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Kritik: American Beauty (1999)


The Year of Living Dangerously: Lester Burham, brillant gespielt von Kevin Spacey, ist ein Jedermann der Vorstadt, ein Verlierer, der vom Leben scheinbar nichts mehr zu erwarten hat – bis er es doch noch einmal wissen will.

Ganz selten ist ein Filmstoff aus der Traumfabrik so intelligent, ergreifend, voller Überraschungen: Alan Ball hat ihn verfasst, ein Autor, der ansonsten Fernseh-Sitcoms schreibt. Der Regisseur, von Steven Spielberg höchstpersönlich protegiert, heißt Sam Mendes und ist ein britischer Theatermann. Kein Unbekannter: Mit Nicole Kidman hat er "The Blue Room" in London inszeniert – "American Beauty" ist sein sensationelles Filmdebüt.

Danach sucht man im Kino meist vergebens: dreidimensionale, kunstvoll nuancierte Charaktere auf der Reise in das eigene Ich. "Look closer", heißt das Motto – nichts ist, wie es am Anfang scheint, und auch der Titel steht für mehr als nur die Rosensorte im geleckten Vorgarten von Lester Burnhams ehrgeiziger Ehefrau (furios: Annette Bening). Nach und nach fallen die Fassaden, bis sich schließlich die Schicksale der höchst verwundbaren Protagonisten in einem Finale voller Missverständnisse auf tragische Weise kreuzen.

Bis in die letzte Nebenrolle ist der Film perfekt besetzt: Thora Birch, Wes Bentley und Mena Suvari verkörpern Jugendliche fernab der üblichen Klischees. Das Drehbuch nimmt ihre Probleme ernst und porträtiert das Leben dieser Teenager auf überaus erwachsene und reife Weise. Doch auch Chris Cooper ist als Armeeoberst und Lesters Nachbar keinen Deut weniger beeindruckend.

Sam Mendes Werk in Schlagworten zu porträtieren, ist nahezu unmöglich. "American Beauty" ist ein menschlicheres "Happiness" und ein humorvollerer "Eissturm" – eine Tragikomödie über einen, der alles verliert und ganz am Ende doch kein Loser ist. Der Film spielt nicht umsonst in der von Wohlstand, Sicherheit und oberflächlicher Zufriedenheit geprägten Vorstadt-Mittelklasse – hatten doch schon die griechischen Dramatiker erkannt, dass nur die Reichen und die Mächtigen zu wahrem Leiden fähig sind.

Wahrhaftigkeit und Klarheit zeichnen Mendes Inszenierung aus – Conrad Halls souveräne Kamera ist ein Garant für visuelle Poesie. "American Beauty" trifft den Nerv des Kinopublikums, der Film zieht uns in seinen Bann. Komik und Tragik seiner Helden lassen uns in die eigene Seele blicken und vor dem, was wir dort finden, staunend und nachdenklich erschauern.

Niemals zuvor haben wir im Kino mehr über uns selbst erfahren.

Rico Pfirstinger

Es ist immer wieder verblüffend, für was für Überraschungen ausgerechnet ein sonst so eiskalt kalkulierender Routineapparat wie Hollywood doch noch gut ist. Wer hätte schon gedacht, dass ausgerechnet der vormalige Heile-Welt-Filmer und Sonnyboy Steven Spielberg sich für einen Film einsetzt, der die heiligen amerikanischen Werte wie Familie, Eigentum bzw. -heim, Glück, Kinder und dazugehörige Erziehung etc. auf eine Art und Weise demontiert, wie man es so zumindest in einer großen Studioproduktion (Dreamworks) wohl noch nicht gesehen hat. Allenfalls "Happiness" von Todd Solondz aus dem vergangenen Jahr kann in Bezug auf Zynismus und Bosheit "American Beauty" das Wasser reichen. Das eigentlich erstaunliche an dem Film jedoch ist, das er auf kuriose Weise höchst unterhaltsam ist. Diese faszinierende Mixtur ist folglich nicht zufällig zum einen ein Überraschungserfolg in den USA, zum anderen ein ganz heißer Anwärter auf die wichtigen Oscars dieses Jahr. Verdient wärs, denn "American Beauty" ist ein einzigartiges Meisterwerk, das lange nachwirkt und zum mehrmaligen Besuch einlädt.

Die Geschichte handelt von den Burnhams, einer bestens satuierten amerikanischen Familie, der es vordergründig an nichts fehlt. Vater Lester arbeitet in der Werbung, Mutter Carolyn ist Maklerin, und Tochter Jane macht in der Highschool eine gute Figur. Gemeinsam wird ein Reihenhaus mit Villaausmaßen bewohnt. Dennoch ist das Leben der drei merkwürdig leer und emotional tot. Man lebt aneinander vorbei und hat sich eigentlich nichts zu sagen. Bewegung in die alltägliche Tristess kommt, als Lester unter wachsendem Leidensdruck den Ausbruch aus der Routine wagt. Den Anstoß hierfür liefert Angela, die beste Freundin seiner Tochter. Das lolitahafte Nymphchen sorgt dafür, dass dem Mittvierziger alle Sicherungen durchbrennen. Was folgt, ist ein Amoklauf durch Berufs- wie Familienleben. Nachdem er spektakulär seinen Job gekündigt hat, nervt er zuhause mit pseudorebellischem jugendlichem Gehabe. Vom Nachbarn deckt er sich mit Drogen ein, die Garage wird zum Fitnessraum. Natürlich geht das alles nicht lange gut. Das Familienleben der Burnhams läuft zielstrebig aus dem Ruder. Mit immer abgründigeren Fiesheiten machen die drei sich das Leben zur Hölle. Und irgendwann beginnt ihnen die allgemeine Durchknallerei geradezu Spaß zu machen, wobei, und das ist von Anfang an klar, das Ganze tödlich ausgeht.

Regie bei diesem Geniestreich hat der junge Engländer Sam Mendes geführt. Und das der ein gefeierter Theaterregisseur ist, merkt man seinem Kinodebüt an. Die Inszenierung ist wunderbar elegant, die Schauspieler sind umwerfend gut, die Sets sind unaufdringlich durchgestylt mit Tableaus wie auf einer perfekt beleuchteten Theaterbühne. Dabei sind die Bewegungsabläufe bzw. Schnittfolgen durch und durch Kino und nicht abgefilmtes Theater. Als Zuschauer ist man zwei magische Stunden in der Doppelrolle, einerseits von der glanzvollen Form gebannt zu werden und gleichzeitig auf die nächste Bosheit der Geschichte zu warten. "American Beauty" einer der besten Filme der letzten Jahre.





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