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Die Braut
Die Braut
© Progress Film

Kritik: Die Braut (1999)


Trauriger Rückschritt

Nachdem das deutsche Kino in den letzten Jahren vor allem durch Regisseure wie Tom Tykwer ('Lola rennt') und Hans-Christian Schmid ('Nach Fünf im Urwald', '23') mehrfach aus seiner Lethargie erwachen durfte, erwartet man von jedem Film wenigstens ein wenig Mut, sich von alten Konventionen und somit festgefahrenen Mustern zu lösen. Und nun kommt 'Die Braut' in die teutonischen Kinos. Dessen Regisseur, Egon Günther, gilt als Veteran der traurigsten Kinozeiten. Er ist Mitbegründer der kulturell hochwertigen Literatenfilme, die dem hiesigen Kino die verdiente Mißachtung weltweit einbrachte. Zwar kann man Günther zugute halten, daß er als einer der wenigen auch unter dem Diktat jeder Verneinung spannungsfördernder Kinomittel noch so manchen interessanten Film geschaffen hatte, 'Die Braut' gehört aber mit Sicherheit nicht dazu. Es gibt wirklich kein Anzeichen an dem Film, daß er dem Zuschauer irgend etwas nahebringen möchte. Er glänzt durch die Abwesenheit jener filmischen Mittel, die zwar weit hinaus noch immer als billig und verpönt gelten, für eben das Medium Kino aber notwendig sind, wie zum Beispiel Suspense, Humor oder auch interessante Dramaturgie und ambivalente Figuren. Schon alleine ein solches Mittel könnte den Film halbwegs tragen, bei 'Die Braut' glänzen aber alle durch unverständliche Abwesenheit.

Egon Günther verläßt sich bei seinen Charakteren auf die Schauspieler, nur leider versagt seine leading-lady Veronica Ferres auf ganzer darstellerischer Linie. Ihr Gegenpart Herbert Knaup kommt als Goethe gerademal alle zehn Filmminuten kurz vor. Die einzigen wirklichen Lichtblicke auf dieser Ebene, August Diehl und der überragende, äußerst ironisch spielende Christoph Waltz als Herzog Carl August, zieren höchstens 20 Filmmeter. Der Rest des Cast tut sich mit den zwischen pseudorealistisch und ach so künstlerisch deftig schwankenden Dialogen sehr schwer. Es ist nicht leicht, hier so etwas wie Lebensnähe zu finden.
Überhaupt ist die Dialoglastigkeit das Hauptproblem. Nicht einen Moment vertraut Günther auf die starke Kamera. Alles muß durch Dialog erzählt und erklärt werden. Wenn Symbolik, dann gleich mit dem Holzhammer: In einer Szene sitzt die vollkommen überforderte Ferres in einem Nebenraum, während Goethe im Hauptgemach eine Vernissage abhält. Sie weint, da sie aufgrund ihrer Herkunft nicht mit dabei sein darf. Günther läßt seine Hauptdarstellerin bei dieser Szene eine weiße Perücke tragen, aus der eine Locke ihres blonden Haares herauslugt. Ein recht nett eingesetztes Symbol (ihre Natürlichkeit macht Christine Vulpius nicht gesellschaftsfähig), daß dann aber noch unpassend von Wieland dem Zuschauer zu Gemüte geführt werden muß, indem er es berührt und einen trauernden Kommentar in die Weiten des Publikumsaales schmettert. Hätte man das nicht subtiler und weitaus effektiver lösen können?
Diese Frage stellt man sich allzu oft bei diesem Werk. Günther hat kaum ein Gefühl für seine Figuren. Emotionslos hievt er sie von Szene zu Szene. Dabei legt er in 112 Minuten die Zeitspanne von über 28 Jahren zurück. Somit schafft er es kaum, dem Zuschauer einen Aspekt wirklich nahezubringen. Im Gegenteil! Dieser wird geradezu dazu gezwungen, auf Distanz zum Leinwandgeschehen zu gehen. Dadurch wird er aber vom Geschehen noch weiter ausgeschlossen. Resultat ist gähnende Langeweile.





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