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Blair Witch Project
Blair Witch Project
© Kinowelt Filmverleih GmbH

Kritik: Blair Witch Project (1998)


Wenn Sie gerade unter einem Stein hervorgekrochen sind – willkommen in der Zivilisation! – und somit nichts über "The Blair Witch Project" wissen, dann hören Sie jetzt bitte sofort auf, diese Kritik zu lesen. Gehen Sie stattdessen gleich ins Kino, um sich den Film in einer der vorderen Sitzreihen anzusehen.

Möglicherweise werden Sie sich fürchten.
Oder sich einfach übergeben müssen.

"The Blair Witch Project" ist, soviel steht fest, das bislang profitabelste Projekt der Filmgeschichte: Gerade einmal 40 000 Dollar soll das verwackelte und aus der Hand seiner drei Hauptdarsteller auf Video- und 16-mm-Material gedrehte Filmexperiment gekostet haben. Bislang hat es allein in den US-Kinos knapp 150 Millionen Dollar eingespielt, und auch die Medien haben sich auf den Film gestürzt.

Der Trick hinter dieser Ultra-Low-Budget-Produktion ist das geniale Marketing des US-Filmverleihs, der "Blair Witch Project" auf dem Sundance-Festival für etwa 1 Million Dollar kaufte und kurz darauf eine sehr effektive Internet-Kampagne startete. Rasch wurden an die richtigen Leute kommentarlos Videokassetten mit dem Film verschickt und schließlich eine Website namens blairwitch.com eröffnet, die den Besucher – es wirkt alles so echt und realistisch – kalt erschauern lässt.

Jedoch: "The Blair Witch Project" ist gar nicht so originell, wie man uns Glauben machen möchte – Cinema Verité ist keine Erfindung der beiden Filmemacher Daniel Myrick und Edward Sanchez. Ihre mit Handkameras aus der Perspektive der drei Hauptdarsteller hergestellte Pseudo-Dokumentation ist vielmehr ein sehr kostengünstiger und cooler Anti-Film im Dogma-Stil, dem es gelang, im mit Effekten überladenen Einheitsbrei aus Hollywood noch eine Marktlücke zu finden.

Anstatt den Protagonisten Heather Donahue, Mike Williams und Josh Leonard ein Drehbuch in die Hand zu drücken, erhielt das Trio einen Schnellkursus im Umgang mit den beiden Kameras. Dann wurden sie mit Zelt und Rucksack in der Wildnis ausgesetzt – grobe Regieanweisungen fanden sie an zuvor festgelegten Orten hinterlegt, im Übrigen wurde improvisiert. Dass diese Form von "method filmmaking" am Ende ziemlich realistisch wirkt, liegt auf der Hand: Die Krisen, die man auf der Leinwand sieht, haben die Schauspieler tatsächlich durchgestanden.

Ob man "The Blair Witch Project", das selbstverständlich nur im Original mit deutschen Untertiteln lohnt, nun eher langweilig oder doch gruselig findet, liegt offenbar im Auge des Betrachters. Besser gesagt: in seinem Kopf. Der Horror, sollte man ihn wirklich fühlen, entspringt allein der Phantasie des Zuschauers. Demnach sollte man eigentlich nicht diesen Billigstreifen, sondern vielmehr die Köpfe der Besucher kritisieren.

Doch keine Angst: Wir wollen Ihnen nicht zu nahe treten.

`Blair Witch Project` ist in vielerlei Hinsicht ein Unikum. Zum einen ist es der Film, der im Preis/Leistungs-Verhältnis alle Kassenrekorde gebrochen hat. Mit einer Handvoll Dollar gedreht, spielte der Film in den USA schon weit über 100 Millionen Dollar ein. Zum anderen ist es aber auch die wohl genialste und erfrischendste Hype-Kampagne, die je um einen Kinofilm entwickelt wurde. Noch bevor die Außenwelt überhaupt von einem Film erfuhr, gab es schon eine Web-Site, die Informationen um eine (fiktive) Legende und um von verschollenen Dokumentarfilmern gefilmtes Filmmaterial, dass jetzt aufbereitet würde.

Dennoch `Blair Witch Project` nichts anderes als eine kluge, und vom Hintergrund her gesehen auch sehr phantasievolle Fiktion. Der Film lässt aus nächster Nähe an dem Grauen seiner Opfer teilhaben. Dass hierbei auch äußerst gemein die Phantasie der Akte X-gestählten Paranoia-Freunde angetrieben wird, dient vor allem –aber nicht nur- dem Marketing.

Erzählt wird von den drei Filmstudenten Heather, Mike und Josh, die ein Dokumentation über die Hexe zu Blair drehen wollen. Regisseurin ist Heather, Josh übernimmt die 16mm Kamera und Mike ist für den Ton verantwortlich. Zusätzlich lässt Heather einen Camcorder mitlaufen, um die Genese ihres ersten Films festzuhalten.

Gleich zu Anfang wird eingeblendet, dass dieser Film aus Materialien zusammengesetzt sei, die man im Wald gefunden hätte. Von den drei Filmemachern fehle aber jede Spur.
Dementsprechend sieht der Film dann auch aus. Er ist von Szene zu Szene sehr stark gebrochen, feine dramaturgische Übergänge gibt es nicht. Es soll so wirken, als sei der fertige Film aus mehreren Stunden Material zusammengeschnitten worden. Der ständige Wechsel von Bunt (Camcorder) zu Schwarz-Weiß (16mm) bedingt die einzigen unterschiedlichen Standpunkte. Der ganze Film ist aus solchen Kontrastzenarien zusammengestellt. Er hat eine sehr klare Struktur, die die vermeindliche Offenheit und Realität unterstützt, alle Ereignisse finden in chronologischer Reihenfolge statt. Wir wissen nur um das Ende, was unsere Erwartungshaltung und unsere eigenen Gedanken zum Film anregt.

Die beiden Regisseure setzten bei ihrem Film auf eine ganz eigene Methode, die sie in Anlehnung an das durch Robert DeNiro so berühmt gewordene "method acting" ganz ähnlich nannten: "method filmmaking". Dies wurde vor allem für die Darsteller zur Tortur, da sie nur recht wenig über das Werk wußten. Ihnen wurden Zettel zugesteckt, sie mussten tagelang (vermeindlich) alleine im Zelt schlafen, erlitten Schlafentzug und wurden auf unfreiwillige Extremdiät gesetzt. So sollte die allgemeine Laune gesenkt werden und ein authentisches Gefühl des Verlorenseins erzeugt werden.
Ein netter Nebeneffekt ist dabei, dass die Schrecksekunden der Filmfiguren oft echt waren, ebenso wie ihre Unsicherheit. Wenn in der Nacht unsichtbar Menschen um die Zelte schleichen und dabei Geräusche machen, während überall Kindergeschrei ertönt, da kann das auch um die Umstände Wissende verängstigen.

Dennoch steht und fällt `Blair Witch Project` mit jedem Schritt der Zuschauer. Man muss die Tatsache, dass irgendwie immer eine Kamera mitläuft, annehmen, sonst funktioniert der ganze Spuk nicht. Es ist eine sehr unrealistische Tatsache, dass bei jedem Aufwachen gleich die Kamera gezückt wird. Wenn man vor einem Geist durch die Dunkelheit flüchtet, behält man schwerlich das Auge vor dem Kamerasucher. Man muss diese eklatante Unlogelei ignorieren, um selbst in den Film zu finden. Wie schwankend der Film dadurch von seinem (horrorgestählten) Publikum aufgenommen werden wird, mag die Reaktion der Zuschauer beim diesjährigen Frankfurter FantasyFilmfest verdeutlichen: Viele gingen sichtlich verärgert und kaum verängstigt aus dem Kinosaal. Sie hatten sich vor allem aufgrund des Hypes mehr erhofft, aber auch etwas anderes als die Dogma-ähnliche Ästhetik erwartet. Der Rest ging aber wohlig begruselt nach Hause. Diese hatten die Prämisse einfach angenommen und wurden dadurch in die vorgetäuschte Dokumentarität hineingezogen.

Der Fake-Stil ermöglicht nämlich, die besonderen, aber häufig unterschätzten Tugenden des Horrorfilms breitzutreten. Die absolute Unsichtbarkeit des Feindes bringt die Vorstellungskraft der Zuschauer zum kochen. Dadurch, dass wir immer vor verwackelter Kamera, manchmal sogar bis zur Schwärze hoffnungslos unterbelichteten Material sitzen, werden wir fast ausschließlich mit dem Ton konfrontiert. Ein Nicht-Sehen erzeugt im (erwachsenen) Menschen sehr häufig Unsicherheiten und Angst. Dies nutzt `Blair Witch Project` aus. Wer sich also auf die Grundkonzeption einlässt, wird tief in seine inneren Ängste entführt. Auch der ständige Wechsel von Tagszenen, die vor allem die bedrohliche Atmosphäre mit Verweisen auf das nächtliche Geschehen erhöhen sollen, und der Nacht, in der es dann rund geht, bewirken ein ewiges Ansteigen der Bedrohung, dabei aber auch ein Abwechseln zwischen Adrenalin und Verschnaufen.

Natürlich hinterlassen die Doku-ähnlichen Aufnahmen einen faden Beigeschmack. Spätestens seit Dogma 95 zeigt sich immer stärker, wie hohl die Idee der absoluten Authentizität wirken kann. Echte, aber mislungene Dokumentationen wie `Ein Spezialist` machen dies sogar noch klarer. Auch bei einer - durchaus möglichen - authentischen Wirkung, verbleibt meist ein Gefühl des Belogenwerdens. Während des Films stört dies aber nur wenig.

Bleibt nur noch die Frage, ob der Hype verdient war. Man kann eigentlich nur mit einer anderen Frage darauf antworten: War der Hype um Dogma 95, `Star Wars` oder `Eyes Wide Shut` verdient? Der Film an sich hat mit der Werbestrategie nicht viel zu tun. Wofür dieser Hype aber steht, ist eine klare Demokratisierung des Films. Endlich schafft es ein Werk im Zuge des Internets, auf sich aufmerksam zu machen. Ob das Werk selbst diesen Hype dann verdient hat, ist die Frage, die sich jeder einzelne selbst stellen muss. Denn bei kaum einen andern Film, werden die Meinungen über seine Wirksamkeit so weit auseinander gehen, wie bei `Blair Witch Project`.

Eines ist mal ganz sicher: Mit dem "Blair Witch Project" ist die an Merkwürdig- und Absonderlichkeiten nicht eben arme Filmgeschichte um eine schrille Skurrilität reicher. Auch ohne jedwede Wertung kann gesagt werden, einen solchen Film hat’s nun wirklich noch nicht gegeben. Und das bezieht sich auf die Machart, die innovative Vermarktung und den sensationellen Erfolg. Am Verhältnis von Aufwand und Ertrag gemessen, haben wir es tatsächlich mit dem mit Abstand erfolgreichsten Film aller Zeiten zu tun. Der Film, dem man seinen lächerlichen Etat von 70000 DM jederzeit ansieht, hat allein in den USA das über 200-fache eingespielt. Diese und einige andere Daten haben das "Blair Witch Project" längst zu einem Mythos in der Kinolandschaft werden lassen. Klar, dass der Film, solcherart befrachtet, höchste Erwartungen auslöst. Und die werden, um es einmal vorsichtig zu formulieren, nicht erfüllt. Das "Blair Witch Project" ist nämlich - und damit dann der Superlative genug - mit Sicherheit der größte Bluff der Filmgeschichte. Der Film begnügt sich damit etwas zu behaupten, durchaus mit äußerstem Nachdruck, ohne es, immerhin geht es um bewegte Bilder, mit auch nur einem einzigen Bild zu belegen. Das mögen nun vielleicht ganz filigrane Feingeister für exquisit subtil halten, die große Mehrheit (auch und gerade unter den Cinéasten) wird sich verarscht fühlen.

Der Film gibt sich höchst authentisch-dokumentarisch. Weitgehend ungeschnittenes Video 8 und 16mm Material liefert die Bilder einer Expedition, die im Fiasko endet. Drei Filmstudenten (!) haben sich 1994 mit 2 Kameras in die Wälder von Maryland begeben. Dort wollten sie einen Dokumentarfilm über eine lokale Spuk- und Legendengestalt, die sog. Hexe von Blair, drehen. Angeblich sind sie seitdem verschollen. Nicht minder angeblich wird ein Jahr später ihr Filmmaterial gefunden. Die vermeintlich gefundenen Bilder, das "Blair Witch Project", zeigen die letzten Tage der Filmemacher. Immer tiefer dringen sie in die Wälder ein, immer stärker fühlen sie sich bedroht. Zunächst kaum merklich, dann gallopierend, macht sich der Wahnsinn breit. Die letzten Aufnahmen sind das pure Dilirium.

Von der an Naivität nicht mehr zu überbietenden Machart (für die die Erkärung geschickterweise ja die Geschichte selber liefert) her, fängt der Film da an, wo div. dänische Dogmafilme aufgehört haben. Und das mag dann auch die keineswegs sonderlich geheime Botschaft des "Blair Witch Project" sein: Aber auch wirklich jeder kann einen Film drehen, wenn er nur eine genügend raffinierte Idee hat, die sein handwerkliches Unvermögen zu kaschieren vermag.

Um, wie die Macher des vorliegenden Werks, so richtig reich zu werden, bedarf es dann freilich einer nicht minder ausgetüftelten Werbekampagne. Im vorliegenden Fall wurde erstmals im ganz großen Stil das Internet instrumentalisiert.
Untern Strich jedoch gilt: Auch wenn das "Blair Witch Project" eher Kopfschütteln auslöst, was die Ausrichtung auf den finanziellen Erfolg anbelangt, wurde hier unter dem Einsatz einer gehörigen Portion Zynismus alles genau richtig gemacht.





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