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"The International": Tom Tykwer

Berlinale-Eröffnungsfilm "The International": Interview mit Regisseur Tom Tykwer

24092007 Potsdam Pressekonferenz und Photocall zu Tom Tykwers Film THE INTERNATIONAL: Clive Owen in Filmmaske Tom Tykwer Armin Mueller-Stahl in Filmmaske - Christian SchulzTom Tykwer Tom Tykwer und Clive Owen
Ich wollte nie den Film zur Krise machenMit seinem Film "The International" eröffnete Tom Tykwer am vergangenen Donnerstag die Berlinale. Doch wie hochaktuell sein Entertainment-Thriller, der sich um Intrigennetzwerke in der Welt der Hochfinanz dreht, im Februar 2009 plötzlich sein würde, ahnte der 43-jährige Filmemacher bis kurz vor der Premiere auch nicht. Ein Gespräch über die seltsame Doppelung von Fiktion und Realität, müßige Fragen in der aktuellen Debatte und warum Hollywood ihn nicht in die Knie zwingen konnte

Spielfilm.de:
Herr Tykwer, ist es eher Druck oder Ehre, die Berlinale eröffnen zu dürfen?

Tom Tykwer:
Die Formel ist: Ehre + Druck = Panikattacke. (lacht) Nein, eigentlich stimmt das gar nicht. Ich bin insgesamt relativ gelassen, obwohl der Puls natürlich ansteigt, wenn plötzlich das Licht ausgeht und du den Film endlich mit einem großen Publikum in einer offiziellen Situation siehst. Aber ich machemir deshalb keinen allzu großen Kopf, weil ich den Film persönlich sehr gelungen finde. Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, wenn ein Regisseur das von seinem eigenen Werk behauptet, aber ich würde mir ein Ticket dafür kaufen und wäre danach auch nicht sauer.

Spielfilm.de:
Ihre fiktive Geschichte deckt sich auf erschreckende Weise mit den Skandalen der Finanzkrise. Etwas Besseres hätte Ihrer Marketing-Abteilung nicht passieren können, oder etwa nicht?

Tom Tykwer:
Ich empfinde es nach all den Debatten inzwischen eher ein bisschen als Bürde, dass der Film ein Statement zur aktuellen Zeit abgeben soll.

Spielfilm.de:
Also ist Überschneidung von Fiktion und Realität wirklich nur Zufall?

Tom Tykwer:
Wir haben uns bei diesem Film natürlich an dem Genre der Paranoia-Thriller und Politkrimis orientiert. Insofern hofft man natürlich, eine spannende Geschichte in einem Gesamtzusammenhang zu erzählen, der wirklich relevant ist. Aber dass das Thema gleich so aktuell geworden ist, finde ich eher beunruhigend. Über eine Krise kann man sich ja auch nicht freuen, egal, ob ich einen Film in den Kinos habe oder nicht. Der einzig positive Aspekt an der Krise ist die Tatsache, dass das Bewusstsein der breiten Masse gewachsen ist. Wenn der Film die Problematik thematisieren kann, finde ich das zwar gut, glaube aber trotzdem daran, dass die meisten Menschen ins Kino gehen, um sich in einen illusionären Raum zu stürzen und in dieser Blase etwas Mitreißendes zu erleben. Meine Motivation war also keinesfalls, den Film zur Krise zu machen. Ich habe immerhin bereits vor sechs Jahren mit meiner Arbeit begonnen, und damals waren die aktuellen Ereignisse ja wirklich nicht abzusehen.

Spielfilm.de:
Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie plötzlich merkten, dass die Realität Ihre fiktive Geschichte eingeholt hat?

Tom Tykwer:
Ich habe wie viele andere in letzter Zeit verstärkt damit gerechnet, dass die Blase irgendwann platzt. Je mehr ich im Zuge meiner Recherche herausfand, desto offensichtlicher wurde es für mich, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis uns alles um die Ohren fliegt.

Spielfilm.de:
Wie könnte sich die Krise auf die deutsche Filmindustrie auswirken?

Tom Tykwer:
Meiner Meinung nach wird diese Branche davon halbwegs verschont bleiben, weil in Zeiten starker Verunsicherung unsere Sehnsucht nach dem illusionären Schutzraum des Kinos wächst. Aber auch damit beschäftige ich mich nicht so wirklich, weil ich fest davon überzeugt bin, dass interessante und gut gemachte Filme immer ihr Publikum finden, ganz unabhängig von einer Krise. Da ich mir schon eine gewisse Qualität als Maßstab setze, hoffe ich, dass es bei mir ganz geregelt weitergeht.

Spielfilm.de:
Es heißt, "The International" ist Ihr erster Hollywood-Film. Stimmt das wirklich?

Tom Tykwer:
Es ist zumindest mein erster Film, der komplett von einem amerikanischen Filmstudio produziert wurde. Bei "Heaven" und "Das Parfüm" konnte ja bereits einiges an internationaler Luft atmen, nur kamen die Gelder da aus verschiedenen Co-Finanzierungen.

Spielfilm.de:
War es schwieriger, dieses Mal unter dem Diktat der Traumfabrik zu arbeiten?

Tom Tykwer:
Meine Arbeit war so frei wie eh und je. Ich halte es auch für einen Mythos, dass Hollywood seinen Filmemachern oft kategorisch die Handschellen anlegt. Ich zumindest durfte genau den Film machen, von dem ich geträumt habe und ich denke, dass man das auch merkt.

Spielfilm.de:
Sie durften sogar Ihr komplettes Stammteam für die Produktion anheuern!

Tom Tykwer:
Unsere Produzenten wussten, was für Eingeständnisse sie geben mussten, damit sie am Ende auch den Stil präsentiert bekommen, wegen dem sie uns auch angeheuert haben. Natürlich haben Sie in ihrer Funktion einem Apparat zu dienen, der eine ganze Bandbreite von Filmen abdeckt. Da gibt es natürlich standarisierte Formate, aber eben auch die Projekte, bei denen sie wissen, dass Individualisten sich bestenfalls darin in Ihrer Art und Weise ausdrücken können. Ein David Fincher hätte sonst nie Karriere machen können, auch kein Steven Spielberg. Denn beide setzten ihren ganz persönlichen Phantasieraum mit ihrem eigenen Team in die Tat um.

Spielfilm.de:
Sie arbeiten also gerne im Rudel?

Tom Tykwer:
Ich bin kein Einzelgänger. Wer mich anfragt, weiß eigentlich, dass ich seit fast zwanzig Jahren mit einem sehr engen Team an einer eigenen Filmsprache arbeite.

Tom Tykwer und Clive Owen
Tom Tykwer und Clive Owen
Copyright-Informationen
Spielfilm.de:
Wieso hat Clive Owen als Hauptrolle so gut in Ihre Bildsprache gepasst?

Tom Tykwer:
Weil er für mich der quintessentielle Gegenwartsheld ist. Für mich ist seine ganze Karriere genau auf diese Art von Rollen zugelaufen. Er kann intelligente, aber eben auch gebeutelte, attraktive, gestresste, widersprüchliche und total faszinierende Helden spielen. Er ist für diese Art von Film geboren. Für mich war von Anfang an klar, dass nur Clive Owen die Rolle, die brauchte, in reinster Perfektion verkörpern kann. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, keiner der Schauspieler, die immer Charaktere verkörpern müssen, die 'bigger than life' sind. Er schafft es, Verletzlichkeit, aber auch Empörung und Wut authentisch rüberzubringen.

Spielfilm.de:
In einer der zentralen Szenen des Films zerlegen Ihre Protagonisten das gesamte Interieur des New Yorker Guggenheim-Museums. Wie bitte war dies technisch möglich?

Tom Tykwer:
Es war soviel Arbeit, dass wir zwischenzeitlich sogar überlegten, den Film in "Das Guggenheim" umzubenennen. (lacht) Im eigentlichen Museum durften wir nämlich nur einige wenige Szenen drehen, da wir das Gebäude für die Inszenierung der eigentlichen Schießerei ja unmöglich für Wochen schließen konnten. Also haben wir kurzerhand eine Halle in den Babelsberg Filmstudios gemietet, in denen Schreiner in fünfmonatiger Kleinarbeit das gesamte Museum für uns nachbauten.


in Berlin


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