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Kritik: Alles über meine Mutter (1999)


Es ist schon ein Jammer, dass einer der aufregendsten europäischen Regisseure (meist auch sein eigener Autor) hierzulande zwar von Feuilletons und Cinéasten gefeiert wird, einem breiteren Publikum sich jedoch weitgehend verschließt. Dabei haben die Filme des Spaniers Pedro Almodóvar wahrlich einen hohen Unterhaltungswert. Seine Protagonisten, allermeistens weiblichen Geschlechts, greift er sich aus dem prallen Leben, verleiht ihnen deftige, zuweilen schrille Züge und schickt sie durch alle Höhen und Tiefen des irdischen Jammertals. Nie droht dabei die Komödie in Klamauk umzuschlagen, genausowenig wie die Tragödie sich in abgewandtem Weltschmerz verliert. Obwohl der emotionale Balanceakt sich bei Aldomóvar zuweilen in schwindliger Höhe abspielt, droht nie ein Absturz in heimlige Gefühlsduselei. Und wird es einmal kitschig, ist dies stets wohldosiertes Stilmittel. Bei Aldomóvar sind die Gefühle zwar stets groß, aber genauso echt. In den letzten Jahren ist zu dem äußerlich recht krassen Stil des Spaniers eine betont warmherzige Note hinzugekommen. Seine Filme werden immer reifer, und "Alles über meine Mutter" ist der bislang reifste. In Cannes schon vor einem halben Jahr mit dem Regiepreis ausgezeichnet, kommt das anrührende Melodram nun in unsere Kinos.

Die Geschichte erzählt von einer Handvoll verschiedener Frauen. Was sie eint, ist ihre jeweilige...nennen wir es einmal...soziale Auffälligkeit. Da sind Prostituierte, Transvestiten, Transsexuelle, Nonnen und Drogenabhängige. Zusammengeführt werden sie durch den Zufall und unglückliche Liebesgeschichten. Aus einem Puzzle von Einzelschicksalen destilliert sich langsam und vorsichtig ein Solidarkreis von nicht ganz alltäglichen Freundinnen. Im Laufe der Zeit werden sie sich selbst zur Ersatzfamilie, die es schafft, die gehörigen Schlingerkurse der einzelnen Lebenslinien etwas zu begradigen. Dies geschieht auf der Grundlage weitgehender Toleranz von Andersartigkeit und sogar Egozentrik. Am Ende steht ein sich selbst genügender weiblicher Mikrokosmos, der es gar nicht nötig hat, als kraftmeierischer Gegenpol zur Männerwelt aufzutreten.

Aldomóvars 13. Film stellt so etwas wie die Quintessenz seines bisherigen Schaffens dar. Aber noch nie hat er seine inhaltlichen Motive so liebevoll entfaltet und seine formale Souveränität zu solcher Meisterschaft entwickelt. Einziger Wermutstropfen in einem ansonsten markellosen Film: Es dauert ein wenig, bis das komplizierte Beziehungsgeflecht sich organisiert hat und somit dem Zuschauer transparent wird.

Thomas



--Weine, mein Kind--

Dieses, wie überhaupt jedes Jahr, bot Cannes bei der Preisverleihung so etwas wie einen Skandal. Denn die anwesenden Kritiker und Kenner wussten es –wie wohl immer- viel besser, als die Jury. Trotz des Sieges eines belgischen Kleinstfilmes der Marke Kargheit=Kunst sahen –ausnahmsweise fast einhellig- alle anderen den neuen Pedro Almodovar “Alles über meine Mutter“ vorne. Aus mehreren Gründen: Zum einen ist dieser Film einfach ein Genuss. Zum anderen hat Almodovar auch eine große Lobby, und zu guter letzt ist sein Film eine Liebeserklärung an Theater und Kino.

“Es gibt kein größeres Schauspiel, als eine Frau weinen zu sehen“, meint Almodovar. Und in seinem neusten Film weinen sie alle, ob echte Frauen oder Transvestiten. Der Meister schräger Einfälle hat einen wunderbar melodramatischen Film geschaffen ohne dabei seine skurrilen Typen zu vergessen.

Die liebende Mutter Manuela verliert ihren Sohn Esteban an dessem 17. Geburtstag, als der vor ein Auto läuft. Nun steht die Koordinatorin für Organspende vor den Ärzten, denen sie jahrelang beibrachte, wie man Hinterbliebene um ihre Erlaubnis für Organspenden fragt, und soll selbst unterschreiben. Um den Tod ihres Sohnes besser zu überwinden, fährt sie das erste Mal seit sie schwanger wurde wieder zurück nach Barcelona, um Estebans Vater zu finden. Dieser ist in der Transvestiten-Szene untergetaucht und heißt jetzt Lola. Auf ihrer Suche stößt sie auf einen anderen Transvestiten, die großherzige und hilfsbereite La Agrando, die ihr helfen will. Sie finden heraus, dass die gute Lola die Nonne der Hilfsmission für alle Straßenstrichler, Nina, geschwängert hat. Letztere hat den Kontakt zu ihrer Familie verloren und erfährt auch noch, dass sie von Lola mit AIDS infiziert wurde. Hinzu kommt noch, dass Manuela auf die Theater-Diva Huma Rojo trifft, von der ihr Sohn ein großer Fan war. Auch sie hat Probleme, und Manuela will sie alle lösen. Als dann noch ihr Ex plötzlich auf der Bildfläche erscheint, nimmt das (Melo)Drama seinen Lauf.

Almodovar erscheint wie ein Magier. Er erschafft Figuren, mit denen man sich erst kaum identifizieren kann, die eigentlich prädestiniert dafür scheinen, zu Lachnummern zu verkommen, und macht daraus ein wunderbar anrührendes Panoptikum der Gefühle. Wir freuen uns und weinen mit den traurigen Schicksalen auf der Leinwand. Die eine stirbt an AIDS, die nächste verliert ihre Liebhaberin und die letzte schafft es irgendwie den einzigen Strohhalm der Hoffnung zu greifen und ihn zu einem ganzen Baum aufzuziehen. Selten gibt es solch perfekt funktionierende Filme. Almodovar läßt uns immer dann Zeit zum Schmunzeln und Lachen, wenn wir sie brauchen, und greift dann in die Handlung, wenn wir weitermachen wollen. So knallbunt, so unterirdisch geschmacklos und so wahrhaftig trivial seine Welt ist, so sehr werden wir in sie gezogen.

Almodovars Film lebt von einer sehr guten Kameraarbeit und einem herausragenden Drehbuch, das seinen Darstellern keine Möglichkeit zu geben scheint, schlecht zu spielen. Es deckt in sich wahrhaftig alle Gefühlsregungen ab, vergisst aber auch nie, einen Funken Intellektualität zu hinterlassen, die den ganz wichtigen Zuschauern noch immer die Möglichkeit gibt, eine Ausrede zu finden, warum man sich von der Soap-Welt Almodovars mitreißen lässt.

In einem der traurigsten, anrührendsten und skurrilsten Filme des Jahres finden wir unsere eigenen Antworten auf Leben, dargeboten von schwangeren Nonnen, lustigen Transvestiten und Alzheimer-geschädigten Vätern. Dass diese Welt einen gefangen nimmt und davon überzeugt, dass alles auf der Leinwand wahr ist, dafür gab es –zum Trost- den Regiepreis in Cannes. Auch ein guter Preis, und wohlverdient. Sagte da jemand etwas von Auslandsoscar?





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