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Kritik: Der Dieb (1997)


Seit den Zeiten der sog. Perestroika, also etwa vor 10 Jahren, ist es um das Filmschaffen aus den Ländern der ehemaligen UDSSR hierzulande sehr ruhig geworden. Allenfalls auf die üblichen Festivals verirrt sich mal ein Film z.B. aus Rußland. Daß nun der russische Film "Der Dieb" gar den Weg ins reguläre Kino findet, mag an zwei Dingen liegen: Zum einen handelt es sich um eine russisch-französische Koproduktion, zum anderen wird hier vermutlich auf Vergleiche mit dem tschechischen Film "Kolya" spekuliert, der vor zwei Jahren immerhin den Auslands-Oscar bekam. Ähnlich sind sich beide Filme allerdings lediglich in der Tatsache, daß ein kleiner Junge die Hauptrolle spielt. Ansonsten ist "Der Dieb" recht weit von von der psychologischen Geschlossenheit und dem Charme von "Kolya" entfernt. Zugegebenermaßen liegt dies teilweise an der Geschichte bzw. der Zeit in der sie angesiedelt ist.

"Der Dieb" spielt im Rußland des Jahres 1952. In der Provinz und auf dem flachen Land herrscht bitterste Armut, genau das Klima in dem der Stalin-Kult blüht und gedeiht. Stalin sozusagen als der Übervater der ewigen Kleinen Leute.
Als solche sind der sechsjährige Sanya und seine Mutter Katya mit dem Zug in einem Land unterwegs, daß nach wie vor unter den Folgen des Krieges leidet. Auf der Reise lernt Katya einen jungen Offizier kennen und lieben. So ganz jung ist er freilich nicht mehr und vor allem, trotz seiner schmucken Uniform, kein Offizier. Tolya ist vielmehr ein heimatloser Gauner, der sich mit kleineren Diebstählen durchs Leben schlägt. Für die Mutter wird er fortan in einer freudlosen Zeit zum Liebhaber und für den kleinen Jungen zum ersehnten Vaterersatz. Von den martialischen Muskelspielen des vermeintlichen Soldaten ist der Jungen ebenso fasziniert wie von dessen Pistole. Sanya lernt nach und nach die rüden Lebensregeln der Straße bzw. der Schiene kennen, in denen Gewalt das oberste Gesetzt ist. Auch die kleinsten Beleidigungen führen zu Schlägereien, und sogar der Gebrauch von Messer und Pistole ist im Überlebenskampf legitim. Daß sich die immer unkontrollierteren Gewaltausbrüche von Tolya auch schon mal gegen den Jungen richten, übersieht die Mutter zunächst geflissentlich. So gerät das Verhältnis der drei Personen, die im übrigen auch immer mehr auf der Flucht sind, langsam in zwanghafte und tragische Bahnen.

"Der Dieb" ist ein merkwürdig fragmentarischer Film, der nur in einzelnen Sequenzen zu überzeugen weiß, im Ganzen aber eher diffus und unklar bleibt. Offensichtlich will der Regisseur (Pavel Chukhari) mehr als er tatsächlich leistet. Viele der reichhaltigen Probleme des Stoffes werden eher behauptet als psychologisch entwickelt. Was in Erinnerung bleibt - und immer da entfaltet der Film so etwas wie Magie - ist der verzweifelt fragende Blick des kleinen Sanya, der gerne etwas von der Welt verstehen würde, seine Fragen aber unbeantwortet sieht.
Thomas

'Der Dieb' erzählt eine einfache Geschichte, ein Dreiecksdrama zwischen einer Frau, ihrem Sohn und einem fremden Mann. Dies hat man schon häufiger im Kino gesehen. Doch nutzt Regisseur Pavel Chukhrai die Prämisse für andere Zwecke. Sein Film handelt eigentlich von einer ganzen Generation, die nach dem zweiten Weltkrieg in der UdSSR aufwachsen mußte. Jede einzelne Figur steht dabei symbolisch für eine Menschengruppe oder eine Institution. So ist Sanya der Repräsentant für die "verlorene Generation“. Seine Mutter verkörpert die Überbleibsel des Krieges, die trauernden Hinterbliebenen. Denn Sanyas Vater ist im Krieg gegen Deutschland gefallen. Tolya dagegen ist ein Symbol für die Stalinsche Ära. Er selbst behauptet von sich, ein unehelicher Sohn des Despoten zu sein. Faktisch tritt er auch so auf. Er wiegt die Mitbewohner in den Mietskasernen der heruntergekommenen Städte in Sicherheit, schmeichelt sich ein und verschenkt sogar Zirkuskarten, nur um sie dann zu berauben. Aber Katya und Sanya sind nicht fähig, sich von ihm zu trennen, da er auch eine große Faszination ausstrahlt. In Notsituationen setzt er sich sogar für die Beiden ein.
Chukhrai erzählt von der jüngeren russischen Geschichte, die aufgrund des kalten Krieges für die meisten von uns Westeuropäern wohl so nie sichtbar wurde. Dennoch ist es für uns nicht schwer, dem Geschehen zu folgen. Denn äußerlich ist 'Der Dieb' auch ein Portrait der damaligen Lebensweise. Detailbewußt beschreibt Chukhrai den Alltag des einfachen Mannes in den heruntergekommenen Großstädten. Dazu nutzt er starke, farbenfrohe Bilder, die mit Kontrasten nicht sparen. Die Bilddramaturgie ist dabei äußerst interessant in Szene gesetzt worden. Ihre kräftigen Farbkontraste sind dadurch zu erklären, daß die Geschichte aus den Augen des kleinen Sanya erzählt wird. Er steht meist im Mittelpunkt der Handlung. Dies legt auch der überflüssige, wie unmotiviert wirkende Off- Kommentar nahe.
Dieser ist nur eine von mehreren Schwächen, die einen vollkommenen Genuß dieses ansonsten außergewöhnlichen Filmes nicht zulassen wollen. Denn oft wirkt die Geschichte in ihrem Wunsch, das Leben einer ganzen Generation zu erklären, zu konstruiert, um emotional zu berühren. Besonders das Ende scheint nur noch auf brachiale Symbolik aus und entläßt den Zuschauer recht unzufrieden aus dem Kinosessel. Wie so oft, hinterläßt so ein einfacher Erklärungsversuch nur den schalen Beigeschmack eines undurchdachten Kommentars. Hinzu kommt, daß der Film gegen Ende seine Erzählstruktur zu stark vernachlässigt. Während anfangs noch die komplette Handlung aus Sicht Sanyas erzählt wurde, nutzt der Regisseur gegen Ende immer häufiger den weiteren Fokus eines unbeteiligten Beobachters. Leider kann man diesen Umbruch nur als unpassend, da zu abrupt bezeichnen.





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