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"Palermo Shooting": Wim Wenders

Wim Wenders über die Philosophie in seinen Filmen, den Tod und Reisen ins Ungewisse

Palermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehaltenPalermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehaltenPalermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehalten
"Meine Heimat war mir zu engstirnig"Vor drei Jahren zog Wim Wenders von seiner Wahlheimat Los Angeles zurück nach Berlin. Doch das Fernweh packt ihn noch immer. In "Palermo Shooting" erzählt er nun von einem Starfotografen, der in der sizilianischen Hafenstadt Palermo den Sinn des Lebens sucht. Wieso auch ihn diese Frage neuerdings beschäfigt und warum ihm gerade Punksänger Campino für die Hauptrolle dieser philosophischen Reise passend erschien, erzählte uns der 63-jährige Kultregisseur bei der Weltpremiere in Cannes

Spielfilm.de:
Herr Wenders, warum hat es Sie nach Ihrer Rückkehr aus den USA gerade nach Italien verschlagen?

Wim Wenders:
Meine Beziehung zu Italien reicht bis in die Siebziger Jahre zurück. Es war noch vor Frankreich das erste Land, das meine Filme im Kino gezeigt hat. 1972 bin ich zum ersten Mal nach Italien gereist und seitdem vermutlich so oft zurückgekehrt wie in kein anderes Land zuvor. Mein Leben ist eng mit der italienischen Kultur verbunden. Ich hielt es also für angebracht, meinen ersten europäischen Film seit langem in Italien zu drehen. Ich mochte die Idee, dass sich ein deutscher Fotograf in eine mittelalterliche Stadt wie Palermo aufmacht, um sich selbst zu finden.

Spielfilm.de:
Warum beginnen Sie die Geschichte gerade in Düsseldorf?

Wim Wenders:
Es hat viel damit zu tun, dass ich einen Film über einen Fotografen machen wollte. Düsseldorf lag alleine deshalb schon nahe, weil die wichtigste Entwicklung der Fotografie in den letzten Jahrzehnten von der Düsseldorfer Schule ausging. Außerdem kommt Campino aus Düsseldorf und ist mit Andreas Gursky befreundet, der bestimmt auch ein Vorbild für diesen Film war. Nicht autobiographisch, aber eben von seiner Art.

Spielfilm.de:
Was interessiert Sie so stark an der Fotografie?

Wim Wenders:
Der kulturelle Umbruch in der Idee selbst. Was ist das heute, der Akt des Fotografierens? Ich selbst habe als kleine Junge mit der Fotografie angefangen, kann heute noch in meine Kontaktbögen stöbern, auf denen ich 1951 im Münsterer Zoo eine Giraffe fotografiert habe. Ein Kind, das heute eine Kamera in die Hand nimmt, wird in einem Jahr nicht mehr wissen, was es genau in der Vergangenheit fotografiert hat. Es verschwindet auf irgendwelchen Festplatten, oder die Fotos gehen beim Abschluss eines neuen Handyvertrages einfach verloren. Der Bezug zu einem Platz und einem Zeitpunkt, zu der Einmaligkeit des Vorgangs, ist längst verloren gegangen. Ich wollte klären: Was heißt das Fotografieren heute? Wie konnte es von der Einmaligkeit in die Schnelllebigkeit und Manipulierbarkeit übergehen?

Palermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehalten
Palermo Shooting
© Senator Film, alle Rechte vorbehalten.
Spielfilm.de:
Nun handelt Ihr Film aber doch eher von der Midlife-Krise eines Fotografen – und nicht so sehr von der Kunst an sich!

Wim Wenders:
Auf metaphorischer Ebene gibt es Gemeinsamkeiten. Ein uraltes Zitat aus den 20er Jahren besagt, dass man beim Fotografieren dem Tod bei der Arbeit zusehen kann. Man kann über die Fotografie also ohne weiteres eine Geschichte erzählen, die von Leben und Tod handelt.

Spielfilm.de:
Aber wieso gerade Campino in der Hauptrolle?

Wim Wenders:
Ganz einfach: Ich war auf der Suche nach jemandem, der sich auf die Thematik in einer ähnlichen Art und Weise einlassen würde wie ich selbst. Deshalb wollte ich dafür auch keinen Schauspieler haben. Man hätte ja auch jemanden finden können, der ein paar Wochen mit Gursky und Lindbergh verbringt und danach weiß, wie Fotografen ticken. Aber ich wollte jemanden haben, der sich dem Thema wie ich selbst auf eine unmittelbare Art stellt. Wenn man sich die Musik der Toten Hosen anhört, gibt es wahnsinnige Stücke. Sie heißen "Wofür man lebt" oder "Die Sehnsucht in dir". Campino hat mit dieser Punkband Songs über Leben und Tod gemacht, die sich dem Thema ähnlich stellen wie mein Film. Wenn man im Dortmunder Westfalenstadion steht und mit 20 000 Fans "Wofür man lebt" singt, fragt man sich schon, warum man in Kinofilmen nur sehr selten auf so intensive Texte trifft. Ich habe Campino also deshalb angeheuert, weil er sich in seinen Songs genau das getraut hat, was ich mit diesem Film versuchen wollte.

Spielfilm.de:
Gibt es einen besonderen Grund dafür, dass Sie sich gerade jetzt auf so metaphysische Art und Weise mit dem Tod und dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen?

Wim Wenders:
Eigentlich habe ich dieselbe Ausgangslage durchlebt, die ich auch im Film schildere. Man macht zuviel, kommt trotzdem zu nichts und genießt nicht mehr. Es ist ein Phänomen unserer Zeit. Deswegen ist es natürlich auch besonders krass, den Film gerade auf den Filmfestspielen in Cannes zu zeigen. Denn gerade hier hat man das Gefühl, dass alle ihr Leben verpassen. Hier hechelt jeder sich selbst hinterher. Gerade Filmemacher, die irgendwann mal das pure Leben repräsentieren sollten, kommen privat überhaupt nicht mehr zum Leben. Es wird immer entsetzlicher.

Spielfilm.de:
Hatte der Dreh dieses Films für Sie also einen kathartischen Effekt?

Wim Wenders:
Der Film war eine wunderbare Therapie für alle Beteiligten. An Dennis Hopper sieht man es am besten. Seitdem er den Tod gespielt hat, lebt er wie nie zuvor. Er ist heute ein anderer Mensch.

Palermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehalten
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© Senator Film, alle Rechte vorbehalten.
Spielfilm.de:
Haben Sie Angst vor dem Tod – oder schieben Sie den Gedanken der Endlichkeit von sich weg?

Wim Wenders:
Wir haben alle Angst vor dem Tod. Aber durch den Film habe ich bemerkt, dass die Akzeptanz der Endlichkeit etwas sehr positives haben kann. Denn automatisch beginnt man das Leben wieder mehr zu schätzen.

Spielfilm.de:
Sie waren schon immer für Ihre philosophischen Filmstoffe bekannt, aber dieses Mal beschäftigen Sie sich sehr intensiv mit der Materie. Wollen Sie mit zunehmendem Alter immer präziser hinter die Phänomene unserer Welt blicken?

Wim Wenders:
Ich muss sie beruhigen: mein Philosophie-Level ist ist auch nicht stärker als das in den Texten von Radiohead oder den Toten Hosen. Man muss auch kein Philosoph sein, um den Film zu verstehen, denn die Fragen, um die es geht, betreffen jeden von uns. Darüber nachzudenken, wie man sein Leben lebt, ohne es hinterher zu bereuen, hat in meinen Augen weniger mit Philosophie zu tun, sondern eher mit Bauernschläue.

Spielfilm.de:
Wir würden Ihr Leben gerne etwas rekapitulieren. Zu Beginn Ihrer Karriere fühlten Sie sich eigenen Aussagen zufolge wie "ein Maler des Raums auf der Suche nach der Zeit", der geradlinige Geschichten ablehnte, weil sie – wie ein Vampir – versuchen, "dem Bild das Blut auszusaugen." Wie würden Sie Ihren Kunstbegriff heute, nach vierzigjähriger Karriere, beschreiben?

Wim Wenders:
Ich arbeitete damals als Maler, wollte mich eigentlich auch in dieser Richtung weiterentwickeln und sah das Filmemachen schlichtweg als Erweiterung meiner Arbeit. Ich fand die zeitliche Komponente gerade deshalb so interessant, weil sie in Bildern schwer einzufangen ist. Als ich gegen Mitte der Sechziger Jahre anfing, als Filmemacher zuarbeiten, steckte die Videotechnik noch in den Kinderschuhen. Es gab wenige Künstler, die mit Film arbeiteten, eine der wenigen Ausnahmen war Andy Warhol. Für mich war das allerdings die Zukunft, und deshalb wuchs mein Interesse an Filmkameras immer stärker. In meinen ersten Kurzfilmen gab es keine narrativen Strukturen. Es gab keine Geschichte, keine Schauspieler. Der Grund dafür war wohl, dass ich als Maler wie als Filmemacher vor allem von Landschaften und Orten fasziniert war. Heute jedoch sehe ich mich nicht mehr als Maler, von einigen Ausflügen in die Photographie abgesehen. Aber im Bezug auf die Filmwelt würde ich mich heute ganz klar als Geschichtenerzähler beschreiben. Es geht mir wirklich nur noch um die jeweilige Geschichte, die ich zu erzählen versuche. Natürlich sind mir auch die Bilder noch sehr wichtig, mit denen ich ein Drehbuch auf die Leinwand banne, aber diese müssen immer im Bezug zu der jeweils erzählten Geschichte stehen.

Spielfilm.de:
US-Magazin Newsweek nannte Sie einmal einen "Poeten der Entfremdung und Entwurzelung", weil im Zentrum ihrer Filme oft Menschen stehen, die wurzellos durch die Welt ziehen, in der stetigen Suche nach ihrer wahren Identität. Wie viel von diesen Personen ist autobiographisch?

Wim Wenders:
Als ich meine ersten Experimente mit dem Medium Film machte, fand ich sehr schnell heraus, dass man Bilder auch auf Reisen einfangen kann. Ich erkannte, dass ein Dreh eben nicht an ein Studio oder festen Ort gebunden sein muss, sondern dass man seine Kamera einfach mit auf die Reise nehmen konnte. Ich stieß auf das Genre der Road Movies, die diesen Gedanken weiterverfolgten und überwiegend in der amerikanischen Kultur verwurzelt waren. Sobald ich selbst anfing, mit meiner Kamera um die Welt zu reisen, wusste ich, dass ich meine perfekte Ausdrucksform gefunden hatte. Vielleicht hat dieses Fernweh mit meiner Kindheit und der Atmosphäre im damaligen Westdeutschland zu tun, denn ich empfand meine Heimat damals als einen sehr begrenzten und engen Raum. Es gab wenig Entfaltungsmöglichkeiten – und viele Grenzen. Auch die Menschen waren mir zu engstirnig. Daher war es also schon als Kind mein sehnlichster Drang und mein größter Traum, die Welt zu bereisen.

Spielfilm.de:
Wann hat sich dieser Wunsch erfüllt?

Wim Wenders:
Als ich mit fünf Jahren zum ersten Mal alleine in einem Zug fahren durfte. Für mich war das der herrlichste Tag meiner ganzen Jugend, weil ich endlich das Gefühl verspüren durfte, nicht beobachtet zu werden. Ich fuhr zwar nur zu meiner Großmutter, aber das war mir damals natürlich egal. Meine Mutter war schwanger, konnte nicht mit mir kommen, brachte mich allerdings zum Zug. Zu meinem Verdruss fing sie dort an, nach Mitreisenden zu suchen, die dasselbe Ziel wie ich hatten, um ein Auge auf mich zu werfen. Ich konnte es einfach nicht fassen! Ich kann mich noch erinnern, wie sauer ich in diesem Moment auf sie war, weil ich einfach nicht wollte, dass mich schon wieder jemand beobachtet. Zu meiner Erleichterung waren ihre Versuche vergeblich, doch sie ließ es sich nicht nehmen, mit in den Zug zu steigen, um nach einem geeigneten Sitzplatz für mich zu suchen. In diesem Moment packte mich die Angst, dass der Zug plötzlich abfahren würde, bevor sie die Möglichkeit hatte, wieder auszusteigen. Auch hier hatte ich Glück – und plötzlich war ich ganz alleine. In dieser Sekunde realisierte ich, dass ich zum ersten Mal auf eine der schönsten Erfahrungen in meinem Leben gestoßen war: Nämlich alleine um die Welt zu reisen.

Spielfilm.de:
Über die Jahre wurden Sie zum Weltbürger, was sich stilistisch und thematisch in Ihren Filmen wiederspiegelt. Warum ist vor allem Amerika ein immer wiederkehrendes Thema in Ihrer Arbeit?

Wim Wenders:
Diese Faszination hat sich schon in meiner Jugend angedeutet. Als Kind kamen die ersten Berührungspunkte zu Amerika durch die Literatur. Sobald ich lesen konnte, verschlang ich täglich ein Buch, und stieß so irgendwann auf meine beiden damaligen Lieblingsbücher: "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn" von Mark Twain. Etwas später begann ich mich für amerikanischce Comics zu interessieren. Trotz ihrer Unpopularität in Deutschland wurde ich zum Sammler und erwarb mir über die Jahre eine umfassende Kollektion, angefangen von Mickey Mouse bis hin zu Superman. An diesem Punkt hat sich meine Leidenschaft fürs Visuelle vielleicht sogar zum ersten Mal angedeutet. Ich Alter von zehn oder zwölf Jahren entdeckte ich schließlich den Rock'n'Roll, der schlagartig mein Interesse für Musik weckte.

Spielfilm.de:
Jahre später sollten Sie diese Leidenschaft in Anlehnung an eine Songzeile des Musikers Lou Reed folgendermaßen kommentieren: "My life was saved by Rock'n'Roll"...

Wim Wenders:
Die deutsche Musik, die aus dem Radio meiner Mutter dröhnte, hat mich damals einfach nicht interessiert. Aber Rock'n'Roll erweckte in mir schlagartig das Gefühl, dass es sich um die beste Musik der Welt handeln müsste. Es war kaum verwunderlich, dass auch dieser Trend aus Amerika in den deutschen Markt schwappte. All diese Interessen führten mich schließlich zu amerikanischen Filmen, die ich mit großer Leidenschaft zu sehen begann. Alles, was ich in meiner Jugend also wertschätze kam also aus Amerika. Ich habe mir etliche Platten gekauft, obwohl meine Eltern strikt dagegen waren. Weil sie die Musik hassten, musste ich sie über Jahre heimlich bei einem Freund deponieren. Meine Eltern waren auch gegen meine Leidenschaft für Comics, und als sie herausfanden, welche Filme ich mir ansah,waren sie davon auch nicht gerade begeistert. Alles, was ich liebte, musste ich also während meiner Jugend verteidigen. Doch gerade wenn man für seine Leidenschaften einstehen muss, beginnt man sie noch mehr zu lieben. So wurde meine Verbindung zur amerikanischen Kultur über die Jahre immer enger.

Palermo Shooting Senator Film alle Rechte vorbehalten
Palermo Shooting
© Senator Film, alle Rechte vorbehalten.
Spielfilm.de:
Im Alter von 32 Jahren zogen Sie schließlich nach Amerika. Gingen dort alle Ihre Träume in Erfüllung?

Wim Wenders:
Bei meinem ersten Amerikaaufenthalt zwischen 1977 und 1984 ging lief nicht alles nach Plan. Ich fühlte mich längere Zeit sogar sehr unglücklich, weil der Dreh des Films "Hammett", wegen dem ich eigentlich nach Amerika gekommen war, sich wegen Problemen ewig hinzog und am Ende doch nicht mit dem Ergebnis zufrieden war. Ich war wirklich glücklich, dass ich am Ende meines Aufenthalts die Möglichkeit hatte, mit "Paris, Texas" einen kreativen Erfolg nachzulegen und endlich den amerikanischen Film zu drehen, den ich von Anfang an geplant hatte. Dieser Film erlaubte mir die Rückkehr in die Heimat, weil ich so nicht als geschlagener Mann zurückkehrte. Das war dann auch das Ende meines ersten US-Abenteuers.

Spielfilm.de:
Warum zogen Sie zwölf Jahre später wieder in die USA zurück?

Wim Wenders:
Ich fühlte mich 1996 in meiner Heimat Berlin einfach nicht mehr wohl. Die Stadt war nach der Wiedervereinigung in einer sehr schlechten Verfassung, es herrschte Depression, und ich vermisste das kreative Klima. Ich erinnerte mich an Amerika und beschloss, noch einmal einen Versuch zu wagen. Mir erschien es logisch, denn ich war nicht mehr der junge, naive Filmemacher von damals, sondern hatte andere Ideen und Hoffnungen.

Spielfilm.de:
Doch wieder sind Sie nach Deutschland, nach Berlin zurückgekehrt.

Wim Wenders:
Vor etwa drei Jahren, ja. Aber mir war schon immer klar, dass ich irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen und österreichischen Regisseuren war Amerika für mich nie Exil, sondern eher eine Art Parallel-Leben. Ich mochte Amerika sehr gerne, mag es noch immer, aber an einem bestimmten Punkt meines Lebens erkannte ich, dass meine Wurzeln und auch meine Seele europäischer Natur sind. Heute weiß ich, dass ich hierher gehöre.

Spielfilm.de:
Als große Inspirationsquelle Ihrer Arbeit nannten Sie in der Vergangenheit immer wieder den US-Western-Regisseur und vierfachen Oscarpreisträger John Ford. Was beeindruckt Sie an seiner Arbeit so nachhaltig?

Wim Wenders:
Durch seine Arbeit habe ich gelernt, wie welcher Gewalt Filme auf unsere Emotionen wirken können. Als ich 1973 während der Dreharbeiten zu "Alice in den Städten" vom Tode John Fords erfuhr, war ich sehr traurig. Denn ich realisierte in diesem Moment, dass ich diesem großen Mann nie persönlich begegnet war – und auch nie wieder die Chance dazu bekommen würde.

Spielfilm.de:
Prompt setzten Sie ihm in Ihrem Film ein bewegendes Denkmal und ließen Ihren Hauptdarsteller Rudiger Vogler in einer Szene den Tod von John Ford verkünden.

Wim Wenders:
Ich wollte auf diese Art und Weise einem Menschen Tribut zollen, dessen Arbeit mit unglaublich wichtig war. Ich habe die Neigung, das, was ich wirklich liebe, gerne mit anderen teilen zu wollen.

Spielfilm.de:
Außerdem wurde Ihre Arbeit stark von der Musik der irischen Band U2 geprägt, die mehrfach Musik für Ihre Filme komponierten. Ist Ihre gemeinsame Beziehung eher geschäftlicher oder auch privater Natur?

Wim Wenders:
Es ist eine höchstpersönliche Beziehung, vor allem mit Bono. Ich bin auch mit den anderen Bandmitgliedern Adam, Larry und Edge gut befreundet, aber mit Bono und seiner Familie verbindet mich und meine Frau Donata eine sehr intime Freundschaft. Wir lernten uns kennen, als U2 in Berlin ihr Album "Achtung Baby" aufnahmen. Sie hielten sich dafür sechs Monate in Deutschland auf und aßen öfter im selben Restaurant wie wir. Nachdem wir uns dort ein paar Mal zufällig begegnet waren, lud ich sie zu mir nachhause ein. Damals wussten wir noch nicht viel voneinander, erst mit der Zeit entdeckte Bono meine Filme für sich. Erst nachdem ich bei einem ihrer Videoclips Regie geführt hatte, wurde unsere Freundschaft auch zu einer geschäftlichen Beziehung. Inzwischen hat U2 Lieder zu vielen meiner Filme beigesteuert, unter anderem die Titelsongs für "In weiter Ferne, so nah!" und "Bis ans Ende der Welt". "Million Dollar Hotel" basiert sogar auf einer Geschichte, die Bono erfunden hat. Über die Jahre wurden wir so zu immer engeren Freunden. Inzwischen geht das sogar so weit, dass mir regelrecht etwas abgeht, wenn ich länger nicht mit ihm gesprochen habe.

Spielfilm.de:
Warum genau empfinden Sie ihm gegenüber so tiefe Zuneigung?

Wim Wenders:
Zuerst einmal hege ich tiefe Bewunderung für die Band, da zwischen den einzelnen Mitgliedern in meinen Augen eine perfekt Beziehung herrscht. Man glaubt immer, dass es sich bei Bands um enge Freunde handelt, doch wenn man sie näher kennenlernt, merkt man, dass dem oft überhaupt nicht so ist. Die meisten Bands, die ich bislang kennenlernen durfte, würde ich nicht als eine Clique von Freunden beschreiben, eher als Geschäftspartner. Selbst bei den Beatles war das nicht anders. Die vier Jungs von U2 dagegen tun alles füreinander, sie lieben und beschützen sich gegenseitig. Dies drückt sich zum Beispiel darin aus, dass nie offiziell angegeben wird, wer von den Mitgliedern nun welchen Song geschrieben hat, obwohl Larry und Adam noch nie komponiert haben. Normalerweise verdienen die Sänger und Komponisten immer mehr als die anderen Bandmitglieder, aber U2 teilt wirklich alles gemeinsam. Ich finde das erstaunlich, da Freundschaft meistens dann endet, wenn Geld ins Spiel kommt. Bono selbst ist einer der beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte. Er könnte ein Poet sein, ein Politiker, ein Wissenschaftler oder was auch immer. Doch er hat sich dazu entschieden, Rock'n'Roll-Musiker zu werden. Ich bin von seiner Ehrlichkeit und seiner Bescheidenheit tief beeindruckt und bin dankbar, ihn kennen zu dürfen.

Spielfilm.de:
Bleiben Sie Europa in Ihren nächsten Filmen treu?

Wim Wenders:
Ich habe ein Projekt im Kopf, das ich gerne in Japan drehen möchte. Möglich wäre aber auch eine andere Geschichte, die sich ausschließlich in Deutschland abspielt. Ich entscheide das oft sehr spontan.

Spielfilm.de:
Und wann drehen Sie mal eine Komödie?

Wim Wenders:
Dafür muss ich tiefer Luftholen. Es ist schwieriger Genre. Sagen wir es so: Bislang ist an mir noch kein Komödienregisseur verloren gegangen, aber es kann noch werden.


Interview geführt am 02.12.2008 von Johannes Bonke in Cannes


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