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Kritik: Zug des Lebens (1998)


Als ich die Vorführung zu "Zug des Lebens" verließ, meinte ein Kollege, dieser Film sei viel "europäischer" als "Das Leben ist schön", und zwar im Sinne von "besser". Dem kann ich keinesfalls zustimmen. Wenn dieser Film auch älter ist, als der letztes Jahr mit Preisen überhäufte Benigni-Film, er ist noch lange nicht besser. "Unvergleichbar" ist die Vokabel, die mir am ehesten dazu einfällt.

Die Geschichte erzählt uns von einem "Shtetl", welches sich im zweiten Weltkrieg selbst deportieren will, um dem Zugriff der Deutschen zu entkommen. Sie kaufen einen ganzen Zug und verkleiden sich teilweise als deutsche Soldaten. Um nicht aufzufallen, werden entsprechende Papiere gefälscht. Nun wollen sie versuchen, zur Front zwischen Deutschland und Russland zu gelangen, und von da aus ins gelobte Land Israel.

Der Humor, der "Zug des Lebens" ausmacht, erinnert sehr stark an das typische jüdische Bauern-Theater. Dies wird auch von der Musik unterstützt, die sehr schön mit Kletzmer-Elementen spielt. Dennoch muss man sagen, dass der teilweise nette, dann aber auch wieder äußerst biedere Humor nirgendwo hin führt. Dies macht "Zug des Lebens" auch kaum vergleichbar mit "Das Leben ist schön", der seinen Humor dazu benutzte, den Zuschauer zu öffnen, emotional frei zu machen. Erst dadurch konnte Benigni uns das monströse Grauen offenbaren, aber auch die wunderschöne Reinheit seiner Hauptfigur. Und obwohl auch hier ein reiner Tor –Shlomo, der Mann mit dem Plan und Dorftrottel- gegen die brutale Nazi-Diktatur gestellt wird, zeigt sich "Zug des Lebens" nie dazu gewillt, diesen emotionalen Weg wirklich zu gehen. Er bleibt sozusagen auf halber Strecke stehen.

Dies macht "Zug des Lebens" natürlich nicht zum schlechteren Film. Er ist eben anders als "Das Leben ist schön". Ein Vorteil, den er zu verbuchen hat, ist dabei, dass er nicht so krass in zwei verschiedene Teile zerfällt. Dagegen spricht aber, dass er eben nur biedere bis nette Unterhaltung bietet, ohne wirklich zu ergreifen, was auch auf die typischen, häufig aber negierten Klischees des intellektuellen Kinos zurückzuführen ist, die der Film fast schon zelebrierend in das Bild rückt. So hält er plötzlich an, um seine Ideen als Dialoge allzu theatralisch rezitieren zu lassen. Alles bekommt so einen Hintersinn, was natürlich durch eine drückende Symbolik hervorgehoben werden soll. Es ist schon erstaunlich, dass sich der Humor dennoch so häufig davor setzt und das ganze Gefüge gehörig auflockert.

Wenn mein Mitkollege den Film "europäisch" nannte, hat er Recht, aber auch gleichzeitig Unrecht, wenn auch diese Abtrennung von Europa und Hollywood kaum weiter führt.

Wenn man nun "Zug des Lebens" als europäisch bezeichnet, dann mag dies in der Hinsicht zutreffen, dass er eben versucht, die wirkliche Emotionalität des Themas zu meiden und statt dessen eher auf einer Art –entschuldigen Sie den hochgestochenen Ausdruck- Transferebene überhaupt nachdenklich zu wirken. Außer einem letzten Handlungskniff bietet er nur in zweiter Instanz wirkliche Kommentare oder auch bedrückende Trauer. In erster unterhält er scheinbar nur, dies aber auf allzu biederen Niveau.
Formal ist dieser Film aber kaum einfach europäisch. Man könnte "Zug des Lebens" hier als eine Art Kino des guten Geschmacks bezeichnen, in Anlehnung an Truffauts negative Betrachtung des französischen Films der frühen 60er Jahre. Es fehlt dem Film einfach an Kraft, er wirkt fast schon zu ordentlich zurecht geschliffen, um auch wirklich mitzureißen. Die gescheute Konfrontation zeigt sich schon auf der visuellen Ebene, die zwar zeitweise sehr schön funktioniert, dann aber auch sehr gediegen daherkommt, ohne wirklich aussagekräftig zu sein. Dieses Element wirft man eigentlich immer Hollywood vor. Dennoch trifft es hier mehr denn je zu.

Szenenweise ist "Zug des Lebens" ein sehr schöner Film. Wenn das ganze Dorf in Aufruhr gerät, weil die Nazis auf dem Weg zu ihnen sind, dann scheint die Kamera mit den durcheinanderlaufenden Lamentierenden zu tanzen. Dies ist sehr schön anzusehen. Dennoch mag kein wirklicher Funke überspringen.
Was zu einem wirklichen genialen Film fehlen mag, kann kaum in die richtigen Worte gefasst werden. Auf dem Reißbrett ist "Zug des Lebens" herrlich, nur sprang der Funke in meinem Fall keinesfalls über. Dies mögen andere wiederum genau umgekehrt empfinden. Ich denke aber, dass eben dieses Vorbearbeitete und abgewogen Ordentliche in "Zug des Lebens" ganz einfach vieles erschtickt, vor allem eine Situationskomik, die bei dem Thema wirklich anecken würde. Um nämlich tatsächlich zum Nachdenken anzuregen, muss ein Film seinen Zuschauer erst einmal vor den Kopf stoßen. Er muss ihn vielleicht dazu bringen, dass er sein eigenes Lachen als unangemessen empfindet. Dies startet ein Reflektieren. Bei der geschmackvollen Glätte und übertriebenen Sicherheit, niemanden zu vergraulen, die "Zug des Lebens" leider häufig spüren lässt, kommt es nie soweit. Wer also nicht von vorne hinein gleich dem Trauerdiktat verfällt, dass der Film wohl voraussetzt, der wird allenfalls unterhalten. Auf teilweise schöne Art und Weise, aber mehr auch nicht. Damit kann man das Ziel als verfehlt betrachten, jedenfalls im meinem Fall.

Knut Brockmann



Radu Mihaileanus Film, Gewinner des Sundance Filmfestivals 1999 und Preisträger des David di Donatello Awards, zählt zu jener Kategorie von Spielfilmen, die mit den herkömmlichen Tabus aufräumen - allen voran mit dem des Holocaust.
"Zug des Lebens" ist aber auch einer dieser Filme, die die Kraft besitzen, echte Gefühle hervorzurufen; solche, die man nie vergisst.
Die Geschichte einer kleinen jüdischen Gemeinde, eines "Shtetls" in Osteuropa, bewegt, macht wütend und lässt uns genauso herzlich lachen, wie es uns zu Tränen rührt: Wir befinden uns im Jahre 1941, und angesichts der grauenvollen Ereignisse in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, wird sich die kleine Gemeinde plötzlich der großen Gefahr bewusst, die von den Nazi-Truppen, jenseits der Berge, ausgeht. So wird das alltägliche Leben auf dem Dorfe für einen Augenblick lahmgelegt, und man versammelt sich, um eine Lösung zu finden...die auch prompt gefunden wird: Ausgerechnet der Dorftrottel Shlomo ist es, der auf die geniale wenn nicht gar glorreiche Idee kommt, einen Zug zu organisieren, mit dem man den Nazis einen lebensrettenden "Streich" spielt. Auf diesem soll nämlich ein Teil der jüdischen Gemeinde die Rolle der Deportierten spielen, während die anderen die Rolle der deutschen SS-Offiziere übernehmen. Von diesem unter höchster Geheimhaltung geplanten Schauspiel versprechen sie sich den Weg in die Freiheit...

Dass die Geschichte an Roberto Benignis oscarprämierten Film
"La vita è bella" erinnert, kann einerseits dafür sprechen, dass Mihaileanus Drehbuch markante Spuren hinterlassen haben muss, andererseits ist dieser besondere, komödiantische Umgang mit dem Holocaust bereits seit Chaplins "Der große Diktator" (1940) Thema der Filmgeschichte.
Chronologisch gesehen ist nämlich Mihaileanus Film vor Benignis erfolgreichem Meisterwerk entstanden, und Mihaileanu hatte seinen italienischen Kollegen sogar schon für die Titelrolle des Shlomo vorgesehen. Doch nachdem Benigni ablehnte, um seinen eigenen Film zu drehen, hagelte es schwere Plagiatsvorwürfe gegen den florentinischen Regisseur.
"Es gefällt mir", habe Benigni auf sein Vorschlag erwidert, "aber ich spiele für gewöhnlich nicht in Filme, die ich nicht selber drehe". Mihaileanu kam dann auch noch mit den Dreharbeiten in Verzug, und beklagte sich anschließend, dass Benigni ihm die Idee geklaut habe. Wovon nicht die Rede sein kann - denn es sind, trotz des Genres und der zugrundeliegenden Holocaust-Thematik, zwei sehr unterschiedliche Filme: Während Benigni
Liebeskomödie mit KZ-Dramatik verbindet, skizziert Mihaileanu den unbändigen Drang nach Freiheit, sei es in dem Wunsch ins gelobte Land zu fliehen oder in der kommunistischen Ideologie, zu der einige Juden während der Zugfahrt konvertieren.
In diesem Gegensatz, und der darauf beruhenden Balance zwischen dem Individuum und dem Chor der Menge, entfaltet sich der Film zu einer melodischen Anekdote.





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