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Kritik: Wonderland (1999)


Einmal mehr ist der Brite Michael Winterbottom für eine Überraschung gut. Nach seinem Historiendrama "Jude", dem Antikriegsfilm "Welcome to Sarajewo" und dem Psychothriller "I want you", drei Filme völlig unterschiedlicher Machart bei denen es jeweils um Ausnahmesituationen ging, widmet er sich in "Wonderland" dem ganz normalen Metropolenalltag. Ein Wochenende im Leben dreier Londoner Schwestern und ihres Umfeldes. Winterbottom bedient sich hierbei des inhaltlichen Blickwinkels von englischen Kollegen wie Ken Loach und Mike Leigh. Ungeschönt aber nie denunzierend wird der proletarische bzw. kleinbürgerliche Alltag der Protagonisten von der Kamera verfolgt. Dies geschieht formal mit Mitteln, die an die dänischen Dogma-Regeln erinnern, d.h. technische Minimalausstattung, Handkamera, kein zusätzliches Licht, keine Tonnachbearbeitung, kein großer Szenenaufbau etc. Für die vielen kleinen Beobachtungen, die immer mehr in eine große Geschichte fließen, ist dies jedenfalls genau die richtige Form. "Wonderland" ist ein ungemein dichter, höchst authentischer und somit glaubwürdiger Film geworden.
Drei Schwestern, ihre Familie, ihr Freundeskreis. Was sie eint ist das auf wackligen Beinen stehende Leben. Ihre Suche nach Glück und ein bisschen Geborgenheit in der Großstadt verdichtet sich an einem langen Wochende in London: Die schwangere Molly steht kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes. Ausgerechnet in den entscheidenden Stunden packt den Vater die Panik. Er verläßt die gemeinsame Wohnung, irrt durch die nächtlichen Straßen und fantasiert sich dabei eine Zukunft zurecht, die im Amoklauf endet. Debbie, die zweite im Bunde, hat bereits einen 9-jährigen Sohn. Die Beziehung zu ihrem Mann Dan ging schon vor einiger Zeit in die Brüche. Sie sieht ihn nur noch, wenn er den gemeinsamen Sohn zum Fußball abholt und sie dabei versucht anzuschnorren. Nadja, die dritte, hat keinen Mann, hätte aber gern einen und versucht’s über Anzeigen. Sie muß erfahren, dass das nicht gerade der zuverlässigste Weg zur großen Liebe ist. In den alltäglichen, mal profanen, mal dramatischen Situationen der Frauen drückt sich fast schon exemplarisch, also universell, das heutige Leben in einer Großstadt aus.
Für den Zuschauer mag es einen Moment dauern, bis er sich im dichten Personengeflecht von "Wonderland" orientiert hat. Dann ist man jedoch zunehmend beeindruckt von der Direktheit, mit der hier die Vielfalt des Lebens eingefangen wird und kann sich immer mehr erwärmen für die recht desorientierten Figuren dieses wunderbaren Films.





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