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Kritik: Circus (2000)


Selten ist ein Film fähig, seine Handlungskonstrukte wirklich vor seinen Zuschauern zu verstecken. Ein großer Teil des Filmschauens gewinnt ja auch seine Faszination dadurch. Wer hat nicht schon im Kino gesessen und sich gefragt, wer nun der Mörder ist? Und wer hat dabei nicht schon immer wieder auf mögliche Handlungsverwicklungen zurückgegriffen, die er aus anderen Filmen kannte?

Wenn nun ein Film diesen Zuschauerfähigkeiten aus dem Weg gehen will, hat er vier Möglichkeiten: Die erste wäre es, die Handlung möglichst weit von den Standards und Konventionen entfernt anzusiedeln. Der zweite Weg wäre es, den Zuschauer ins Spiel mitzunehmen und manchmal seine Erwartungen zu erfüllen, um im richtigen Moment dann doch einen Haken zu schlagen. Drittens gibt es die Möglichkeit, nur noch Haken zu schlagen und alles noch ein wenig mehr zu konstruieren, bis der Zuschauer es aufgibt, Vergleiche anzustellen. Wenn jemand dies beherrscht, dann führt das zu Meisterwerken wie Bryan Singers "Die üblichen Verdächtigen" (1995). Schließlich gibt es noch die Möglichkeit die Konstruktion auf die Spitze zu treiben und eine gehörige Portion Ironie beizumischen, wie es John McNaughtons "Wild Things" im Jahre 1998 tat. Das kann ebenso gut funktionieren. "Circus", jedenfalls, scheint irgendwie einen Mittelweg zwischen den letzteren beiden gehen zu wollen, was ihn aber gehörig ins Stolpern bringt und gegen Ende sogar den Hals bricht.

Die Story dreht sich um Leo, der seinen letzten großen Coup landen will, um endlich aus den Fängen des Gangsterbosses von Brighton, Bruno (Brian Conley), zu entkommen. Letzterer möchte ihn in eines seiner zahlreichen Casinos stecken, denn dort musste er gerade den alten Geschäftsführer auf brutale Art und Weise feuern. Leo will aber für sich und seine Freundin Lily (Famke Janssen) ein ruhiges Leben fern jeder Gewalt.

Leider ist sein letzter Coup ein Problem. Leo soll die Frau eines betuchten und unsicheren Herren (Peter Storemare) beseitigen. Dies tut er auch, doch plötzlich steht jener unsichere Mann vor ihm, mit einem Video in der Hand, welches Leo bei seiner Mordtat zeigt, und einer Forderung über gewaltige Geldsummen auf den Lippen. Nun scheint Leo festgefahren, denn ihn quälen auch noch reichlich Spielschulden. Aber er hieße ja nicht Leo und wäre kein Trickbetrüger, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte.

Wenn nun so mancher Leser denkt, das klinge recht wirr, dem sei gesagt, dies ist erst der Anfang (und auch nur ein Teil dessen). Denn ab jetzt gehen Regisseur Rob Walker und Drehbuchautor David Logan erst richtig in die Vollen. Nicht nur, dass jede Figur so ungefähr drei bis vier mal ihren kompletten Charakter verändert, auch die gesamte Konstellation gerät ins Schleudern. Und zu allem Überfluss scheint es die Charaktere nicht einmal sonderlich zu irritieren oder interessieren. Mit einem einfachen Schulterzucken wechseln sie die Fronten, wie andere ihre Unterwäsche. Da das Ganze aber kaum humorvoll und augenzwinkernd herüber kommt, hat der Film ein Problem.

Dies ist schade, denn eigentlich hat "Circus" viel Potential. Da sind die Schauspieler: Hervorragend besetzt, allen voran John Hannah, der etwas britisches Understatement in die verworrene Handlung einzubauen weiß und Peter Storemare, der sowieso zu den Begabtesten seines Fachs gezählt werden darf. Oder die gute, wenn auch manchmal etwas verspielte Kameraarbeit, die quietschbunte und dem Thema eigentlich angemessene Bilder präsentiert. Am enttäuschendsten ist aber, dass nur wenige Veränderungen wahrscheinlich dazu geführt hätten, dass "Circus" funktionieren könnte: Irgendeine konstant gleichbleibende Figur, ein Erzähler oder ähnliches, irgendjemand, an dem man sich festhalten kann. Oder größere ironische Distanz, damit man nicht jedesmal von neuem versucht, zu den Figuren so etwas wie Sympathie aufzubauen. Dies gibt es leider nicht und deshalb bleibt nur zu sagen, dass der Film ziemlich verkorkst ist. Schade.





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