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Kritik: Der General (1998)


John Boorman als den bedeutendsten englischen Filmregisseur der letzten 30 Jahre zu bezeichnen, ist ebenso richtig wie problematisch. Internationaler als die seine, könnte eine Karriere beim Film kaum verlaufen. Trotzdem schließt sich mit Boormans neuem Film "Der General" in mehrfacher Hinsicht ein Kreis im Werk des außergewöhnlichen Cinéasten. Gleich in doppelter Weise ist er zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Wie Boormans erster Welterfolg "Point Blank" aus dem Jahr 1967 ist auch "Der General" ein stark stilisierter Gangsterfilm. Zum zweiten hat sich der Regisseur, der in der ganzen Welt gedreht hat, wieder in seine Wahlheimat Irland begeben. Und nicht zuletzt zeigt Boorman, daß er mit seinen mittlerweise 65 Jahren ganz auf der künstlerisch-kreativen Höhe des aktuellen britischen Kinos mit seinen ebenso bissigen wie unterhaltsamen Milieustudien ist.

Erzählt wird die authentische Geschichte des unpolitischen Rebellen Martin Cahill, der in den 80er Jahren mit einer Serie von tollkühnen Raubzügen Irland überzog, ohne daß es der Polizei gelang, seiner habhaft zu werden. Die fortgesetzte Düpierung nahezu aller staatlicher Organe führte schließlich zu einer 90köpfigen Sondereinheit, die den verwegenen Anarchisten jagte. Und während sich die staatlichen Organe in hilflosen Haßtiraden ergingen, wurde Cahill, den seine Männer den "General" nannten, von den einfachen Leuten mit klammheimlicher Bewunderung für seine erstaunliche Dreistigkeit geachtet. Dies, obwohl ihm die klassische Robin-Hood-Attitüde durchaus fehlte. Cahills Motto lautete eher "nimm von den Reichen, aber behalte alles für dich". Den gesellschaftlichen Normen widersprach Cahill noch in anderer Weise. Er lebte mit zwei Frauen zusammen und hatte mit beiden Kinder. Zum Verhängnis wurde ihm letztlich aber nicht die Staatsgewalt, sondern ausgerechnet die IRA, die er verachtete, allerdings weder aus politischen noch aus moralischen Gründen, sondern allein weil auch sie für ihn eine gesellschaftliche Institution darstellte.

Das Auffälligste an Boormans warmherzigem Portrait eines schillernden Kauzes, der wunderbar als großes Kind verkörpert wird von dem Vollblutdarsteller Brendan Gleeson, ist das Schwarz-Weiß-Format. Was auf den ersten Blick nicht so recht einleuchtet -und den geschäftlichen Erfolg des Films sicherlich schmälert- begründet der Regisseur überaus stimmig. Boorman wollte zum einen von jedweder Romantisierung der Armut absehen. Und weiter O-Ton Boorman: "Die meisten Träume und Erinnerungenn erfolgen in s/w. Ein Schwarz-Weiß-Film nähert sich also eher einem Traum- und Erinnerungszustand und erreicht so das Unterbewußtsein des Publikums. Schwarz-Weiß-Filme umgab oft eine mythiche Aura. Sie zeigen eine vertraute und doch wieder fremde Welt". Und genau diesen Eindruck hinterläßt der Film.

Freilich, so gänzlich ungetrübt ist das Vergnügen an dem "General" dann doch nicht. Ein bißchen leidet der Film darunter, über keinerlei "mitschwingenden" Subtext zu verfügen. Das explosive Konfliktpotential des Stoffes bleibt weitgehend unangetastet. Somit ist "Der General" nur eine prächtige anzuschauende augenzwinkernde Gangsterballade, ein modernes Märchen, das die fröhliche Anarchie ausufernd feiert.




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