art Kumpelgeschichte im Mittelpunkt standen. Das schadet letztlich dem gesamten Markt, weil die Zuschauer keinen echten Unterschied mehr erkennen können. Wenn im September fünf Actionfilme auf den Markt kommen, ist das noch kein Problem. Wenn aber alle wie "James Bond" aussehen, wird es kritisch. So ähnlich verhält es sich mit Animationsfilmen: Es wird in Zukunft nötig sein, neue Wege zu gehen und nicht mehr ausschließlich Tiere als Protagonisten einzusetzen. Spielfilm.de: Wie konnte es passieren, dass so viele ähnliche Filme den Markt überschwemmen? Katzenberg: Tierfabeln mit Animation zu kombinieren, das war immer mein Konzept gewesen. Als die Konkurrenz davon Wind bekam, dass sich damit viel Geld verdienen lässt, haben sie das Konzept einfach kopiert und weniger aufwändigere Filme in kürzerer Zeit gemacht. Zum Glück haben wir die Gefahr frühzeitig erkannt und bereits darauf reagiert. Spielfilm.de: Soll heißen? Katzenberg: Unsere nächsten Filme gehen in eine völlig neue Richtung. Obwohl einige Filme noch Tiere beinhalten, gehen wir inhaltlich andere Wege. 2009 werden wir dann mit Filmen auf den Markt kommen, die überwiegend Menschen als Protagonisten haben. Und soweit ich unsere Planung für 2010 derzeit einschätzen kann, wird es auch da ähnlich sein. Wir werden unseren Stil beibehalten, nur eben mit einer kleinen Kursänderung. Spielfilm.de: Möchten Sie die Themen Ihrer Filme auch stärker in anderen Unterhaltungsformen auswerten? Katzenberg: Definitiv. Vor allem in den nächsten 24 Monaten wird sich in dieser Hinsicht sehr viel tun. Wir haben vor, unsere Marke dahingehend zu etablieren, dass der Zuschauer in Zukunft sehr viel genauer weiß, was einen DreamWorks-Film ausmacht. So kann ich zum Beispiel mit Freude bekannt geben, dass wir mit höchster Wahrscheinlichkeit 2008 ein "Shrek"-Musical am Broadway präsentieren werden. Spielfilm.de: Geht "Shrek" auch auf der Leinwand weiter? Katzenberg: Wir arbeiten bereits auf Hochtouren am dritten Teil. Ein vierter steht bereits zur Debatte. Spielfilm.de: Und "Ab durch die Hecke", den Sie dieses Jahr im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes beworben haben? Katzenberg: Dieser Stoff wird wohl nicht in die zweite Runde gehen. Der Film hat sich an den Kassen zwar gut geschlagen, aber für eine Fortsetzung hätte er noch einen Tick mehr Aufsehen erregen müssen. Und wie gesagt: Momentan sind wir ausgelastet. Spielfilm.de: Welchen Ihrer zahlreichen Animationsfilme mögen Sie persönlich am liebsten? Katzenberg: Das ist schwer zu sagen, weil ich mit jeder Arbeit unterschiedliche Erinnerungen verbinde. Aber es gibt wohl keinen Film, über den ich mehr lachen kann als "Shrek". Um ganz ehrlich zu sein, sehe ich mir meine Filme aber nie ein zweites Mal an. Sobald ein Projekt beendet ist, habe ich dafür einfach nicht mehr die Nerven. Ich habe dann in der Regel so lange an einem Projekt gearbeitet, dass ich jede Szene in und auswendig kenne. So sehr ich es manchmal versuche: Nach einer Minute schalte ich dann ab. (lacht) Johannes Bonke/RICOPRESS Interview geführt am 27. November 2006 im Hotel Adlon, Berlin Interview geführt am 30.11.2006
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