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Cher - 'Tee mit Mussolini'
Cher - 'Tee mit Mussolini'
© United International Pictures

Kritik: Tee mit Mussolini (1999)


Was Sturheit, Ignoranz und Etikettentreue anbelangt, sind Lady Hester (Maggie Smith), Arabella (Judi Dench) und die herzensgute Mary (Joan Plowright) kaum zu übertreffen. Dennoch sind diese drei exzentrischen Figuren die Seele dieses liebenswerten Films des 76 Jahre alten Italieners Franco Zeffirelli ("Hamlet"), der hier Fiktion und Wahrheit munter mischt.
Der Film handelt von Zeffirellis eigener Kindheit, die er zehn Jahre lang – von 1935 bis Kriegsende – auf bittersüße Weise nacherzählt. Mit Hilfe von John Mortimer schrieb der Regie-Altmeister ein leider nicht immer überzeugendes Drehbuch, das drei getrennte Handlungsstränge zu verknüpfen sucht: Lucas Erwachsenwerden, das Schicksal der in Lagern internierten Frauen und nicht zuletzt den Krieg und Terror im faschistischen Italien. Uneingeschränkt begeistern kann man sich nur für den Frauen-Plot: Das großartige Spiel der altgedienten Mimen Plowright, Smith und Dench ist von gewissenhafter Perfektion geprägt, aber auch Cher vermag als neureiche Amerikanerin restlos zu überzeugen.
Schade, dass es sich „Tee mit Mussolini“ oft zu einfach macht: Faschismus, Krieg und Widerstand erscheinen wie ein Spiel von Cowboys gegen Indianer, und auch im Internierungslager haben die resoluten Britinnen alles recht schnell im Griff. Doch die geschliffenen Verbalattacken der im eigenen Klatsch und Tratsch gefangenen Ladies machen am Ende alles wieder gut.
Franco Zeffirelli ist wohl das, was in Feuilletons gerne als Altmeister (in dem Fall der Filmregie) bezeichnet wird. Daran ist vor allem eines richtig, nämlich dass er mit 76 nicht mehr der Allerjüngste ist, was natürlich keine Rolle spielt. Mit der Meisterschaft in Sachen Filmkunst ist das freilich so eine Sache. Der Italiener kommt von Theater und Oper, und seine akzeptabelsten Filme sind denn auch Theaterverfilmungen, zuletzt "Hamlet" mit Mel Gibson. Auch Zeffirellis neuestem Werk "Tee mit Mussolini" haften große Bühnengesten und eine detailverliebte Ausstattung an. Großes Kino ist daraus allerdings beileibe nicht geworden. Der autobiographische Film ist ein zäher Historienschinken, der darüberhinaus fahrlässig und leichtfertig mit dem Thema Faschismus umgeht.
Faschismus in dem Fall, der Titel deutet es an, in Italien. Und weils Zeffirelli gern kunstsinnig mag und auch die Gegend kennt, die Toskana. In Florenz wächst in den 30er Jahren inmitten des aufziehenden Faschismus Luca, der uneheliche Sohn eines italienischen Schneiders, zum Mann heran. Prägend für sein Weltbild sind eine Handvoll feiner englischer Damen, Kundinnen des Vaters. Der stolze Italiener hat den Ehrgeiz vieler Väter: Der Nachwuchs soll es einmal besser haben (was auch immer das heißen mag). Deshalb bemüht er seine Kundinnen, dem Sohn einen gentleman-liken Schliff zu verpassen. Die resoluten Ladies übernehmen die Aufgabe gerne, sehen sie sich hier doch viel eher in ihrem Element, als zum Beispiel im Umgang mit den rüden Faschisten, die nun wirklich kein Benehmen haben. Die Anführerin der spleenigen Damen, Hester Random, lässt sich von Mussolini persönlich versichern, dass die Zeiten ausgezeichnet sind und keinerlei Gefahr für Leib und Seele zu befürchten ist. Aber urplötzlich ändern sich die Zustände dann doch. Als herauskommt, dass Elsa, die einzige Amerikanerin aus der Gruppe, nicht nur selbst Jüdin ist, sondern gar italienischen Leidengenossinnen zur Flucht verholfen hat, werden die Damen als unerwünschte Ausländerinnen in einen Nachbarort evakuiert. Die Katastrophe, die bald ganz Europa erfassen wird, hat ihre Vorboten in die Toskana geschickt. Und in all dem Trubel steht der pubertäre Luca und wird erfasst von den ersten Wirren von Liebesfreud und -leid.
"Tee mit Mussolini" ist vor allem eines: ein Film der verschenkten Möglichkeiten. Weder gelingt es Zeffirelli aus dem kulturellen Spannungsfeld Engländer-Italiener-Amerikaner Ironie und Charme, noch aus den fatalen politischen Umständen eine wie auch immer geartete aufklärerische Geste zu gewinnen. Die Faschisten sind für ihn hier einfach nur alberne Halodris, die irgendwie keine Ahnung von Kunst haben. Überhaupt ist der ganze Film völlig unentschlossen. Was eigentlich erzählt werden soll, wird nie so recht klar. Aber auch stilistisch findet "Tee mit Mussolini" zu keiner Einheit. Dass in der Geschichte wieder mal ein Jahr vergangen ist, wird allein durch penetrant eingeblendete Zeittafeln verdeutlicht, und dass wir nach wie vor in der Toskana sind, zeigen die üblichen Postkartenmotive. Aber nicht damit genug, dass dem Film jedwede Tiefe oder gar Doppelbödigkeit abgeht, er ist auch noch quälend langweilig.




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