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The 4th Floor
The 4th Floor
© Kinowelt Filmverleih GmbH

Kritik: The 4th Floor (2000)


Armer Alfred Hitchcock: Kaum lief die restaurierte Fassung seines Meisterwerks "Rear Window", kommt mit "The 4th Floor" ein recht unrühmlicher Abklatsch in die Kinos.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Diese Erfahrung macht auch Jane Emelin alias Juliette Lewis, die in das Appartement ihrer toten Tante zieht. Das Umfeld ist sehr mysteriös, die Atmosphäre düster bis bedrohlich. "Rosemaries Baby" von Polanski lässt mal wieder grüßen.

Der dünne Plot entwickelt sich dabei eher gemächlich, so dass die Spannung weitestgehend auf der Strecke bleibt. Statt dessen sollen die aufgesetzte Kunstgriffe - Musik, besondere Perspektiven, Soundeffekte - für die Schocks und etwa Nervenkitzel sorgen. Alles umsonst, wenn die ganze Effekthascherei nur Selbstzweck ist: ein Film, den man sich schenken kann.

Rico Pfirstinger


Heute wollen wir uns einmal die Frage stellen, wieviel Spass ein wenig gelungener Film noch machen kann. Halten wir uns also gar nicht erst lange mit den eklatanten Schwächen dieses Werkes auf, das einfach nur ein Ziel hat, und das lautet: Zuschauererschrecken. Dementsprechend pfeift das Drehbuch darauf, ob die Geschehnisse noch logisch ineinandergreifen, denn das wäre wenig spannend gewesen, zumindest, wenn man die Fähigkeiten dieser Drehbuchautoren hat. Als Beispiel für mangelnde Logik sei hier nur aufgeführt: Eine Innenarchitektin zieht in ein heruntergekommenes Haus ein, in dem - für jedes menschliche Wesen bei Verstand erkennbar - ganz offensichtlich nur Psychotherapeutenernäherer wohnen. Oder kurz gesagt: Die Bewohner haben alle einen Schlag weg. Auch das Freiheitsstreben von Juliette Lewis’ Charakter kann eine solche Umzugsentscheidung nicht erklären.

Hat man diese Konstruktion aber einmal hinter sich gelassen und ist auch bereit nicht weiter über das Kommende nachzudenken, dann gerät man in einen Film, der es durchaus schafft, mit den üblichen Mitteln ein beachtliches Maß an Spannung zu erzeugen. Die alten Rezepte funktionieren, das lehrt uns dieser Film, immer wieder, da sich die menschliche Psyche nicht in einem so rasenden Tempo verändert wie die technologischen Begleitumstände. Deshalb können Horrorfilme auch immer perfekter das Gleiche präsentieren und dabei ihre volle Wirkung entfalten. An diesem Prozess kann der Zuschauer, der sich nicht von schlechten Kritiken zu »The 4th Floor« abschrecken lässt, teilhaben, und das hat durchaus seinen Reiz.

Juliette Lewis und William Hurt sind in der Lage, auch die flachsten Charaktere mit einer solchen Leinwandpräsenz zu versehen, dass Kunst daraus wird. Man kann hier direkt dabei sein, wie zwei Mimen offen legen, was Schauspielerei bedeutet. Ihre Charaktere sind quasi als »Work in Progress« angelegt, so dass die einzelnen Sequenzen wie ein Seminar für Darsteller wirken.

Selten genug kann man so etwas im Kino bewundern, eine Mischung aus Horror-Trash und Experimentalfilm. Unnötig zu erwähnen, dass die letztendliche Auflösung nur auf den Knalleffekt abzielt, aber auch das entlarvt vortrefflich die gängigen Strukturen eines Genres, dass in seinen besten Momenten sezierende Abbilder geschundener Seelen hervorbrachte.

»The 4th Floor« entwickelt seine Qualitäten fast vollständig außerhalb der vordergründigen Geschichte. Trotz der zahllosen Schwächen kann sich aber im Kopfe des Betrachters an vielen Stellen ein Aha-Erlebnis einstellen, wenn mal wieder ein dramaturgischer Mechanismus des Spannungskinos offen zu Tage tritt. Das hat seinen Reiz, aber nur für Genre-Liebhaber, Cinéasten und Filmwissenschaftler.





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