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Kritik: Happiness (1998)


An manchen Filmen hat man zu knabbern – "Happiness" ist einer davon. Das Verstörende an Todd Solondz' dritter Regiearbeit aber ist weniger die tabulose Darstellung sexueller Obsessionen als die beunruhigende Beobachtung, daß hier ein mehrfacher Kinderschänder nicht als personifiziertes Monster, sondern als liebevoller Familienvater dargestellt wird: als Mensch in seelischer Not, für den man so etwas wie Mitgefühl empfinden kann.

Daran scheiden sich die Geister: Während Universal-Chef Ron Meyer über die Produktion derart in Rage geriet, daß er die Vertriebsrechte an ein unabhängiges Unternehmen abtreten ließ, erklärten Festivalbesucher und Kritiker "Happiness" bereits Monate vor dem Deutschlandstart zu "einem der besten Filme des Jahres".

Mit beklemmender Nähe und pechschwarzem Humor porträtiert Solondz ein faszinierendes Ensemble mehr oder weniger abnormer, von Obsessionen gepeinigter Charaktere und ihr Streben nach Glück und Zufriedenheit – innerlich vereinsamte Menschen, deren Schicksal auf wundersame Weise miteinander verwoben ist, und die sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von unseren eigenen Nachbarn, Kollegen und Bekannten unterscheiden. Ohne moralische Wertung oder gar Sensationsgier entlarvt "Happiness" die Abgründe des "ganz normalen Wahnsinns" und sorgt dafür, daß einem das Lachen dabei im Halse steckenbleibt.

Vater und Sohn: Als das Leben des pädophilen Psychiaters Bill endgültig in Trümmern liegt, gesteht er seinem verunsicherten Sprößling die unsäglichen Dinge, die er dessen Klassenkameraden angetan hat – Todd Solondz ("Willkommen im Tollhaus") entwickelt daraus eine zutiefst erschütternde und brillant dargestellte Szene, die einen mitten ins Mark trifft und die Grenze dessen berührt, was man auf der Leinwand an Wahrhaftigkeit und Nähe herstellen kann.

Die bittere Wahrheit aber fordert ihren Tribut: "Happiness" ist ein cineastisches Ereignis, bei dem am Ende niemand glücklich ist – auch nicht die Zuschauer, die das Theater nach 134 beunruhigend aufrichtigen Kinominuten ungewöhnlich schweigsam und nachdenklich verlassen.





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