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Kritik: Hurricane (1999)


US-Kritiker lieben Denzel Washington, der in dem Melodram "The Hurricane" die Boxlegende Rubin Carter spielt, die 19 Jahre lang zu Unrecht wegen Mordes an drei Weißen im Gefängnis saß. Jedoch hegen sie Zweifel an der faktischen Korrektheit des von Norman Jewison sehr routiniert gemachten Streifens, der auf lebenden Personen und wahren Begebenheiten basieren soll.

Gerechtigkeit als uramerikanische Tugend – das ist das Leitmotiv von Jewisons konventionellem Drama, in dem der Plot nicht nur die üblichen Justiz-Klischees bedient, sondern, mit Ausnahme des Titelhelden, auch sämtliche Figuren funktional und zweckgebunden zeichnet. Haben sie ihre Schuldigkeit getan, lässt Jewison sie einfach fallen.

Die in Schwarzweiß-Rückblenden eingefügten Kampfsequenzen erinnern an Scorseses "Wie ein wilder Stier", im Übrigen aber singt das zu lang geratene und mit (Moral-)Botschaften überladene Gefängnisepos die rührselige Hymne auf den Kampf um die am Ende stets obsiegende Gerechtigkeit. Zum Happy End darf dann Rod Steiger seine Richterrolle aus "Verrückt in Alabama" glatt noch einmal wiederholen.

Dass man sich diesen Film dennoch ansehen sollte, liegt einzig und allein an Washingtons schauspielerischer Leistung – die ist sensationell und hat dem Mimen nicht nur einen Golden Globe, sondern auch eine Oscar-Nominierung eingebracht. Und Washington hat durchaus Chancen, gegen seinen wohl schärfsten Konkurrenten Kevin Spacey ("American Beauty") zu gewinnen.

Rico Pfirstinger

---Hate brought me into jail, love will bust me out (The Hurricane)---

Wenn man sich in die Hände von Norman Jewisons neustem Filmwerk begibt, dann könnte man zuerst denken, man schaue sich in einen einfachen Bio-Pic an. Dem ist aber nicht so. Jewison, der mit "Huricane" nun schon seinen dritten Film zum Themenkomplex 'Vorurteile und Rassenhass in den USA' präsentiert, erzählt in seinem neusten Film von Liebe und Hass in verschiedensten Formen. Dieses Werk ist eine Parabel, anrührend und phantastisch gespielt. Ein Film, eine Geschichte, mit Sicherheit nicht abgefilmte Realität.

Der Fall Rubin Carter ist – in der Realität - eines der erschreckendsten Fehlurteile der amerikanischen Justizgeschichte. Der damals berühmte Boxer wurde zwei Mal von einem Geschworenengericht für den dreifachen Mord an Weißen schuldig befunden, den er aber nachweisslich nicht begangen hatte. Erst als der Fall mit viel Mut zum Risiko endlich vor ein Bundesgericht ging, wurde Carter freigesprochen.

Man mag den Anstatz von "Hurricane" vielleicht am besten verstehen, wenn man sich die riesigen Unterschiede zwischen dem Film und der Realität anschaut. In Wirklichkeit dauerte auch der dritte Prozess (von dem ersten sehen wir nur die Urteilsverkündung, von dem zweiten nicht einmal das) jahrelang. Jewison macht daraus ein paar Tage, einen, um die Wünsche vorzutragen, einen für das glückliche Urteil. Das Carter aber noch monatelang bangen musste, ob sein Fall noch einmal vor dem Bundesstaat verhandelt würde, bleibt verschwiegen, ebenso wie die Tatsache, dass Carter zwischenzeitlich auf Kaution frei war, nämlich während des zweiten Prozesses.

Dies alles zählt aber auch nicht. Denn mit "Hurricane" wird uns eben eine Geschichte erzählt, "story", wie die Amerikaner sagen würden, Fiktion eben. Es geht um die Freundschaft, zwischen Carter und einem Jungen, der dessen im Gefängnis geschriebene Biographie gelesen hatte, und ihn nun zu seinem großen Helden kürt. Der Name dieses Jungen ist Lesra, er wuchs in den Slums auf und wurde von einer Gruppe Kanadier aufgenommen, die ihm nun Lesen und Schreiben beibringen, so dass er irgendwann seinen College-Abschluss machen kann. Diese drei Kanadier (in Wirklichkeit waren es wieder 9), sind es nun, die Lesra, den kleinen Fan, ermutigen, mit Carter in Kontakt zu kommen. Und es stellt sich heraus, dass nicht nur Lesra von der unglaublich tiefen Präsenz des Ex-Boxers lernt, auch er gibt Carter etwas zurück: Den Willen, um seine Freiheit zu kämpfen.

Einer der schönsten Aspekte dieser Geschichte ist, dass alle Figuren irgendwo zwischen lebensnaher Darstellung und funktionaler Symbolkraft schweben, ohne dass dies jemals die Geschichte stören würde. The Hurricane, wie Carter sich am liebsten selbst nennt, ist eine Figur, die früher vom Hass lebte und nun, nach einer langen Phase, in der er sich in sich selbst zurückzog und alle Emotionen unterdrückte, mit Hilfe der Liebe in Einklang mit sich lebt. Ist "Hurricane" anfangs ein Drama um Rassenhass, so wird der Film mit seiner Laufzeit immer universeller. Die Hassfigur, das ist anfangs der korrupte und vorurteilsbehaftete Polizist Vincent Della Pesca, kommt im Hauptteil des Filmes gar nicht mehr vor. Erst gegen Ende erscheint er wieder. Kaum merklich hat sich in dieser langen Zeitspanne vieles ihm gegenüber geändert. Wenn wir ihn wiedersehen, erinnern wir uns an seine hassenswürdigen Taten am Anfang des Filmes. Wir erfahren auch, dass er hinter der ganzen Intrige steckt, die Carter für über 30 Jahre seines Lebens immer wieder einsperrte. Dennoch, so erging es jedenfalls mir, war der Hass verschwunden und wich einem tiefen Mitleid gegenüber dieser Figur. Was ist nur geschehen, dass du so hassen lerntest?

"Hurricane" lässt uns eine ganze, kleine Kunstwelt erleben. Er ist als Parabel fast schon unschlagbar. In wunderbaren Bildern zeigt er die Veränderungen zweier sehr menschlicher Figuren. Zum einen weist er auf das traurige Schicksal des Rubin "The Hurricane" Carter hin, zum anderen schafft er es aber auch zu zeigen, dass es Menschen gibt, die dagegen helfen. Wenn sie auch alle etwas zu stilisiert erscheinen, die Kanadier, die innerhalb des Filmes eine sehr immanente Rolle einnehmen, sind gutherzig in dem Sinne, dass sie einem schwarzen Jungen ohne Perspektive mit all' ihren Möglichkeiten eine solche gaben. Gleichzeitig, wie als Gegenreaktion, hilft dieser Junge dann Carter. Er erscheint anfangs als klein und ein wenig dumm, ist aber ein schlauer und großherziger Mensch. Es ist ein kleiner Unterschied zwischen Della Pesca und Lesra, aber es sind beides Menschen mit Emotionen. Anhand von Rubin Carter wird dies deutlich. Man meint bei dem frühen Carter, dem Ex-Soldaten und Boxer, nur Hass zu sehen. In den fulminant gedrehten Boxszenen möchte man dazwischenspringen, wenn The Hurricane mit Hass und Gnadenlosigkeit in den Augen auf seine Kontrahenten zustürmt, begleitet vom tosenden Beifall der Menge. Der Carter, den man dann am Ende sieht, ist aber ein grundguter Mensch, voller Wärme und Weisheit, so dass man ihn gleich als eine Art Guru akzeptieren wollte.

Die Darstellung dieser zentralen und ambivalenten Figur macht Denzel Washington zum Ereignis. Sind auch alle anderen Darsteller sehr gut (man achte besonders auf den jungen Vicellous Reon Shannon), so drückt Washington seine ganze physische wie charismatische Präsenz in diesen Film. Wie seine Figur ist er ein Mann, dem man von den Lippen lesen will, dessen Worte mit staunendem um begeisterten Mund aufgenommen werden. Er ist der Glanzpunkt, der Mittelpunkt in einer wunderbaren Geschichte, die Regisseur Norman Jewison und Kameramann Roger Deakins in elegant-aussagekräftige Bilder verpackten.

Jewisons Filmwerk, welches schon so manchen Klassiker hervorgebracht hat, rief schon häufiger zu mehr Verständnis auf, man denke hier nur an sein Meisterwerk "In der Hitze der Nacht". In diesem Film geht er manchmal etwas weiter, vielleicht zu weit. Dennoch verlässt man das Kino nach 145 aufregend lehrreichen Minuten erfreut. Ja, es stimmt. Wir haben hier nicht die nacherzählte Wirklichkeit gesehen. Spätestens mit dem Schlussbild, welches Dokuaufnahmen des echten Rubin Carter zeigt, sollte dies klar sein. Es war aber eine wunderbare Geschichte in einer nicht allzuweit entfernten Welt. Innerhalb dieser Filmwelt zeigt uns Jewison also, was den Boxer Carter - seinen Boxer Carter - verändert hat. Natürlich kommen wir nicht als bessere Menschen aus dem Kino, es ist eher ein Hochgefühl, welches sich in letzter Zeit häufiger einstellen durfte. Wie in "American Beauty" oder "The Green Mile" schafft es der Film, bei all dem Übel, welches er darstellt, den Blick auf das Schöne, das Liebenswerte zu schärfen. Es ist möglich, ein guter Mensch zu sein. Also gebt nicht auf.




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