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Kritik: Chicken Run - Hennen Rennen (2000)


Eine ganze Reihe Spielfilme beschäftigte sich mit den Kriegsgefangenen-Lagern während des 2. Weltkriegs. Bei vielen war es ein Abenteuerstoff, Haupthandlung war immer der Versuch der (guten) Gefangenen vor den (bösen) Lagerhaltern zu entkommen. Wenn es auch nicht gerade immer wieder schön ist zu hören: Letzteres waren meist die Deutschen, die "Krauts". In "Chicken Run - Hennen Rennen" fällt dieser unschöne Ausdruck mehr als einmal. Denn "Chicken Run" unterscheidet sich nur ein wenig von den alten Kriegsfilmen.

Die Henne Ginger versucht schon seit Monaten aus dem härtesten Hühnerstall Englands zu entkommen. Aus dem Bauernhof der Tweedys gibt es kein Entkommen, außer über den Umweg des Schaffotts auf den Essenstisch der brutal durchgreifenden Bauern. Besonders Frau Tweedy führt nichts Gutes im Schilde. Dennoch zeigen sich die meisten Hühner lethargisch: Außer Ginger versuchen sie selten zu entkommen. Denn sie haben Angst, dass sie wie Ginger nur allzuhäufig in Einzelhaft im Stahlbottich enden (wo Ginger ebenso heroisch ausharrt wie Alec Guiness in "Die Brücke am Kwai"). Dann kommt aber der amerikanische Hahn Rocky im wahrsten Sinne des Wortes in das Hühnerlager geflogen. Ginger heckt direkt einen Plan aus: Wie wäre es, wenn dieser flotte Hahn den Damen das Fliegen beibringen würde? Dann wäre es einfach, den Drahtzaun zu überwinden. Dennoch traut nicht jeder dem Hahn, denn wissenschaftlich gesehen, ist ein Huhn unfähig zu fliegen, und dazu ist der gut aussehende Gockel auch noch ein Yankee...

In vielerlei Hinsicht erinnert Nick Parks erster Knet-Langspielfilm an Billy Wilders Klassiker "Stalag 17". Es ist nicht nur der Stall 17, in dem Ginger ihre Vollversammlungen abhält, oder auch das Aussehen des Lagers, beziehungweise der Hühnerställe: Es ist vor allem der Stil des Filmes, die bittere Grundstory auch humoristisch auflösen zu können, ohne dabei geschmacklos oder albern zu wirken. Wilder verstand dies, Park scheint es ebenso in sich aufgenommen zu haben. Denn eines muss man ihm und Co-Regisseur Peter Lord lassen: Von der Ausgelassenheit eines "Wallace und Gromit"-Streifens sind kaum noch Spuren da, sieht man vom Design der Figuren einmal ab. "Chicken Run - Hennen Rennen" lebt davon, dass er eben auch viele Spannungselemente und düstere Sequenzen hat. Der Humor ist ein Hauptziel, aber nicht das einzige. Man hat es mit Figuren zu tun, die einen gefangen nehmen, für die man hofft und bangt.

Die erwachsene Ader hat der Film auch der filmischen Erzählweise zu verdanken. Die beiden Regisseure arbeiten mit Mitteln, die es sehr schwer machen, hier einen einfachen Animationsfilm zu vermuten: Tiefenschärfe wird bewusst eingesetzt, ebenso wie Kameraeinstellungen und -fahrten, die mit dem platten Szenenaufbau älterer Knetfilme nun gar nichts mehr zu tun haben. Aber auch die Animation selbst ist mehr als erstaunlich. Von Knete ist rein gar nichts mehr zu sehen. Die "Wallace und Gromit"- Filme waren hierin schon kleine Meisterwerke, aber in "Chicken Run-Hennen Rennen" ist alles eben noch ein wenig detaillierter und schöner.

Nick Park und Peter Lord haben mehr eingehalten, als es schon "Die Techno-Hose", der bisher wohl erwachsenste, mit echten Thrillerelementen versehene Kurzfilm mit Wallace und Gromit versprochen hatte. "Chicken Run - Hennen Rennen" ist ein erstaunlicher Film, der mit Filmklischees spielt, ohne aber zu einer reinen Parodie zu verkommen. Wenn man über den alten Veteranen-Hahn auch lacht, der die Bauern als "Krauts" beschimpft, oder über die holländische Henne mit der Alfred J. Kwack-Stimme, alle Figuren haben Persönlichkeit. Schade nur, dass der Hauptkonflikt, nämlich Engländer gegen Amerikaner, kaum hinübergerettet werden konnte. So sehen wir gezwungenermaßen ein Meisterwerk des Humors (und zeitweise auch des Dramas) nur auf Sparflamme. Aber selbst die brennt erstaunlich hell.





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