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Interview mit Jason Reitman zu "Up in the Air"

Up in the Air - George Clooney Anna Kendrick Paramount Pictures GermanyRegisseur Jason Reitman 20th Century FoxUp in the Air - George Clooney Paramount Pictures GermanyThe 4th Rome Film Festival: Up In The Air Jason Reitman und George Clooney and Elisabetta Canalis 2009 Getty Images Photo by Vittorio Zunino Celotto Getty Images Up In The Air Press Conference Jason Reitman und George Clooney 2009 Getty Images Photo by Vittorio Zunino Celotto Getty Images
"Ich hasse Genres aus vollem Herzen"Mit der Satire "Thank you For Smoking" witzelte der kanadische Regisseur Jason Reitman gekonnt über den absurden Alltag eines Tabaklobbyisten und überzeuge eine ganze Branche von seinem Gespür für absonderliche Stoffe fernab stupider Komödien. Doch erst sein Folgefilm "Juno" machte ihn zum weltweiten Regiestar: Sagenhafte 230 Millionen Dollar spielte der Low Budget-Film über die Auswirkungen einer viel zu frühen Schwangerschaft ein und wurde mit vier Nominierungen sogar zum Überraschungserfolg bei den Oscars. Ähnliches könnte ihm nun mit "Up in the Air" gelingen, in dem er niemand geringeren als George Clooney auf eine Reise quer durch Amerika schickt: als reiseversessener Flugmeilen-Junkie feuert dieser mit voller Leidenschaft langjährige Mitarbeiter in maroden Unternehmen, bis seine Stelle eines Tages selbst wegrationalisiert werden soll und er sich statt Statussymbolen wieder auf die traditionellen Werte des Lebens besinnen muss. Kurz nach der Weltpremiere in Toronto sprachen wir mit Jason Reitman über seinen umjubelten Erfolg, seinen eigenen Höhenflug und die Arbeit mit dem derzeit berühmtesten Hauptdarsteller der Welt.

Spielfilm.de:
Mr. Reitman, waren Sie nach Ihrem Erfolg mit "Juno" eigentlich nervös? Ein Folgehit schreibt sich bekanntlich nie leicht.

Jason Reitman:
Natürlich stand ich unter Strom, aber die Gründe waren eigentlich sehr simpel: Ich wollte eigentlich nur, dass der Film beim Publikum funktioniert. Deshalb macht man ihn ja! Aber inzwischen bin ich wieder sehr gelassen, weil der Film ja wirklich auf guten Anklang stößt.

Spielfilm.de:
Wieso war es Ihnen so wichtig, gerade Clooney für die Rolle zu bekommen?

Reitman:
Nummer eins: er ist einer der letzten echten Männer, die Hollywood noch hat. Nummer zwei: er besitzt genau den Charme, den diese Rolle voraussetzt. Und Nummer drei: es gibt ja durchaus interessante Ähnlichkeiten zwischen seiner Person und der Rolle: auch er ist Vielflieger, auch er kennt sich im Leben mit Statussymbolen mehr als gut aus.

Spielfilm.de:
Der Film steht und fällt mit George Clooney's Performance. Wie bekommt man einen Schauspieler, den wirklich jeder haben will?

Reitman:
Während der sechs Jahre, in denen ich an dem Drehbuch arbeitete, war George Clooney immer meine Idealbesetzung. Nach dem Erfolg von "Juno" behielt auch sein Agent das Projekt im Auge und schlug vor, dass ich Clooney das fertige Drehbuch in sein Haus nach Italien bringe. Ich hielt das für keine gute Idee, weil ich peinliche Situationen vermeiden wollte und schicke das Buch erst einmal so auf den Weg.

The 4th Rome Film Festival: Up In The Air Photocall George Clooney und Jason Reitman 2009 Getty Images Photo by Vittorio Zunino Celotto Getty Images
The 4th Rome Film Festival: "Up In The Air" Photocall / George Clooney und Jason Reitman
© 2009 Getty Images (Photo by Vittorio Zunino Celotto/Getty Images)
Spielfilm.de:
Schließlich sind Sie aber doch noch in Clooney's Haus gelandet?

Reitman:
Ich rief nach einiger Zeit an und erkundigte mich nach dem Stand der Dinge. Wieder sagte der Agent, dass es am einfachsten wäre, wenn ich nach Italien fliegen und ihn besuchen würde. Nach dieser doppelten Einladung packte ich also meine Sachen und flog für ein paar Tage zu Clooney. Ich komme also an und verliere mich mit ihm erst einmal in einer Stunde Smalltalk, bis er mich plötzlich fragt: 'Und, an was arbeiten Sie gerade?' Ich stotterte den Filmtitel nur noch vor mich hin. Clooney antwortete: 'Ach ja, das liegt hier irgendwo herum, ich sollte das vielleicht mal lesen, oder?' Danach war mein Tag erst einmal gelaufen.

Spielfilm.de:
Wann kam das Treffen doch noch zu einem glücklichen Ende?

Reitman:
Zwei Tage später. Ich wohnte immer noch dort und wusste nicht, ob er das Buch nun liest oder nicht. In diesem Zustand der Unsicherheit kam er eines Tages in mein Zimmer, legte das Buch auf meinen Tisch und sagte: "Es ist großartig. Ich bin dabei." An dem Abend sprachen wir beim Essen alle Details durch und tranken vier Flaschen Wein. Ich, der normalerweise nie trinkt, musste mit Clooney gleichziehen und hatte danach den Kater meines Lebens.

Regisseur Jason Reitman 20th Century Fox
Regisseur Jason Reitman
© 20th Century Fox
Spielfilm.de:
George Clooney gehört zu der eleganten Kategorie von Schauspielern – die ähnlich wie in den 40er und 50er Jahren – Ihr Image als Gentlemen auch problemlos auf Ihre Rollen übertragen können. Gibt es Dinge über George Clooney, die die Öffentlichkeit nicht weiß und die auch Sie überrascht haben?

Reitman:
Nein, er ist auch in Wirklichkeit so, wie er in den Medien rüberkommt. Am meisten zeichnet ihn wohl aus, dass er ihn unserer wertelosen Welt noch Moralvorstellungen hat, nach denen er konsequent lebt. Er hat ein gutes Herz und lebt strikt nach dem, was er als richtig empfindet. Von seiner Sorte gibt es nicht mehr viele.

Spielfilm.de:
Müssen Sie ihm als Regisseur überhaupt noch Anweisungen geben?

Reitman:
Nicht wirklich. Er denkt ja wie ein Regisseur: wenn er aus dem Augenwinkel eine Wolke am Himmel aufziehen sieht, timt er eine Szene genau so, dass die veränderten Lichtverhältnisse nicht die Einstellung ruinieren. Wenn im Hintergrund ein Auto hupt, setzt er seinen Dialog so, dass seine Worte nicht durch die Geräusche verschlungen werden. Er ist jemand, der immer bis zum Ende bleibt und sich auch beim Auftragen von Make-Up extrem uneitel gibt. Kurzum: er ist perfekt.

Spielfilm.de:
Sie haben das Drehbuch vor sechs Jahren begonnen. Aber erst seit kurzem hat die Finanzkrise die Arbeitslosigkeit wieder zum Top-Thema gemacht. Ist es reiner Zufall, dass Ihr Film nun genau zur richtigen Zeit herauskommt?

Reitman:
Ich habe es vorhergesehen! (lacht) Nein, die Wahrheit ist, dass ich den Film ursprünglich als Satire geschrieben habe. In Zeiten eines ökonomischen Höhenflugs schrieb ich eine Komödie über Jobverlust – und das kam relativ locker daher. Sobald die Finanzkrise einschlug, musste ich das Grundgefühl des Films völlig neu strukturieren. Das machte aber nichts, denn auch ich war in der Zeit ein neuer Mensch geworden: ich wurde selbst Vater und drehte mit "Thank You For Smoking" und "Juno" zwei Erfolgsfilme, die mir eine ganz andere Art von Film ermöglichten.

The 4th Rome Film Festival: Up In The Air Jason Reitman und George Clooney and Elisabetta Canalis 2009 Getty Images Photo by Vittorio Zunino Celotto Getty Images
The 4th Rome Film Festival: "Up In The Air" Jason Reitman und George Clooney and Elisabetta Canalis
© 2009 Getty Images (Photo by Vittorio Zunino Celotto/Getty Images)
Spielfilm.de:
Ihr Vater ist der berühmte Regisseur Ivan Reitman, der "Up in the Air" auch produziert hat. Hat das gut funktioniert?

Reitman:
Ich bewundere ihn sehr und habe zeitlebens von seinen Ratschlägen profitiert. Andererseits habe ich auch mitbekommen, wie gehässig über viele andere Kinder von Prominenten hergezogen wurde. Deshalb war es mein tiefes Bedürfnis, erst einmal selbst etwas auf die Beine zu stellen, bevor ich gemeinsam mit meinem Vater an einem Projekt arbeite. Nach dem Erfolg von "Juno" hatte ich das Gefühl, diesen Status erreicht zu haben und begann, mich mit ihm über "Up in the Air" zu unterhalten. Die Zusammenarbeit lief dann auch sehr reibungslos ab.

Spielfilm.de:
Viele bezeichnen den Film als romantische Komödie, aber das trifft den facettenreichen Stil des Films eigentlich nicht ganz. Würden Sie dem zustimmen?

Reitman:
Romantik ist genauso ein Hilfsmittel wie die Komödie. Aber das heißt noch lange nicht, dass der Film nur in diese Kategorie passt. Ich bin vielmehr darauf aus, Filme zu drehen, die eine Geschichte erzählen, die Zuschauer herausfordern und sich fernab jeder Kategorisierung bewegen. Ich hasse Genres aus vollem Herzen! Ich will Filme drehen, die einen einzigartigen Ansatz verfolgen, nicht so leicht kategorisierbar sind und dem Zuschauer auch keine Aussage aufzwängen.

Spielfilm.de:
Passiert das nicht zwangsläufig?

Reitman:
Nein, ich bin doch nicht Michael Moore. Der will dir mit seinen Filmen ganz klar sagen, wie du denkst. Ich mache Filme, um Fragen aufzuwerfen und jeden danach selbst entscheiden zu lassen.

Up In The Air Press Conference Jason Reitman und George Clooney 2009 Getty Images Photo by Vittorio Zunino Celotto Getty Images
"Up In The Air" Press Conference. Jason Reitman und George Clooney
© 2009 Getty Images (Photo by Vittorio Zunino Celotto/Getty Images)
Spielfilm.de:
Lesen Sie Kritiken?

Reitman:
Ja, leider. Ich sollte das eigentlich nicht tun, aber die Wahrheit ist, dass ich doch sehr genau verfolge, was Leute über mich schreiben. Gerade über Twitter bekomme ich ja auch sehr viele Reaktionen mit.

Spielfilm.de:
Wieso benutzen Sie dieses Tool, dass Sie doch ein Stück weit zum gläsernen Menschen macht?

Reitman:
Weil ich mich damit beruflich einer großen Masse an Menschen mitteilen kann. Ich schreibe über nichts privates, nur über den aktuellen Stand meiner Projekte. Und das liegt mir sehr am Herzen: Filmemachen gilt in der allgemeinen Anmutung als perfekte Kunstform. Viele gehen davon aus, dass ein guter Regisseur alle Einstellungen genau im Kopf hat und sich nie von seiner Vision abbringen lässt. Die Wahrheit ist, dass ein Film langsam durch die Fehler, die man dabei macht, an Größe gewinnt. Indem ich über mein eigenes Versagen schreibe, kann ich jungen Filmemachern vielleicht ein paar hilfreiche Tipps mit auf den Weg geben. Denn man muss nicht immer genau wissen, was man tut, um ein großartiger Filmemacher zu sein.


Interview geführt von Johannes Bonke







Jason Reitman Up In The Air Photocall Rom Film Festival 17 Oktober 2009 Vittorio Zunino Celotto 2009 Getty Images via Imagenet
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