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Kritik: Sofies Welt (1999)


--Die Fähigkeit, sich zu wundern und zu träumen--

Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, warum ich Latein lernen wollte: Es war "Asterix", dessen kurze Weisheiten in der toten Sprache mich faszinierten. Als ich dann im zweiten oder dritten Jahr an der Schule Latein hatte, gab ich schon auf. Der abstrakte Stoff war einfach unbegreiflich! Dann aber schenkte mir meine Tante einen Asterix-Band auf lateinisch. Obwohl ich dieses Abenteuer schon auf deutsch gelesen hatte, wollte ich auch das "Original" verstehen. Ich kämpfte mich durch, bewaffnet mit meiner Grammatik und einem Wörterbuch. Das Ergebnis war erstaunlich: Nicht nur, dass ich den Band wirklich verstanden hatte, die vorher unbegreiflich scheinenden grammatischen Grundregeln saßen plötzlich. Bis zum Abitur vergaß ich sie nie wieder.

Wenn diese anfängliche Anekdote auch viele verwundern mag, so mancher Kenner von Jostein Gaarders Buch "Sofies Welt" wird schon ahnen, worauf ich hinaus will: Es gab selten ein Buch, dass so verständlich und einfach eigentlich schwierige Stoffe zu einer spannenden Abenteuergeschichte verband. Nach einer Reise in Sofies Welt hat man viel gelernt, und zwar ohne merklich zu pauken.

Film wie Buch handeln von der jungen Sofie. Sie ist eine 14jährige Schülerin aus Norwegen. Eines Tages erhält sie verschiedene Briefe, die zwar an sie adressiert wurden, aber weder Briefmarke noch Absender haben. In jedem dieser Briefe steht eine kurze Frage. Die erste lautet: "Wer bist du?", die zweite: "Woher kommt die Welt?". Obwohl diese Fragen erstaunlich einfach wirken, bemerkt Sofie, je länger sie sich damit beschäftigt, Haken. Ihr Name ist Sofie, aber was definiert sie? Die Fragen lassen sie nicht mehr los. Ein Philosoph namens Alberto Knox will ihr verstehen helfen. Er führt sie durch die Geschichte der Philosophie, indem er sie physisch mit den Denkern vertraut macht. Dabei zeigt er auch, dass Philosophie nicht nur von verstaubten Männern gemacht wurde, sondern sehr wichtig für unser Leben war und ist. Sofie wächst an der Philosophie zur eigenständig denkenden jungen Frau heran.
Der Dämpfer kommt, als die beiden bemerken, warum sie in dieser Welt der Philosophie so frei von Zeit wandern können: Auch sie sind nur Romanfiguren. Aber wie kann man sich sein Leben sichern, wie den Autoren, das scheinbar allmächtige, göttliche Wesen, überlisten? Schlussendlich findet die Philosophie einen neuen Anhaltspunkt, Sofie und Alberto wenden das Erlernte an.

Jostein Gaarders Buch galt als unverfilmbar. Gerade die Endsituation, in der der Leser in die Zwickmühle gesetzt wurde, zwischen Realität und Fiktion eine Grenze zu ziehen, die er nicht mehr sehen konnte, da sich eine Unendlichkeit zu öffnen schien, in der jeder zu Figur und Autor wurde, war eine rein für das Medium Roman bestimmte Geschichte. Außerdem erschien es unmöglich, die langen schriftlichen Exkurse zur Philosophie so umzusetzen, dass die Spannung erhalten blieb.

Dennoch enthielt der Roman auch viele andere Elemente. Gaarder ging davon aus, dass alle Menschen, die sich wundern können, gute Philosophen seien. Er machte diese Fähigkeit vor allem an Kindern fest, Sofie sollte sie auf ihrem Schritt zum Erwachsensein beibehalten. In den Ohren der studierten Elite, die, wie jede Wissenschaft, versuchen, durch diffizile Fachsprache einen möglichst kleinen, prominenten Zirkel zu halten, war das natürlich eine Katastrophe.
Bei diesem Wundern setzt der Film an. Denn, wo wundern wir uns öfter und mit mehr Innbrunst, als im Kino? Regisseur Erik Gustavson nutzt dies weidlich aus. Sein Film ist vor allem die Abenteuerreise, die Odysee zwischen kindlichem Wundern und erwachsenem, rationalem Erklären. Dabei fallen die meisten Momente des Diskurses weg. An ihre Stelle tritt eine vielleicht noch wichtigere Qualität. Anstatt zu lehren, findet der Film einen Weg, uns selbst nach den Antworten suchen zu lassen. So wird zum Beispiel Hegels Dialektik nur kurz erwähnt. Dennoch hatte ich nach dem Film das unbändige Verlangen, den gesamten, ehemals als trocken empfundenen Text nachzulesen. Wie der Film wurde auch dieser diffiziele Text zur Abenteuerfahrt. Die oben beschriebene Asterix-Situation trat ein.

Mit Silje Storstein fand Gustavson eine perfekte Darstellerin für Sophie. Sie sorgt dafür, dass auch so mancher mittelmäßiger Effekt wie ein Zauber wirkt. In ihren Augen spiegelt sich wirkliches Erstaunen, sie reist in eine Welt, die den Lehrstoff nicht als intellektuelles Gut, sondern als Mischung aus Rationalität und poetischem Wunder erfasst. Dennoch sind die schönsten Szenen die, wenn sich Sofie mit ihrem Lehrer an der Schule auseinandersetzt. Zuerst ist dieser höchst erfreut und erstaunt über Sofies neues Wissen und ihrem Enthusiasmus, wobei ihm alles ein wenig suspekt bleibt. Dann aber wird ihm das Ganze zuviel, als diese Göre plötzlich anfängt, ihn und seinen Lehrstoff in Frage zu stellen. Philosophen sind auch heute nicht gerade gefragt, es sei denn, der Mentor heißt Alberto Knox.

'"Sofies Welt" ist die Geschichte eines etwas anderen Erwachsenwerdens, bei dem versucht wird, das Beste aus der Zeit des Kindseins zu behalten. Es ist eine Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Film stellt diesen traumhaften Aspekt auch in den Vordergrund. Mit sehr schönen, fast gemalt wirkenden Bauten und Hintergründen führt uns Gustavson tief in die Welt der Wunder. Die vermengte Welt der Renaissance ist eine der poetischsten Welten, die dieses Jahr die Leinwand erblickten. Ebenso wirkt die Musik, die einen innerlich frei zu machen vermag. Erst so können wir die Welt der Philosophie, wie Gustavson und Gaarder sie sehen.

"Sofies Welt" ist in erster Linie ein Film für ältere Kinder und Jugendliche. Er kann aber auch vielen Erwachsenen gefallen, wenn diese sich auf das Wundern einlassen wollen. Wie bei skandinavischen Filmen üblich, nimmt auch "Sofies Welt" Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen ernst und setzt sich sehr einfühlsam mit ihnen auseinander. Da der Film eben eine Geschichte über die Pubertät ist, scheint dies besonders wichtig. Er passt sich dabei niemals den Traumbildern, wie sie von "Bravo" und ähnlichen Magazinen so gerne aufgebaut werden, an. Eher setzt er sich mit eigenen auseinander.

Dieser Film entführt uns aus der Realiät. Er gibt uns einen Traum und bringt uns dazu, selbst darin zu agiern. Mehr kann ein Film nicht erreichen. Und deshalb ist "Sofies Welt" ein ganz eigenes Kunstwerk, als Film. Aus dem Filmmaterial soll auch eine 10-teilige Fernsehserie entstehen. Ob diese ohne die filmische Stringenz einen ähnlichen Effekt haben wird, bleibt abzuwarten. Als Kinoerlebnis sollte man sich das nicht entgehen lassen.





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