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Sleepy Hollow
Sleepy Hollow
© Constantin Film

Kritik: Sleepy Hollow (1999)


Wenn es eine Menschenart gibt, die der Amerikaner an sich bis heute hasst, so ist es der Hesse. Diese allgemeine Abart des Deutschen, zu der auch ich mich zähle, hat es sich schon sehr früh und eher unfreiwillig mit den Amerikanern verscherzt: Während der Unabhängigkeitskriege, denn damals konnten die Engländer auf 15.000 "gemietete" hessische Soldaten zurückgreifen. Bis heute ist der Ausdruck "dirty hessian" in den USA eines der schlimmsten Schimpfwörter. Es bedeutet absolute Hinterhältigkeit und Verschmutzung. Kein Wunder also, dass der Bösewicht in Tim Burtons neustem Film ein kopfloser Geist hessischer Herkunft ist. Dieser reitet durch die Nacht und hackt armen Bewohnern eines Dorfes mit einem Streich den Kopf ab. Aber einst, als er noch lebte, war er keinesfalls besser. Wie man als Hesse so ist, wütete er mit angespitzten Zähnen durch die Weltgeschichte, suchte jeden nur erdenklichen Kampf, um zu töten.

Der rational denkende, fast schon wissenschaftlich arbeitende Constabel Ichabod Crane wird dazu bestellt, diese Mordfälle zu klären. Natürlich sagt man ihm nichts von den Umständen der Enthauptungen, denn im jungen New York fällt der Mann den folterfreudigen Obrigen mit seinen ewigen Anfragen auf das "Warum" bei Mordfällen ganz schön auf die Nerven. Deshalb ist er auch alleine, als er in dem kleinen, fast ausschließlich von Holländern bewohnten Nest "Sleepy Hollow" den Grund feststellt, nämlich erst als der kopflose Reiter genau ihm gegenüber einen Mann umbringt, Crane aber erstaunlicherweise verschohnt. Er findet heraus, dass der Geist von einer äußerst menschlichen Macht kontrolliert wird. Und alle Indizien weisen auf seine Gastfamilie, die Van Tossens, hin, zu der aber auch die junge Katarina gehört, in die sich der junge Mann merklich verliebt hat.

Ab diesem Punkt überschlagen sich nun die Ereignisse, die ich –der Spannung wegen- natürlich nicht verraten will. Leider ist dies aber auch der Punkt, an dem Tim Burtons Gruselmär zusehends an Klasse verliert.

Das Drehbuch zu "Sleepy Hollow" schrieb Andrew Kevin Walker, der vor allem durch sein Script zu "Sieben" bekannt wurde. Es beruht dabei auf einer amerikanischen Kurzgeschichte, die in den USA zu einem allgemein bekannten Mythos geworden ist, ja sogar zur Legende. Diese stammt von Washington Irving und hat schon mehrfach zu davon inspirierten Werken geführt. Burtons Film ist aber wohl der erste, der sich explizit auf die Kurzgeschichte bezieht. Dies bedingt natürlich eine ganz andere Erwartungshaltung in Übersee. Die Zuschauer kennen fast alle den Bösewicht, und sie sind auch alle mit billigen Nachahmungen davon in Kontakt gekommen. Dementsprechend passender wirkt dort die ironische, aber nur leichte Übertreibung, die fast schon wie eine Hommage funktioniert. Burton wollte, so sagt er auch, an die berühmten Hammer-Produktionen erinnern, die vor allem Christopher Lee als Dracula berühmt machten. Dieser Schauspieler hat auch einen kurzen Cameo als fortschrittsungläubiger Richter.

Lässt man die andauernde Ironie aber etwas außer Acht, so zeigt sich "Sleepy Hollow" als ein äußerst atmosphärischer Film, der die Grundelemente des Gothic Horrors, vor allem die der amerikanischen Abart, ernst nimmt und auch zu einem gekonnten Magengrusel zusammenkomponiert.

Essentiell sind hierbei die phantastische Kameraarbeit und die wunderbare Musik. Burton ist berühmt für seinen ausgeprägten Sinn für Bilder. In diesem Werk komponiert er mit seinem Kameramann Emmanuel Lubezki wunderbare Einstellungen aus einer Mischung dunkler, häufig seitlich oder von hinten strahlender Beleuchtung und perfektem Einsatz von Nebel, basierend auf einer stimmungsvollen Ausstattung, die seit "Batman" fast schon als Markenzeichen des Ausnahmeregisseurs gesehen werden kann. Danny Elfmans Score passt dabei –ebenso wie immer- perfekt. Er ist mit Burton eine dieser seltenen Symbiosen eingegangen, wie sie etwa bei Steven Spielberg und John Williams oder David Lean und Maurice Jarre zu grandios harmonierenden Stimmungen führte.

Der in diesem Rahmen agierende kopflose Reiter sorgt nun noch für das entsprechende Blut, welches bei diversen Enthauptungen und anderen Abtrennungen von Körperteilen für schwächere Mägen zur echten Probe werden kann. "Sleepy Hollow" ist bei all seinem Humor auch ein sehr deftiger und brutaler Film, was durch die oben beschriebene, gothische Atmosphäre noch stark unterstützt wird. Man fragt sich schon manchmal, warum gerade Drehbuchautor Walker immer wieder in den Credits solch brutaler Filme erscheint.

Leider fällt "Sleepy Hollow", wie schon oben erwähnt, nach zwei Dritteln der Laufzeit extrem ab. Davor war der Film ein phantastisch funktionierendes Grusel-Märchen. Die Gegenüberstellung des rational denkenden Crane gegen ein von Hexen und sonstigen Sagengestalten überbevölkertes Dorf trug bis dahin den Film. Nun aber muss sie einer allen Genrekonventionen zu devot folgende, äußerst lange Zuspitzung zum eher langweilgen Finale gehorchen. Die eingeflochtene Whodunit-Handlung um den dunklen Menschen, der den Geist beherrscht, ist leider viel zu durchsichtig, selbst in den Haken, die sie schlägt, um vom wahren Bösewicht abzulenken. Es ist alleine dem wunderbaren, kaum spürbar ironisch spielenden Cast zu verdanken, dass man vieles aus dieser Phase des Filmes verzeiht.

Natürlich legt dieser mehr als enttäuschende Niedergang zur allenfalls netten Genrekost auch eine bösartige, wütende Kritik nahe. Dennoch möchte ich den Aufbau der Handlung und die bestechende Atmosphäre der ersten beiden Drittel nicht vergessen, und erst recht nicht missen. Die waren nämlich ein wunderbares Filmerlebnis, wie man es selten hat. Da kann der an sich recht gute Part zum Ende hin zwar nicht mithalten, aber es wäre wohl weitaus trauriger, hätte man das davor nur deswegen verpasst.





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