"In Japan ist das Nanking-Massaker ein Tabuthema"Florian Gallenberger hat mit seinem preisgekrönten Film "John
Rabe" ein unpopuläres Teilgebiet der zweiten Weltkrieges erobert: das
Geschichtsepos behandelt die Ereignisse des Massakers von Nanking im Jahre
1937, bei dem 200.000 Zivilisten ums Leben kamen. Held der Geschichte ist ein
Deutscher namens John Rabe, der es sich damals zur Aufgabe gestellt hatte, die
Chinesen vor den japanischen Luftangriffen zu beschützen. Wir haben mit dem Münchner
Regisseur über die schwierigen Dreharbeiten und das Thema
Geschichtsaufarbeitung gesprochen
Spielfilm.de: Herr Gallenberger, bei der Entstehung Ihres neuen Films "John Rabe" mischten sich sogar die ausländischen Regierungen ein. Wie erleichtert sind Sie, dass der Film nun fertig ist?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Ich bin natürlich sehr glücklich. Die Drehgenehmigung für China war eine große Hürde, obwohl wir sogar chinesische Partner hatten und mit chinesischem Geld arbeiteten. Wir mussten alle chinesischen Zensur-Maßnahmen durchlaufen, was bei einem Film, bei dem Japan eine so heikle Rolle spielt, nicht einfach war. Wir brauchten sowohl die Zustimmung des Propaganda-Ministeriums als auch die des Außenministeriums. Es gab also viele Klippen, die es zu umschiffen galt.
Spielfilm.de: Wie kann man sich diese chinesischen Zensuren vorstellen?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Wenn man in China einen Film machen will, muss man zuerst beim Propagandaministerium das Drehbuch einreichen. Es gibt dort eine Untersektion, die sich Filmbüro nennt. Dort wird das Drehbuch dann bewertet und mit Änderungs-Anmerkungen zurückgeschickt. Wenn der Film dann fertig ist, muss er noch einmal dort abgegeben werden. Zum Glück war man mit unserem Resultat zufrieden. Ich kenne aber auch einige junge chinesische Regisseure, die mit der Zensur nicht zurechtgekommen sind, jetzt Berufsverbot haben und keine Filme mehr machen können. In China gehört die Zensur leider nach wie vor zur traurigen Realität.
Spielfilm.de: Warum waren die Chinesen so besorgt? Der Film behandelt doch eher ein japanisches Problem?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Es gibt zwei Gründe dafür: China will sich heute als starkes Land sehen, als mächtige, große Nation. In der Geschichte von John Rabe sind die Chinesen aber die Opfer. Es sind Ausländer, die ihnen helfen, sie schützen und letztendlich retten. Der andere Grund ist, dass Japan heute ein wirtschaftlicher Partner Chinas ist und wir aufpassen mussten, Japan nicht zu negativ darzustellen. Es gibt zum Beispiel ein großes Erdgasförderungsprojekt im chinesischen Meer, das von Japan unterstützt wird. Als das abgeschlossen wurde, hat sich der chinesische Premierminister mit dem japanischen getroffen und am nächsten Tag hieß es plötzlich: nein, ihr könnt den Film leider doch nicht machen. Die Tagespolitik ist daher für uns immer ganz entscheidend gewesen.
Spielfilm.de: Manchmal wurden Sie also auch von den Chinesen in Ihrer Arbeit ermutigt?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Ja, denn als in Japan ein Schulbuch herauskam, in dem das Nanking Massaker nicht erwähnt wurde, hat das die Chinesen so verärgert, dass es am nächsten Tag hieß: wunderbar, ihr macht den Film. Das Eis war sehr dünn.
Spielfilm.de: Wollen Sie den Film auch in Japan zeigen?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Unbedingt, ja. Aber das ist natürlich sehr schwierig, weil das Nanking Massaker dort ein absolutes Tabu-Thema ist. Die Japaner haben noch keinen Weg gefunden, mit dieser Schuld oder Verantwortung konstruktiv umzugehen. Dadurch, dass wir sehr bekannte japanische Stars in dem Film haben, glaube ich aber, dass der Film in Japan nicht total totgeschwiegen werden kann.
Spielfilm.de: Gab es auch japanische Schauspieler, die aufgrund des prekären Themas nicht mitspielen wollten?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Schon beim Casting haben Leute zu mir gesagt, dass sie nicht mitspielen wollen, aus Angst, dass ihnen hinterher das Haus angezündet wird oder ihre Frau verschwindet.
Spielfilm.de: Die japanische Sicht auf dieses Thema scheint äußerst verklärt zu sein. Wie hat sich die Recherche im Vorfeld abgespielt?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Bis heute gibt es in Japan anerkannte Historiker, die sagen, dass dieses Massaker überhaupt nicht stattgefunden hat. Es gibt in Japan etwa Bestseller mit dem Namen "Die Lügen über Nanking". Man kann das nicht mit Holocaust-Leugnung vergleichen, weil das ganz andere Größenordnungen und Dimensionen sind, aber es finden ähnliche Mechanismen statt.
Florian Gallenberger, Gallenberger: Sie sind von dem starken Wunsch angetrieben, die Schande von Japan und dem Kaiserhaus abzuwenden. Dieser Wunsch ist so stark, dass er manchmal den Blick auf die Realität etwas eintrüben kann. Außerdem ist es schockierend, wie wenig die Japaner über ihre eigene Geschichte wissen. Viele unserer Darsteller mussten sich erst in die Thematik einlesen.
Spielfilm.de: Wann wurden Sie das erste Mal mit der Geschichte von John Rabe konfrontiert?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Ich kannte den Mann auch nicht, bevor ich diesen Film gemacht habe.
Spielfilm.de: Warum haben Sie sich auf dieses gewagte Projekt eingelassen?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Es ist keine leichte Entscheidung, sich auf so ein Projekt einzulassen. Doch die Kombination aus dieser Figur, dem chinesischen Hintergrund, der persönlichen Geschichte von John Rabe und der historischer Gegebenheit, die weitgehend unbekannt ist, fand ich spannend.
Spielfilm.de: Haben Sie es als Gradwanderung empfunden, als Deutscher die Geschichte eines 'guten Nazis' zu erzählen?
Florian Gallenberger, Gallenberger: Das war natürlich einer der Hauptaspekte: wie kann man bei diesem Thema einen Film machen, der nicht am Ende suggeriert: die Nazis waren auch ganz nett? Das sollte absolut nicht der Fall sein. Rabe war bei der NSDAP und hatte eine völlig falsche Vorstellung vom Nationalsozialismus. Nur sein Umdenkungsprozess, den er durchläuft, als er von der GESTAPO verhaftet wird, hat diese Geschichte überhaupt für mich gerechtfertigt. Wenn er nicht stattgefunden hätte, wäre ein Film über ihn nicht angebracht gewesen.