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"I'm not there": Todd Haynes

Todd Haynes über die magische Aura Bob Dylans, die unkonventionelle Verfilmung seines Lebens und die ersten Reaktionen des Künstlers

Im not there - Regisseur Todd Haynes Heath Ledger in Im not there
"Ich habe nie mit Dylan gesprochen"Fünf Jahre arbeitete der New Yorker Filmemacher Todd Haynes an der Bob Dylan Biografie "I'm not there", in der die Ikone von insgesamt sechs Schauspielern verkörpert wird.  Wir unterhielten uns mit dem 47-jährigen Filmemacher in Venedig über seinen Geniestreich.

Spielfilm.de:
Mr. Haynes, wann kamen Sie auf die Idee, dass Bob Dylan in Ihrem Film von verschiedenen Schauspielern verkörpert werden sollte?

Todd Haynes:
Mit dieser Idee fing eigentlich erst alles an. Für eine Dylan-Biografie war es in meinen Augen einfach der beste Ansatz.

Spielfilm.de:
Weil Dylan sich und seinen musikalischen Stil über die Jahre immer wieder neu erfunden und interpretiert hat?

Todd Haynes:
Genau so wird er in den meisten Biografien beschrieben, ganz egal von wem sie stammen. Man versteht die Person Dylan sehr viel besser, wenn man weiß, dass es ihm nahezu unmöglich war, stillzustehen und derselbe zu bleiben. Vor allem in den 60er Jahren hat er mit fast schon feindlicher Attitüde mit den Erwartungen seines Publikums gespielt. Es schien mit seiner Selbsterneuerung sagen zu wollen: "Keine Chance, dass ich mich noch einmal so präsentieren werde! Ihr habt ganz schön Nerven, dass ihr von mir erwartet, stets derselbe zu sein."

Spielfilm.de:
Wie oft erneuerte er sich in Ihren Augen selbst?

Todd Haynes:
Es gibt Leute, die ihn im August 1963 getroffen haben und bereits im Dezember auf eine völlig neue Person gestoßen sind: er sah anders aus, hat sich anders angezogen, anders gesprochen, hatte plötzlich neue Songs und andere Musikreferenzen.

Spielfilm.de:
Was waren in Ihren Augen mögliche Gründe?

Todd Haynes:
Mit hineingespielt hat sicherlich sein Kampf gegen die Druck und die zahlreichen Fallen, die Ruhm und vorgefertigte Meinungen und Erwartungen mit sich bringen. Damit hat er auch Bowie und Madonna inspiriert, die die Verwandlung als ähnlich konzeptuelles Hilfsmittel ihrer Kunst benutzen.

Im not there - Kinoplakat
I'm not there - Kinoplakat
Copyright-Informationen
Spielfilm.de:
Daher auch der Filmtitel "I'm not There"?

Todd Haynes:
So heißt ein Song von Dylan, der sich für mich magisch und mystisch anhört, mit Worten nicht zu erklären ist. Mir schien der Titel ideal dafür, um die im Film geschilderte Entrückung und Erneuerung zusammenzufassen.

Spielfilm.de:
Wie stark war Bob Dylan in Ihr Konzept involviert?

Todd Haynes:
: Ich habe ihn weder getroffen, noch mit ihm gesprochen. Alle Erlaubnisse und Musikrechte bekamen wir direkt von seinem Manager Jeff Rosen. Dylan selbst hat vor den Dreharbeiten lediglich eine Kurzbeschreibung des Projektes gelesen und sich einige meiner früheren Filme angesehen. Danach gab er sein Einverständnis. Es war ein relativ simpler Prozess.

Spielfilm.de:
Über die Jahre sind allerdings viele andere Filmemacher an dieser Hürde gescheitert.

Todd Haynes:
Es haben in der Tat viele versucht, und beinahe alle bekamen eine Absage. Zu Hilfe kam uns sicherlich der ungewöhnliche Ansatz, der erahnen ließ, dass es sich bei unserem Projekt um keine gewöhnliche Biografieverfilmung handelt. Auch sonst war der Umgang mit Dylans Manager sehr umkompliziert: Er vermerkte in meinen Drehbuchentwürfen zwar hier und da Anmerkungen, stellte aber immer klar, dass er mir nicht in meinen kreativen Prozess funken wolle. Wir hatten ein sehr respektvolles Verhältnis.

Spielfilm.de:
Hat Dylan den Film bereits gesehen?

Todd Haynes:
Nein, aber sein Manager. Dylan muss ihn einfach sehen! Er hat - soviel ich weiß - auch darum gebeten.

Spielfilm.de:
Hatten Sie Angst, das Portrait dieser Ikone zu vermasseln?

Todd Haynes:
Ich war demütig und zutiefst geehrt. Als sich die Recherche und das Schreiben des Drehbuchs etwas hinzogen, erzählte ich auch Dylans Manager von der nervenaufreibenden Verantwortung, die ich innerlich spürte. Dylan hatte mir als erstem Filmemacher die Rechte daran gegeben, ich wollte es also richtig machen und nicht nur seinen Lebensweg nachzeichnen, sondern auch seine Person zu fassen kriegen. Jeff antwortete wie folgt: "Todd, mach dir um diesen Müll keine Sorgen. Du lieferst mit dem Film einfach deine ganz persönliche Sicht auf Dylan ab – und darauf solltest du dich konzentrieren."

Heath Ledger in Im not there
Heath Ledger in "I'm not there"
Copyright-Informationen
Spielfilm.de:
Wie genau lief das Casting ab? Wie wussten Sie, für welche Lebensabschnitte Dylans Hollywoodgrößen wie Richard Gere, Cate Blanchett oder Heath Ledger am besten geeignet wären?

Todd Haynes:
Am Anfang standen eigentlich zwei Ansätze fest: Der junge Dylan sollte wegen seines Hangs zum Blues von einem farbigen Afroamerikaner gespielt werden, der abgemagerte, rastlose und androgyn wirkende Dylan mit wirrer Frisur in einem späteren Jahrzehnt von einer Frau. Cate Blanchett hat diese Interpretation seiner Person später auf ein ganz neues Level gehievt: Denn sie hat nicht versucht, ihn von außen nach innen zu fassen zu kriegen, sie hat versucht, sein Inneres in sich aufzusaugen und sich wirklich darin hineinversetzt, was es damals bedeutet haben muss, Bob Dylan zu sein.

Spielfilm.de:
Wie schwer fiel Ihnen die Auswahl der richtigen Songs?

Todd Haynes:
Es war hart für mich, weil ich ja aus einem schier endlosen Portfolio wählen konnte. Zudem wollten wir die ausgewählten Songs ja von anderen Musikern covern lassen und mussten deshalb auch immer genau überlegen, ob der jeweilige Song überhaupt dafür geeignet ist.

Spielfilm.de:
Stand jemals zur Debatte, dass die Schauspieler auch selbst singen?

Todd Haynes:
Eigentlich nicht. Es war schon genug Arbeit, an ihren Charakteren zu feilen. Ich ließ es trotzdem jedem Schauspieler offen, es mit dem Gesang auszuprobieren, aber selbst Cate Blanchett hat nur lachend abgewunken.

Spielfilm.de:
Was möchten Sie mit dem Film erreichen?

Todd Haynes:
Mir gefällt die Vorstellung, dass wir mit der Interpretation seiner Songs und der unorthodoxen Erzählweise nicht nur junge Menschen von der Qualität Dylans überzeugen zu können, sondern sie auch zu einem Rückblick in vergangene Zeiten zu überreden. Denn vor allem über die 60er Jahre kann man in meinen Augen nie genug lernen. Es war eine hochspannende, sehr komplexe Zeit.





Interview geführt von Gaynor Flynn/Johannes Bonke in Venedig, während der Filmfestspiele (2007)



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