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"Schwarz auf Weiß": Günter Wallraff

Regisseur Pagonis Pagonakis - Schwarz auf Weiß Spielfilmde - Dimitrios AthanassiouGünter Wallraff: Schwarz auf Weiss X VerleihRegisseur Pagonis-Pagonakis - Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss X Verleih Andreas BeckerGuenter Wallraff - Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss X VerleihGuenter Wallraff nach Beendigung der Maske - Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss X Verleih
Günter Wallraff ist zurück – Diesmal nicht ganz unten, aber ganz in SchwarzWenn man sich beim bekannten Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff zuhause in Köln auf einen Kaffee trifft, gibt es genug Themen zu bereden. Ungerechtigkeit und Diskriminierung hat viele Gesichter und geht ständig irgendwo vor sich. In seinen aktuellen Film "Schwarz auf Weiß" ist der Name gleich Programm: Als somalischer Migrant reiste er gemeinsam mit einem Kamerateam, unter der Regie von Pagonis Pagonakis und Co-Regisseurin Susanne Jäger, 14 Monate durch Ost- und Westdeutschland auf der Suche nach unverhohlenem und verstecktem Rassismus. Und wurde dabei durchweg fündig. Parallel zum Film, der am 22. Oktober in den Kinos startet, liegt auch sein neuestes Buch, "Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere", vor, dass neben dieser Geschichte auch noch mit anderen Reportagen, wie die Callcenter- und die Lidlbäckerei-Story, aufwartet (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch), Spielfilm.de hatte vorab die Gelegenheit mit Günter Wallraff und Pagonis Pagonakis ausführlich zu sprechen.

Spielfilm.de:
Ist Deutschland immer noch oder schon wieder ein rassistisches Land?

Günter Wallraff:
Generell natürlich nicht. Es gibt aber Wurzeln und Verwachsungen, die immer wieder aufkeimen. Entscheidend ist, inwieweit eine Gesellschaft dies an sich ran lässt.

Spielfilm.de:
Sie haben selber einen sogenannten Migrationshintergrund Herr Pagonakis. Hat dieser bei der Realisierung des Films eine besondere Rolle gespielt?

Pagonis Pagonakis:
Eine stärkere Sensibilität für die Belange von Minderheiten hat man dann bestimmt: Es fällt einem direkt auf, dass nur wenige Klassenkameraden im Gymnasium Ausländer waren und auch ich habe schon Diskriminierung erfahren. Die Qualität der Diskriminierung ist bei Schwarzen nach meiner Beobachtung einfach eine andere: So massiv tritt es sonst nirgends auf und schlägt auch nie derart schnell in Gewalt um.

Spielfilm.de:
Herr Wallraff, Sie treten im Film auch als Störer auf. Als jemand, der möglicherweise auch als Weißer Unmut erregen könnte; verfälscht man damit nicht die Aussage?

Wallraff:
Ich sehe das anders: Ich bin das Gegenteil einer Figur wie "Borat", da ich mich in der Rolle prinzipiell nicht anders als sonst verhalte. Ich bin freundlich und offen zu jedermann. Natürlich arbeite ich aber auch mit einer wohldosierten Portion Provokation, die Situationskomik entstehen lässt. Aber ich bin kein Til Eulenspiegel, dessen Ziel es ist alle vorzuführen.

Regisseur Pagonis Pagonakis - Schwarz auf Weiß Spielfilmde - Dimitrios Athanassiou
Regisseur Pagonis Pagonakis - "Schwarz auf Weiß"
© Spielfilm.de - Dimitrios Athanassiou
Spielfilm.de:
Für Sie Herr Pagonakis ist es bereits die dritte Zusammenarbeit mit Günter Wallraff. Wie sind Sie beide zueinander gekommen?

Pagonakis:
Der ehemalige WDR-Redakteur und Filmemacher Felix Kuballa, mit dem wir beide befreundet sind, brachte uns zusammen. Er wusste, dass mir das Thema Menschenrechte besonders am Herzen liegt und kannte meinen Film "Tod in der Zelle - Warum starb Oury Jalloh?", der von einem Asylbewerber handelt, der in einer Polizeizelle lebendig verbrannte. Kuballa dachte, das könnte eine fruchtbare Zusammenarbeit ergeben. Tatsächlich haben wir inzwischen sogar vier Filme gemeinsam gemacht.

Spielfilm.de:
Wie oft haben Sie vor diesem Projekt mit der Diskriminierung von Schwarzen zu tun gehabt? Und wie stellt man sich geistig darauf ein, wie ein Schwarzer aufzutreten?

Wallraff:
Ich habe viele schwarze Freunde, teilweise sogar in hohen Positionen in der Medienwelt und selbst diese erzählen mir immer wieder von Diskriminierungen: Beispielsweise schwarze Schauspieler und Schauspielerinnen, die immer wieder nur in den Rollen von Drogendealern, Asylbewerbern und Prostituierten besetzt werden. Eingestellt war ich auf diese Rolle dadurch, dass ich schon vor vielen Jahren Rollen als Bootsflüchtling und sogar als Schwarzer in Soveto vorbereitet hatte, diese Projekte, vielleicht zum Glück für meine eigene Gesundheit, aber nicht realisierte.

Guenter Wallraff nach Beendigung der Maske - Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss X Verleih
Guenter Wallraff nach Beendigung der Maske - "Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss"
© X Verleih
Spielfilm.de:
Auch wenn es vielleicht allzu sehr nach Stereotype und Klischee klingt: Afrikaner legen oft eine andere Redekultur an den Tag: Sie sprechen viel lauter, schneller, gestikulieren stark – das kann mitunter recht aggressiv wirken. Ist die Beklommenheit, die Einheimische dann empfinden, nicht nachvollziehbar Herr Pagonakis?

Pagonakis:
Ich habe aber genauso Situationen erlebt, in denen Weiße ganz entspannt damit umgehen…Wallraff: Allein in dieser Frage steckt doch schon das Vorurteil. Nicht alle Schwarze kommunizieren in dieser Art – es gibt auch andere, die ganz zurückhaltend sind…

Spielfilm.de:
Aber es sind die Lauten, die im Gedächtnis haften bleiben und deren Bild ins Unterbewusste einsickert. Glauben Sie nicht, dass ebenso diese Motive der Fremdenangst oder der Angst vor Überfremdung entstehen?

Wallraff:
Ich glaube eher, dass dies alles stark medial transportiert wird. Der Schwarze ist dort immer der Kriminelle: Dieb oder Dealer oder fauler Asylant und Schmarotzer. So entstehen irrationale Bilder und Ängste.

Spielfilm.de:
Mal ganz ehrlich, Herr Wallraff was treibt Sie nach so vielen Jahren noch immer an? Ist es ein elementarer Gerechtigkeitssinn? Manch einer könnte Ihnen auch eine Tendenz zur Selbstdarstellung vorwerfen?

Wallraff:
Also was heißt hier Selbstdarstellung? Es ist meine Form mich gesellschaftlich einzubringen. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich mich privat viel lieber zurücknehme und zuhöre. Es ist im Gegenteil so, dass mir manchmal erst die Rolle ermöglicht, wie in einem "normalen Leben" zu agieren. Als Prominenter führt man eigentlich kein solches. Man lebt in einem Schonbereich und wird in der einen oder anderen Form immer zuvorkommend behandelt. Auf jeden Fall steckt aber auch ein Stückweit Abenteuerlust in mir, welche mich immer wieder motiviert, andere Rollen anzunehmen.

Spielfilm.de:
Glauben Sie es gibt so etwas, wie eine im kollektiven Unterbewusstsein der Weißen verankerte Angst vor DEM SCHWARZEN?

Pagonakis:
Ich habe mich viel mit der Geschichte der USA beschäftigt: Seit der Sklaverei scheint dort eine Art Minderwertigkeitsgefühl bei den Weißen zu existieren: Vor dem physisch stärkeren, potenteren Schwarzen, der einem die Frau raubt. Seltsamerweise existieren solche unbewusste Ängste bei Kindern nicht. Die gehen völlig unbefangen mit Menschen anderer Hautfarbe um.

Wallraff: Diese kollektiven Vorbehalte haben aber auch viel mit kolonialem Herrenmenschen-Denken zu tun, dass sogar noch heute vorkommt: Wolf Schneider, langjähriger TV-Moderator der NDR-Talkshow, viel zitierter journalistischer Lehrbuchautor und erster Leiter der "Gruner und Jahr Journalistenschule" äußerte sich seinen Schülern gegenüber wiederholt folgendermaßen (Wallraff liest aus einem seiner Bücher vor): Diesen ganzen Völker (der dritten Welt) sind doch rückständig, deren Kultur befindet und befand sich während der letzten Jahrhunderte immer unter dem Niveau unserer Zivilisation. Im 19. Jahrhundert wäre niemand auf die Idee gekommen, den Negern oder Indern irgendetwas abzugeben ... Die Neger sind nun mal nicht so intelligent wie die Weißen, weil sie nur auf Körperkraft gezüchtet worden sind.

Anmerkung der Redaktion:
Günter Wallraff zitiert hier aus seinem 1979 bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlichten Buch "Zeugen der Anklage: Die Bildbeschreibung wird fortgesetzt". Ob sich Herr Wolf Schneider gegenüber seinen Journalistenschülern tatsächlich so geäußert hat, wie in Buch und Interview von Wallraff unterstellt, ist für die Redaktion nicht abschließend zu klären. In einer der Redaktion vorliegenden eidesstattlichen Erklärung hat sich Wolf Schneider ausdrücklich von den von Wallraff unterstellten rassendiskrimnierenden Äußerungen distanziert. Ein rechtskräftiges Urteil, dass Wallraff die Verbreitung der entsprechenden Behauptung verbieten würde, liegt allerdings nicht vor.

Regisseur Pagonis-Pagonakis - Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss X Verleih Andreas Becker
Regisseur Pagonis-Pagonakis - "Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss"
© X Verleih / Andreas Becker
Spielfilm.de:
Sie begeben sich immer wieder in Situationen, die nicht gerade ungefährlich sind. Als Zuschauer läuft es da einem oft eiskalt den Rücken herunter (beispielsweise als Sie Einlass in der Disco wollen, wo ein Neonazi Türsteher ist oder sie sich mitten in diesem Hooliganpulk im Zug befinden). Sind Sie inzwischen tatsächlich derart abgebrüht, dass Sie die Gefahr völlig kalt läst?

Wallraff:
Im Gegenteil! Als Kind bin ich mütterlicherseits eher ängstlich erzogen worden und habe mich selber anschließend zur "Angstfreiheit" umerzogen, indem ich mich immer mit dem konfrontiert habe, was mir Angst bereitete. Die Gefahr bei den Dreh´s entsteht natürlich situationsbedingt, aber in der Rolle riskiere ich dann einfach alles. Es ist für mich wie ein Spiel – tatsächlich manchmal um mein Leben. Aber ich denke darüber nicht weiter nach.

Spielfilm.de:
Herr Pagonakis, liegt es bloß an der Vergangenheit dieses Landes, dass mit anderen Kulturen so verklemmt umgegangen wird?

Pagonakis:
Der Dreh zu "Schwarz auf Weiß" entwickelte sich für mich regelrecht zu einer Reise in ein unbekanntes Land. Mein Bild von dieser Gesellschaft hat sich dabei sehr geändert. Ich denke es ist nicht nur diese spezielle Vergangenheit. Es sind genauso vorangelegte Ängste vor dem Fremden. Es gibt anthropologische Begründungen für dieses Verhalten. Thema des Filmes ist es aber nicht ausschließlich die Diskriminierung der Schwarzen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Angst vor dem Fremden im Allgemeinen.

Spielfilm.de:
Die letzte Frage an beide: Die Abgrenzung gegen "das Andersartige" ist in sozialen Gruppen eine natürliche Schutzfunktion. Glauben Sie, dass ein Land, welches anders als beispielsweise die USA, die erst durch Migration ein Nationalstaat wurde, jemals diesen Reflex komplett überwinden kann?

Wallraff:
Komplett sicherlich nicht. Ansatzweiße aber schon; wichtig ist vor allem, sich niemals mit solchen Zuständen abzufinden. Durch produktive Provokation kann man das Aufbrechen und sogar vor Ort etwas bewirken. Letzen Endes muss sich jede Gesellschaft daran bemessen, wie sie anderen Kulturen, Minderheiten und dem jeweils Fremdem gegenüber eingestellt ist.

Pagonakis: Ich sehe unsere Gesellschaft im Umbruch: In den Städten hat bereits ein großer Teil der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund. Eine vernünftige Integrationspolitik ist aber in den letzten Jahrzehnten regelrecht verschlafen worden. Wir werden in Zukunft noch mehr mit Menschen verschiedenster Kulturen und Hautfarben zusammenleben, als es heute schon der Fall ist und ich hoffe sehr, dass der Film seinen Beitrag dazu leistet, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen.


Interview geführt am 18.10.2009 von Dimitrios Athanassiou in Köln





Userkommentare
Lars vom 28.10.2009
Zu dem Campingplatz:m Den gibt es nicht!..Der Film ist sonst sehr gut und zeigt denke ich auch die immer wiederkehrenden Probleme gut.
Quelle (Campingplatz): http://www.mt-online.de/start/top_news/3210267_Fahndung_nach_Mindener_Campingplatz.html
Dimitrios vom 21.10.2009
Also Sie haben hier grundsätzlich einiges missverstanden:
1. bezeichnen sich die Schwarzen selber so; auch beispielsweise in der USA als "Black People". Im Interview sind die Weißen doch auch die Weißen. Und das ist auch keine Beleidigung.
2. Ich selber bin kein Deutscher! Habe selber in meinem Leben schon Diskriminierung erfahren. Die Fragen, die bewusst derart provokant gestellt sind, zielen ebenso wie der Film an sich darauf ab, die Menschen wachzurütteln und zur Diskussion anzuregen - offensichtlich funktioniert das!
3. Glauben Sie wirklich, ich als Interviewführer, saß über zwei Stunden mit einem Mann wie Günter Wallraff am selben Tisch und einem Regisseur wie Herrn Pagonakis, der sich den Menschenrechten in seinen Filmen verschrieben hat und habe ein voruteilsbeladenes Gespräch führen können. Wo denken Sie denn hin!? Glauben Sie die beiden Herren hätten mir ein Interview gegeben, wenn es einen rassistischen Funken enthalten würde?
Denken Sie bitte genau nochmal darüber nach...
- Der Autor -
Alex vom 21.10.2009
hey lydia,
du beziehst dich in deinem kommentar lediglich auf die hautfarbe und das er kein deutsch kann ???!!!
Bitte schau dir den film mal an ...da ist z.bsp. dieser schauspieler auf einem campingplatz und wollte dort sein plätzchen "mieten". Der zuständige dort: ne, ne das geht nicht, sie sind schwarz, das kann ich nicht verantworten für die anderen gäste hier.
Bitte schön! und der typ hat normal/verständlich gefragt, wurde somit auch verstanden.
(Versändlich wäre es, wenn er kein deutsch sprechen könnte, hier kann er es aber!!!)
Es geht ganz klar um die aktuelle Situation in Deutschland, wo die Ausländer (hier Afromann) einfach nicht akzeptiert werden.
Tief im Inneren, da haben noch sehr viele das Bedürfnis "unter sich" zu sein.
In anderen Ländern; Türkei, Spanien, Niederlande, Schweiz.... ist es doch anders...
mfg
alex
lydia vom 21.10.2009
guten abend,
ich muss ehrlich sagen das ich geschockt bin über die tatsächlichen Fragen, vorallem zu Anfang z.B:
Auch wenn es vielleicht allzu sehr nach Stereotype und Klischee klingt: Afrikaner legen oft eine andere Redekultur an den Tag: Sie sprechen viel lauter, schneller, gestikulieren stark - das kann mitunter recht aggressiv wirken. Ist die Beklommenheit, die Einheimische dann empfinden, nicht nachvollziehbar.
-entschuldigung, schicken Sie bitte einen Deutschen in ein Land in dem er nicht verstanden werden will, und sehen sie zu wie schnell er laut wird, schließlich werden selbst in Deutschland Menschen laut, nur weil sie denken man versteht kein deutsch, als ob die Lautstärke das wieder weg machen könnte. ausserdem würde ich fast sagen das die Menschen die diesen Schauspieler angepöbelt haben auch recht laut und aggresiv wurden, aber da reicht die Hautfarbe zurprovokation!!!und Sie schreiben ja selbst das diese Frage etwas komisch ist, warum fragen Sie so etwas??? damit stecken sie Menschen in Schubladen wo sie nicht hin gehören, DIE SCHWARZEN... ich bitte sie, ok selbst wenn es im film so benannt wird, was mir auch schon in den Ohren schmerzt, sollten Sie doch bitte den Respekt als Interview-führer vor einer anderen Hautfarbe haben und ihn auch zeigen, denn die angst vor DEN SCHWARZEN kann man nun wirklich anders umschreiben, wenn Sie da vielleicht nicht wissen wie, oder warum es von so einer unglaublichen wichtigkeit ist, empfehle ich Ihnen das Buch Deutschland Schwarz Weiß, der alltägliche Rassismuss, ich sehe selbst rassismus an jeder Straßenecke, denn mein Freund, ein studierender, perfekt deutsch sprechender und arbeitender AFRO-DEUTSCHER, bekommt oft genug zu spüren das er sich in einem Land befindet in dem er nicht willkommen ist, sei es im job, an der Uni oder auf irgendwelchen partys oder veranstaltungen!!!!
ich schreibe Ihnen weil ich Ihre Fragestellungen alleine schon grenzwertig finde und es los werden will, falls es Ihnen vielleicht selbst nicht wirklich bewusst war.
lieben Gruß und schönen abend

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