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Kritik: Pokémon, der Film (1999)


---Pikachu!!!---

Wenn immer ein Film zum Computerspiel angekündigt wird, dann kann man schon etwas skeptisch werden. Ob nun die "Super Mario Bros.", der Film zum "Streetfighter" oder "Mortal Combat", es lässt sich wohl durchweg behaupten, dass es noch kein würdigen Film gegeben hat, der sich aus den Bits und Bytes der interaktiven Zunft ergab. Bestes und dazu auch am tiefsten liegendes Beispiel: "Wing Commander", der nicht nur auf der Computerspielserie basierte, sondern auch noch vom Chefprogrammierer und Gamedesigner Chris Roberts "inszeniert" wurde.

Mit "Pokémon" verhält es sich da ein wenig anders. Das als Gameboy-Spiel entstandene Merchandising-Schwergewicht schaffte es schon zuvor zu einer (bei uns auf RTL 2 laufenden) Fernsehserie, die aber auch mehr oder weniger nur gesonderten Verkaufszwecken dient. Diese Serie, deren Charaktere auch im Film die Hauptrolle spielen, basiert auf den zuckersüßen Anime-Ablegern der "Sailermoon"-Art und ist als der moralinsaure Grundbau zu verstehen, der den Kindern auf aller Welt erklären soll, dass die von ihnen so sehr gehüteten und getauschten Pokémons auch die besten Freunde des jugendlichen Gameboy-Fanatikers sind und deshalb nach jeder Schlacht wieder gehegt und gepflegt werden sollten. Es geht ja nichts über Nächstenliebe!

Dennoch ist es wichtig, sich einmal die Grundstrukturen von "Pokémon" zu betrachten, bevor man den Film überhaupt verstehen kann. "Pokémon" stammt von der Firma Nintendo, die als Großmacht auf dem Spielkonsolen-Markt für die ganz Jungen gesehen werden können. Bei dem Spiel handelt es sich eigentlich um eine sehr simple, aber nicht zu unterschätzende Idee. Man verbindet hier Momente des Rollenspiels (man spielt einen Charakter, der Pokémon-Trainer wird, in einer simulierten Welt), des Prügelspiels (wenn man Pokémons gegeneinander antreten lässt) und zu guter letzt der frühpubertären Sammelwut (indem man Pokémons sammelt, trainiert und tauscht). Somit haben wir hier die Verbindung aus zwei sehr populären Computerspielen und den typischen Sammelbildchen, die schon bei "Magic" vor ein paar Jahren mit einem Spiel verbunden wurden und kräftig Kasse machten. Die Fernsehserie dient nun –untergründig- vor allem dazu, neue Pokémons vorzustellen und in Kinderaugen die Welt des Spieles noch bunter und greifbarer zu machen.

Die Story zum Film ist dementsprechend einfach. Ein genetisch hergestelltes und übermächtiges Pokémon will die Weltherrschaft an sich reißen. Dazu lädt es unter dem Deckmantel eines großen Turniers die mächtigsten Pokémon-Trainer ein, um an deren kämpfende Schützlinge zu gelangen. Auch der Held der Fernsehserie ist somit dabei. Sein Schützling Pikachu soll den großen Sieg holen. Doch werden sie nur allzu schnell besiegt. Der hochmütige und mächtige Herr des Turniers ist auch schnell der Besitzer aller Pokémons. Er lässt diese klonen und ihre Kraft dabei optimieren. In einem schlussendlichen Kampf geht es um die Rettung der Welt.

Je länger der Film dauert, desto schneller wird klar, wie billig der ganze Pathos funktioniert. Dennoch verwunderte es mich, wenn ich mich in der mit Kinder und Jugendlichen gut gefüllten Vorführung umsah: Glänzende Augen, ein Sohn, der auch zu meinem Vorteil seinem Vater kleinlich mitteilte, welche Kraft und welchen unausprechlichen Namen denn nun das gerade eingeführte Pokémon habe, ein Meer von faszinierten Zuschauern. Da störten die billigen, mit den wirklich großen Werken der japanischen Anime-Kunst nun gar nicht mehr verwandten Bilder nicht, da war der moralinsaure Anstrich, welcher mit pathetischen Messages die brutale und gewaltbereite Welt des Games vergessen machen sollte, plötzlich kaum anrechnungsfähig: Die Kinder waren gefangen.
Es ist schon schwer, die miserablen Minus-Punkte gegen die recht netten Plus-Punkte abzuwägen, wenn man realisiert, wie viel mehr dahintersteckt. Der Film ist nur ein kleines Rädchen in einer riesigen Merchandising-Welle, die wohl das Beste und Koordinierteste ist, was in den letzten Monaten zu sehen war. "Pokémon-Der Film", das ist nicht viel mehr (bzw. weniger) als die Einführung eines neuen, bisher unbekannten Knuddelmonsters für die Sammlung im Kinderzimmer. Pünktlich mit der neuen (gelben) Gameboy-Edition wird ein Kaufanreiz gegeben. In ein paar Wochen folgt der Adapter für das heimische Nintendo 64. Auch der Vorfilm, "Pikachus Vacation" dient nur dazu, die neuen Pokémons in Aktion zu zeigen.

Was soll ich da noch meckern oder warnen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre ich wohl auch süchtig hinter diesem Spiel hergerannt. Es ist einfach alles unglaublich perfekt eingefädelt. Neben dieser durch alle Medien hindurch kalkulierten Merchandising-Aktion kann man sich nur noch so klein und unbedeutent fühlen, wie ein Hollywood-Regisseur unter Kunstkritikern. Ich ziehe meinen Hut vor Nintendo. Eltern werden gegen diesen Film sowieso nichts mehr machen können. Und da rede man davon, Massenpsychologie sei nur bedingt funktionabel.





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