"Cassandras Traum": Ewan McGregor
Ewan McGregor über die Arbeit mit Woody Allen, Vorurteile und seine Einstellung zu Hollywood
"Ich habe keinen Karriereplan"Nur wenige Schauspieler sehen Ihre Karriere so gelassen wie Ewan
McGregor: Immer wieder gönnt sich der 37-Jährige Auszeiten, verzichtet trotz
dicker Gehaltsschecks auf plumpe Hollywoodstreifen und arbeitet lieber an
selektiven Independent-Projekten. Aktuell stand er für Woody Allen's
"Cassandras Traum" vor der Kamera - und würde es nach dem gebürtigen Iren
gehen, könnte der nächste Film mit der alten Regieikone gleich folgen. In
Venedig erzählte er uns mehr
Spielfilm.de: Mr. Gregor, angeblich verändert ein Dreh mit Woody Allen viele Schauspieler von Grund auf. Ging es Ihnen mit "Cassandras Traum" ähnlich?
Ewan McGregor: Es ist schwierig, nicht mehr mit ihm zu arbeiten, wenn man einmal bei seinen Dreharbeiten dabei sein durfte. Er hat wirklich einen brillanten Arbeitsansatz, bei dem er auf sehr weite Einstellungen vertraut und eine Szene ohne Schnitte von vorne bis hinten durchspielen lässt. Er hält nicht viel von Close-Ups oder unzähligen Wiederholungen. Er arbeitet sehr effizient und geht sofort zur nächsten Szene über, wenn er mit dem Ergebnis zufrieden ist. Für uns Schauspieler bedeutet das ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit, denn wenn man etwas nach dem dritten oder vierten Anlauf nicht geschafft hat, bekommt man nicht noch einmal die Chance.
Spielfilm.de: Warum macht er das Ihrer Meinung nach so?
McGregor: Es fördert dadurch die Energie am Set und in den einzelnen Szenen. Wenn man sich mal die Filme ansieht, in denen er auch selbst mitspielt, erkennt man schnell, mit welcher Ruhe und Gelassenheit er fünf bis zehnminütige Einstellungen am Stück durchspielt. Ich wäre gerne genauso gut wie er, nicht nachzudenken, wie ich etwas zu spielen habe, sondern mich einfach mehr gehen zu lassen. Wenn man nach einem solchen Erlebnis zu gewöhnlichen Dreharbeiten kommt und die Zeit zwischen 6.30 Uhr und 23 Uhr abends damit verbringt, eine einzige Szene fünfzig Mal durchzuspielen, denkt man sich automatisch, warum man eigentlich so verdammt viel Zeit verschwenden muss. Aber man braucht dafür einen Meister und Visionär wie Woody. Es ist kein Arbeitsansatz, der zu jedem Film passt, aber es ist gut zu wissen, dass es theoretisch auch auf die einfache Art und Weise geht.
Spielfilm.de: Ist es wahr, dass Woody Allen seine Dreharbeiten kategorisch um 16 Uhr beendet?
McGregor: Ja. Wenn wir schneller vorankamen, waren wir sogar noch früher fertig. Er sieht keinen Sinn dahinter, Dreharbeiten ins Unendliche auszudehnen. Es gab Tage, wo ich um 16 Uhr bereits zu Hause war.

Cassandras Traum
© 2007 Constantin Film, München
Spielfilm.de: Sie haben in Ihrer Karriere bereits mit zahlreichen Regievisionären gearbeitet. Waren Sie vor der Zusammenarbeit mit Woody Allen trotzdem nervös?
McGregor: Sehr sogar. Denn ich hatte so manche Geschichten über ihn gehört, die sich später als unwahre Gerüchte herausstellten. Es hieß, dass er seine Schauspieler nie beim Namen nennt, ihnen keine Regieanweisungen gibt und sie völlig im Dunkeln lässt. Nichts davon entsprach der Realität. Ich empfand seine Anweisungen sogar als sehr spezifisch.
Spielfilm.de: Sie sind weltberühmt, aber dafür in relativ wenigern Hollywoodblockbustern zu sehen. Wieso ist das so?
McGregor: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich manche Rollen nicht angeboten bekomme. Aber ich zerbreche mir auch nicht den Kopf darüber. Ich bin glücklich über alle Filme, in denen ich bislang mitspielen durfte, ganz egal, ob sie erfolgreich sind oder nicht. Ein gewisses Publikum ist natürlich schön, aber im Vordergrund steht bei mir wirklich die Schauspielerei. Ich möchte so gut werden, wie es irgendwie geht, und natürlich finde ich auch beruflichen Erfolg ganz klasse, aber ich habe keinen wirklichen Karriereplan. Das zeigt sich auch daran, dass ich es wirklich genieße, mit einem kleineren Team an Independent-Filmen zu arbeiten.
Spielfilm.de: Müssen wir uns etwa Sorgen um Ihren Kontostand machen?
McGregor: Danke der Nachfrage, aber ich bin auch in dieser Hinsicht ein sehr glücklicher Mensch! Ich habe zwar seit einiger Zeit keinen großen Hollywoodfilm mehr gedreht, aber ich spüre in der letzten Zeit sowieso einige Veränderungen in der Traumfabrik. Hollywood kann sich im Gegensatz zu früher nämlich inzwischen nicht mehr sicher sein, dass ein 250 Millionen Dollar Budget zwangsläufig zu einem Erfolg an der Kinokasse führt. Hollywood ist vorsichtiger geworden, weil auch die Branche gemerkt hat, dass der Zuschauer sich wieder nach mehr Inhalt sehnt. In meinen Augen bewegen wir uns weg von Explosionen und Actionblockbustern.

Cassandras Traum
© 2007 Constantin Film, München
Spielfilm.de: Erinnern Sie sich noch an den Beginn Ihrer Karriere? Wie schwierig war es, sich an Ruhm und Erfolg anzupassen?
McGregor: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich sechs Monate lang eine TV-Serie namens "Lipstick on Your Collar" gedreht habe. Es war mein erster Job, ich zwar gerade zwanzig Jahre alt und ich war der festen Überzeugung, dass ich über Nacht zum Star werden würde und mein Leben nicht mehr dasselbe wäre. Es kam anders und ich gewöhnte mich in den Folgejahren dran, dass mein Beruf nicht zwangsläufig etwas an meinem Leben ändern würde. Der wirkliche Erfolg kam dann mit "Trainspotting". Danach versuchte ich mir einzureden, dass ich trotz der neuen Veränderungen in meinem Leben immer derselbe bleiben würde. Trotz allem bemerkte ich aber, dass Leute mir plötzlich anders gegenübertraten. Menschen, die mich nicht kannten, entwickelten automatisch eine vorgefertigte Meinung über mich, unabhängig davon, wie ich wirklich war. Bis heute fällt es mir nicht leicht, dahinterzukommen, was die Außenwelt wirklich über mich denkt. Deswegen versuche ich einfach so zu sein, wie ich wirklich bin.
Spielfilm.de: Warum ist Ihnen die Schauspielerei eigentlich so wichtig?
McGregor: Weil dabei verschiedene Welten aufeinanderprallen. Bei der Schauspielerei geht es in meinen Augen vor allem um die Mixtur von Emotionen und technischen Aspekten. Ich finde es sehr erfüllend, mich in den emotionalen Zustand einer Rolle hineinzuversetzen und gleichzeitig mit dem Filmteam daran zu arbeiten, mit welchen Methoden man einen Ausdruck bestmöglich auf Celluloid bannt.
Spielfilm.de: Haben Sie Pläne, früher oder später selbst Regie zu führen?
McGregor: Ich würde das sehr gerne mal ausprobieren, ja. Allerdings nur, wenn ich eine Geschichte finde, die mir dafür wirklich passend erscheint. Zweimal war ich schon kurz davor, aber immer bin ich an bereits vergebenen Rechten gescheitert. Außerdem habe ich das Gefühl, dass meine Kinder erst noch älter werden müssen, bevor ich mich an meine erste Regiearbeit wage. Ich weiß, wie viel Hingabe und Zeit ein solches Projekt erfordert und habe Angst, ein ganzes Jahr im Leben meiner Kinder zu verpassen. Dafür sind sie wirklich noch zu jung.

Cassandras Traum
© 2007 Constantin Film, München
Spielfilm.de: Der Regisseur Danny Boyle arbeitet angeblich an einer möglichen Fortsetzung Ihres alten Erfolgshits "Trainspotting". Wären Sie wieder mit dabei?
McGregor: Ich denke nicht. Ich halte eine Fortsetzung für nicht besonders sinnvoll.
Spielfilm.de: Für "Cassandra's Traum" haben Sie zum ersten Mal mit Colin Farrell zusammengearbeitet, der ja auch unlängst Vater wurde. Wie haben Sie sich verstanden?
McGregor: Ich wollte schon seit längerem mit ihm arbeiten und fragte mich immer, was für ein Typ er wohl ist. Ich bewundere ihn, er ist ein ganz fantastischer Mensch. Wir haben in dem Film ein paar ziemlich dramatische Szenen zusammen und mussten hart an unserem Text arbeiten. Das taten wir quasi überall. Wir probten, wenn wir nebeneinander geschminkt wurden, saßen rauchend in unseren Wohnwägen, sogar morgens spielten wir den Text vor den Szenen durch. Colin war immer so gut vorbereitet, dass ich ihm natürlich in nichts nachstehen wollte.

Cassandras Traum
© 2007 Constantin Film, München
Spielfilm.de: Er ist berühmt berüchtigt für durchzechte Partynächte. Haben Sie mal mitgefeiert?
McGregor: Dafür blieb eigentlich eine Zeit. Wir mussten ja bis zu zehn Seiten Text pro Tag lernen, um mit dem Tempo unseres Regisseurs mithalten zu können. Wir lernten uns dumm und dämlich, ehrlich.
Interview geführt von Johannes Bonke in Venedig