"2012": Gespräch mit Roland Emmerich"Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe!"Regisseur Roland Emmerich hat das Ziel erreicht, von dem viele ein Leben lang träumen: den Sprung von der Provinz nach Hollywood. Einst als 'Spielbergle aus Sindelfingen' verachtet, sind seine Filme heute opulente Blockbuster-Garanten, die in verschiedenster Variation die Apokalypse der Welt heraufbeschwören. Sein bislang teuerster Film "2012" soll diese Erfolgsgeschichte nun fortsetzen. Ein Gespräch mit dem 53-jährigen Regisseur über 200 Mio. Budget, seine Anfänge und die Zukunft des Kinos.Spielfilm.de: Herr Emmerich, Sie waren stets dafür bekannt, großes Kino mit wenig Geld zu produzieren. Warum sieht dieser Film plötzlich doch ungewöhnlich teuer aus? Roland Emmerich: Die Dimensionen haben sich in Hollywood einfach verändert: dieser Film ist zwar sehr teuer gewesen, aber andere hätten noch mehr Geld dafür ausgegeben. Heutzutage gibt es schon Budgets von bis zu 300 Millionen Dollar, wir haben 'nur' 200 Millionen verbraucht. Für mich war es trotzdem die bislang größte Summe und meine teuerste Produktion überhaupt. Dabei ist das meiste Geld in die Finanzierung der Schauspieler und der visuellen Effekte geflossen. Spielfilm.de: Bei derartigen Budgets würde sich ein Flop katastrophal auf Ihren Ruf auswirken. Verspüren Sie Druck? Roland Emmerich: Nicht so wirklich. Ich bin lange genug im Geschäft und kann ganz gut einschätzen, ob die Anzeichen bei einem Film auf einen Erfolg hindeuten oder nicht. Die Studioredaktion ist beispielsweise sehr entscheidend. Ich mache immer Auktionen, bei denen entschieden wird, welches Studio den Film produziert. Wenn diese Versteigerung gut läuft, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Zusätzlich haben bei "2012" sogar Schauspieler zugesagt, die normalerweise eine solche Art von Filmen ablehnen. Auch sie wissen, dass sie sich hinterher nicht dafür zu entschuldigen brauchen. Spielfilm.de: Warum haben Sie dieses Mal – im Gegensatz zu "10.000 B.C." - wieder auf bekannte Gesichter und gut bezahlte Schauspieler gesetzt? Roland Emmerich: Bei meinem letzten Film hätten Stars zu sehr vom eigentlichen Inhalt abgelenkt. Dieses Mal verhielt es sich ähnlich wie bei "The Day After Tomorrow": da hatten wir mit Dennis Quaid und Jake Gyllenhaal auch eine ziemlich hochkarätige Besetzung. Ich hatte dieses Mal das besondere Glück, dass John Cusack und alle anderen Wunschkandidaten sofort zusagten. Spielfilm.de: Viele sehen in der 3D-Technik die Zukunft großer Blockbuster. Wieso sind Sie noch nicht auf den neuen Trend aufgesprungen? Roland Emmerich: Weil mich die Technik weit weniger überzeugt als andere. Ich habe bei 3D-Filmen immer Schwierigkeiten, der eigentlichen Geschichte zu folgen, weil ich ständig die Spezialeffekte beobachte. Ich kann mir aber vorstellen, dass Kinder, die mit dieser Art von Animationsfilm aufwachsen, eine Selbstverständlichkeit dafür entwickeln. Trotzdem frage ich mich: warum überhaupt 3D? Wenn wir durch die Welt gehen, sehen wir die Dinge doch auch nicht wirklich dreidimensional. Unser Hirn sagt uns: das ist 2D! Deswegen bin ich bei diesem Thema gegenüber sehr skeptisch. Spielfilm.de: Glauben Sie trotzdem daran, dass sich die Technik in Zukunft durchsetzen wird? Roland Emmerich: Das wird sich in den nächsten zwei bis drei Jahren entscheiden. Der Film "Avatar" (Regie: James Cameron) wird dabei eine große Rolle spielen. "Ice Age 3" hat bereits sehr gut funktioniert, eben weil er in 3D gezeigt wurde. Den einzigen Vorteil ist in meinen Augen, dass mehr Kinobesitzer digitale Projektoren bauen - und das hat einen tollen Effekt für alle Filme. Spielfilm.de: Man hört immer wieder, dass Sie bei Dreharbeiten nichts aus der Fassung bringt. Drehen Sie wirklich nie durch? Roland Emmerich: Ich bin eine Frohnatur, die so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Ich bin auch sehr gut vorbereitet, was unter anderem daran liegt, dass ich meine Drehbücher selbst schreibe. Außerdem umgebe ich mich mit wirklich guten Leuten. Ich achte penibel darauf, dass wir keinen Schreihals im Team haben. Ich heuere auch keine Schauspieler an, die schwierig und laut sind. Wer diesbezüglich einen schlechten Ruf hat, wird von mir gar nicht erst engagiert. Spielfilm.de: Warum haben Sie eigentlich so ein großes Vergnügen daran, in Ihren Filmen die Erde zu zerstören? Roland Emmerich: Das hat sich seit "Independence Day" so ergeben. Über die Jahre habe ich mit dieser Art von Film eine Art Genre erschaffen, das aus großen Actionsequenzen und darauf folgendem Witz besteht. Wieso? Weil es beim Publikum funktioniert. Spielfilm.de: Welcher Ihrer Filme liegt Ihnen denn besonders am Herzen? Roland Emmerich: Am ehesten wohl "Stargate" (1994). Ich habe sehr für diesen Film gekämpft, weil damals keiner an diese Form von Science Fiction glauben wollte. Trotzdem wurde der Film sofort zu einem großen Hit. Spielfilm.de: Danach kam der Durchbruch? Roland Emmerich: Zumindest wurden mir ab diesem Moment Drehbücher erster Klasse angeboten. Doch ich lehnte alle ab und pochte darauf, selbst etwas zu entwickeln. Viele rollten mit den Augen – und ich schrieb "Independence Day". Kurz nachdem der Film in die Kinos kam, rief mich mein Rechtsanwalt an und sagte: 'jetzt musst du dir schleunigst überlegen, wie du dein ganzes Geld anlegst, denn arbeiten musst du nicht mehr.' Spielfilm.de: Sie kommen ursprünglich aus Stuttgart und sind teilweise in Sindelfingen aufgewachsen. Denken Sie heute noch wie ein Schwabe? Roland Emmerich: Mir ist immer noch unwohl, wenn ich Geld von anderen ausgebe. Ich komme zwar aus einem relativ vermögenden Elternhaus, aber unser Vater hat uns immer eingebläut, das Geld etwas Wertvolles ist. Eine der geflügelten Redewendungen war: wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Mein eigenes Geld gebe ich zwar in großen Mengen aus, aber wenn ich an einem Film arbeite, achte ich sehr genau aufs Budget. Spielfilm.de: Was ist die wichtigste Lebensweisheit, die Sie von damals mit auf Ihren Lebensweg genommen haben? Roland Emmerich: Mein Vater sagte mir einmal: es ist sehr viel wichtiger, zu was du nein sagst, als zu was du ja sagst. Daran ist viel Wahres. Spielfilm.de: Sie leben seit vielen Jahren in Los Angeles. Sprechen Sie zuhause überhaupt noch Deutsch? Roland Emmerich: Wenn ich über Filme diskutiere oder am Set fluche, passiert das immer auf Englisch. Nur wenn sich eine Unterhaltung um mein Privatleben dreht, spreche ich doch lieber in meiner Muttersprache. Ich lebe jetzt seit zwanzig Jahren in Amerika und verbringe ansonsten die meiste Zeit in London. Deshalb muss ich manchmal schon nach Worten suchen, wenn ich Deutsch spreche. Spielfilm.de: Aber Sie haben seit kurzem auch eine Wohnung in Berlin, nicht wahr? Roland Emmerich: Ja, aber ich war heute früh das erste Mal dort. Sie muss erst noch fertig gestellt werden. Demnächst werde ich aber viel Zeit in der Hauptstadt verbringen, weil ich hier einen Film drehe. Im März fangen wir an. Spielfilm.de: Von was handelt die Geschichte? Roland Emmerich: Sie trägt den geheimnisvollen Titel "Anonymous" und befasst sich mit der Frage nach der Autorenschaft von Shakespeare. Ich wollte diesen Film schon seit vielen Jahren machen. Spielfilm.de: Der Inhalt klingt so gar nicht nach einem typischen Roland Emmerich Projekt. Wieso hat Sie dieser Stoff interessiert? Roland Emmerich: Es ist Versuch, etwas ganz anderes zu machen, weil ich eben nicht nur Katastrophenfilme drehen will. Mich reizte die Vorstellung, einen Politthriller zu drehen, bei dem die Frage diskutiert wird, ob William Shakespeare seine Stücke wirklich selbst geschrieben hat. Dieser Stoff hat eine ganz andere Form von Spannung. Interview geführt am 16.11.2009 von Rosa Zakravsky in Berlin
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