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Kritik: Russische Hochzeit (2000)


Manchmal ist die Suche im Heil der ungebremsten Lebensfreude das einzige Mittel gegen erbarmungswürdige Umstände. Sowohl für Pawel Lungin wie auch für die Protagonisten seiner „Russischen Hochzeit“ ist jedenfalls klar, dass sie sich ihr Dasein nicht vermiesen lassen wollen; egal ob der Dorfpolizist korrupt ist, der Lohn nicht gezahlt wird oder es für eine prachtvolle Hochzeit an allen Ecken und Enden fehlt.

Eine Ansammlung von Verlierern des Umbruchs in Russland präsentiert der Film als pfiffige Menschen, die es bereits während des Sozialismus gelernt hatten, sich die nötigen Dinge im Mangel zu organisieren und Feste gegen die Tristesse des Alltags zu feiern. So überrascht es nicht, dass der Zuschauer eine große, ausgelassene Hochzeitsfeier sehen darf, die mit den Mitteln der Burleske in Szene gesetzt wurde. Die Menschen tanzen, machen Musik, sind zu kindischen Späßen aufgelegt und schütten den guten Wodka nur so in sich hinein. Wenn ein Hochzeitsgeschenk fehlt, dann wird es eben kurzerhand auf eine charmante Weise gestohlen, die mehr an Lausbuben als an gemeine Diebe erinnert.

Das solchermaßen etablierte Durcheinander des russischen Alltags einer Gemeinde fern ab von Russland kontrastiert über die einfache lebensbejahende Botschaft ein Refugium der zusammenhaltenden Gemeinschaft mit dem rauhen Wind des Kapitalismus. Hier, so hat man das Gefühl, ist die Glitzerwelt des modernen Materialismus und der westlichen Fetische wie zum Beispiel McDonald’s, noch nicht angekommen. Das ist ein klarer, kritischer Kommentar zu einer Entwicklung, die in allem westlichen einen neuen Götzen gefunden hat. Hier liegt auch die kleine Schwäche von „Russische Hochzeit“ begründet. Allzu einfach ist es, dem Kapitalismus eine nostalgisch verklärte Welt der starkem Gemeinschaft gegenüberzustellen, die der miesen wirtschaftlichen Situation ein fröhliches Grinsen entgegen wirft. Natürlich hat das seinen Reiz und gerne würde man es glauben, aber es ist mehr herbei gefleht als selbstsicher vorgetragen. Hübsch hingegen ist der Einfall, einen Moskauer, den man zynisch als Vertreter von Russlands „New Economy“ - nämlich der Mafia – bezeichnen könnte, zu einem Clown zu degradieren, der den chaotischen Verhältnissen nicht gewachsen ist. Er muss unverrichteter Dinge ohne „sein Mädchen“ wieder abziehen. Hier verdichtet sich „Russische Hochzeit“ parabelhaft zu einer Betrachtung von Machtverhältnissen.

Pawel Lungin inszeniert mit „Russische Hochzeit“ eine erfrischende Komödie, die über die Stärke der Gemeinschaft, welche ihr Heil in der Burleske sucht, dem kalten Wind des Kapitalismus ein Schnippchen schlagen möchte. Ein Film, der den Wodka mindestens ebenso eingeflöst hat, wie seine Protagonisten.





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