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The Sixth Sense
The Sixth Sense
© Constantin Film

Kritik: The Sixth Sense (1999)


---Stell dich deiner Angst---

"Kennen sie dieses Gefühl?", fragt der kleine Cole. Er meint folgende Gefühle, die wir alle schon einmal gespührt haben: Das Aufstellen der Haare auf der Schulter oder der urplötzliche Schauer, der uns durchfährt. Oder auch die einbrechende Kälte im Raum, die wir zuvor nicht spührten.

Es ist kein Vergehen mehr, hier zu erwähnen, dass es sich bei diesen Gefühlen um das Spüren der Anwesenheit von Geistern handelt. Auch wenn "The Sixth Sense" hier schon eine ganz gute Lauflänge hat, so ist durch die Werbung und andere Kritiken genug gesagt worden, als dass ich hier etwas Neues offenbaren würde. Cole, der kleine, unschuldige Junge, sieht Geister. Er fürchtet sich vor ihnen, möchte gleichzeitig aber auch nicht auffallen, denn die meisten Menschen um ihn herum halten ihn für einen "Psycho". Als nun der Kinder-Psychologe Malcolm Crowe seinen Fall übernimmt, vertraut er ihm als Ersten sein Geheimnis an. Anfangs glaubt ihm der Psychologe nicht, auch weil er schon einmal in einem sehr ähnlichen Fall versagt hatte. Dennoch muss er bald merken, dass der Junge Recht hat. Er rät ihm, sich den Geistern zu stellen und ihnen zu helfen, von dieser Welt loszulassen.

"The Sixth Sense" als Horrorfilm zu bezeichnen, würde dem Film keineswegs gerecht werden. Ein Horrorfilm funktioniert meist dadurch, dass wir als Zuschauer mit einer Hauptfigur bangen. Die Angst kommt somit aus einer Gefahr. Bei diesem Film ist dies aber anders. Hier wird die Atmosphäre und die Angst durch einen ganz anderen Zugang eröffnet.
Der kleine Junge, das sind wir selbst. Wenn dieser Film uns vor gruselige Situationen stellt, dann eben nicht in der Art, dass wir den kleinen Cole bemitleiden, sondern weil wir nachvollziehen, was er fühlt. Er ist seiner größten Angst ausgesetzt, der er sich stellen muss. Dieses Gefühl kennt jeder, und die meisten von uns sind deswegen auch schon vor diesen Ängsten davongelaufen. Deshalb sehen wir nicht nur zu, wir erfahren die Ängste von Cole, aber auch von seinem Mentor Dr. Crowe. Indem wir immer wieder mit Gefühlen und Momenten konfrontiert werden, die wir aus unserem Alltag kennen, fallen wir auch immer tiefer in die Filmhandlung. Wir kennen dieses Gefühl der urplötzlichen Kälte im Raum oder das Aufstellen der Haare auf der Schulter. Deswegen nehmen wir auch die Existenz und die Angst vor den Geistern an.

Regisseur Night Shyamalan ist es gelungen, einen in sich spannenden Film zu erschaffen, der zwar nirgendwo besonders hervorsticht, dafür aber in jedem Teil perfekt umgesetzt ist und wie bei einem Uhrwerk in die anderen Teile greift. Dies ist natürlich auf eine sehr gute, abgeklärte Regieleistung zurückzuführen. Shyamalan ist ein Komponist, der Bild und Ton sehr gut zusammenführt, gleichzeitig aber wohl auch ein sehr einfühlsamer Regisseur, dem es gelingt, aus dem jungen Hauptdarsteller Haley Joel Osment eine grandiose Leistung herauszukitzeln, die in ihrer Qualität an das Schauspiel von Henry Thomas in "E.T." erinnert. Aber auch Bruce Willis zeigt hier ungeahnte Qualitäten, überzeugt in der Rolle des einfühlsamen Psychologen, die eigentlich ganz konträr zu seinem Image steht.

Aber ohne die superben Bilder von Tak Fujimoto und einen der besten Spannungsscores dieses Jahrzehnts von James Newton Howard würden diese Leistungen im Nichts verpuffen. Shyamalans Film lebt von seinen einzelnen Production-Values, wobei hier auch die gut gewählte Location nicht außen vor bleiben sollte: Philadelphia als eine der ältesten, aber auch geschichtlich dunkelsten Städte der USA passt einfach perfekt. Aber auch das Drehbuch des Regieneulings ist äußerst gut gelungen, vielleicht sogar der stärkste Part des ganzen Films. Die Zusammenfügung der einzelnen, klug ausgearbeiteten Szenen ist wirklich gefällig, garniert mit sehr guten Dialogen, die das Schauspiel auch leichter machen. Dazu findet der Film eine gute Mischung aus Spannung und humorigen Einlagen.

Leider sind die wohl als Schocks geplanten Auftritte der Geister manchmal zu vorhersehbar. Oft sehen sie im ersten Moment ganz normal aus und offenbaren dann eine klaffende Wunde. Dies stört den Film zwar kaum, bringt aber sonst eher ein Lächeln hervor, als einen Schock. Zum Glück erscheinen diese Geister selten zum Selbstzweck.

Die Atmosphäre, die "The Sixth Sense" aufbaut, kann schnell zur Sucht werden. Ich habe mich mehrfach in Szenen wiedergefunden. So zum Beispiel die Abschiedsequenz eines Geistes, der in der Nacht von seiner Geliebten endlich Abstand nimmt. Das morgendliche Gefühl der Erleichterung, die diese Frau vielleicht spürt, empfand ich selbst als bekannt. So wurde der Film zu einem erstaunlichen und guten Stück Entertainment, der den bösen Ruf des Horrors durch seine ganz eigene Angehensweise wieder rehabilitieren könnte. Ein schöner Film.

Knut Brockmann


Leben und Tod, Abschied und Neubeginn: Mit großer Sensibilität und einem hochintelligenten Skript ist dem aus Philadelphia stammenden Regisseur und Drehbuchautor M. Night Shyamalan ein atmosphärisch dichter Gruselfilm gelungen, der selbst verwöhnte Fans des Horrorgenres vor die Leinwand bannt. Der Hauch des Todes ist beinahe körperlich zu spüren, wenn Tak Fujimotos Kamera mit geisterhafter Ruhe und Subtilität in die intime Welt der beiden Hauptfiguren tritt, die um nicht weniger ringen als ihr Seelenheil. Bruce Willis meistert seine Rolle souverän, die eigentliche Sensation aber ist Haley Joel Osment, dessen Oscar-reife Darbietung dem heute Elfjährigen gerade eine Nominierung für den Golden Globe als bester Nebendarsteller bescherte.

"The Sixth Sense" ist mehr als nur ein Genrefilm mit den bekannten Zutaten und Wendungen: Shyamalan entwickelt dreidimensionale Charaktere, er nimmt seine Figuren ernst – und spielt gekonnt mit unseren eigenen Ängsten. Gezielte Schockmomente – sparsam und unerwartet eingesetzt – erzielen eben eine größere Wirkung als Legionen von Spezialeffekten. Behutsam und doch unerbittlich saugt der Film uns in die Welt von Menschen hinein, deren Ängste uns zu schaffen machen – die Ungewissheit ihres Schicksals lässt uns kalt erschauern.

Und dann ist da noch die phänomenale Wendung kurz vor Schluss, über die wir, um die Spannung nicht zu ruinieren, nicht berichten dürfen. Nur so viel sei gesagt: Mit einem Schlag erscheint alles in einem völlig neuen Licht – und kaum hat man den Kinosaal verlassen, will man den Film noch einmal sehen.




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