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Kritik: Lovers (1999)


Etwas tut sich bei Dogma 95: Der nunmehr fünfte zertifizierte Film kommt nicht mehr aus dem kalten Dänenlande sondern aus Frankreich. Der renommierte Darsteller Jean-Marc Barr (“Im Rausch der Tiefe“) war in Cannes so begeistert von den ersten beiden Dogma-Filmen, dass er sich gleich selbst daran machte, nach den strengen Regeln sein Regiedebut zu bestreiten. Als Darsteller in “Breaking the Waves“ fühlte er sich, so meint er, als Freund von Lars von Trier, der gemeinhin als geistiger Vater, mindestens aber als kommerzielles Aushängeschild von Dogma 95 gilt.

Diese Fusion aus dem geistigen Gut Dänemarks und der französischen Vorliebe für Liebesgeschichten ist ein interessantes Zwitterprojekt, dass vor allem am dänischen Moment scheitert.

Erzählt wird eine wilde Liebesgeschichte, die natürlich unglaublich authentisch daherkommt. Eine schöne Französin verliebt sich in einen Jugoslawen, der aber leider illegal im Lande ist. Wie es sich für das ach so intellektuelle europäische Kino gehört, endet es so vorhersehbar, wie nur möglich: Nämlich in Tränen. Dies gehört scheinbar zum großen Realismus unserer Staatengemeinschaft.

Dennoch zeigt sich der Film eigentlich als Geschichte in der Tradition derer, die nicht gegen Hollywood kämpften, sondern ein Loblied an das Genrekino inszenieren wollten: Die Nouvelle Vague. In seinem kleinen Rahmen, der einfachen Geschichte, die sich dramatisch ausweitet, mag er an Truffaut, Godard und Chabrol erinnern, seine Inszenierung bleibt aber weit hinter deren Standards zurück. Dogma 95, welches den Weg dieser auteur-Strategen als “falsch“ bezeichnete, bietet hier den Beweis, warum sie trotz ihrer lautstarken Werbekampagne scheitern mussten. Es fehlt der als authentisch gedachten Kargheit im Bild einfach an Kraft, das Schauspiel und die Geschichte zu unterstützen. Das, was Dogma am meisten verhindern wollte, ist hier der Fall: Form siegt über Inhalt.

Dabei hat “Lovers“ wirklich Potential. Die Idee, einen europäischen Film zu drehen, indem man eine Französin und einen Jugoslawen die Barrieren der Verständigung auf Englisch überwinden lässt, ist äußerst gut. Auch die Story selbst, die sich mit eben diesen Problemen der Völkerverständigung auseinandersetzt, fügt sich da wunderbar ein. Die Abschiebung erscheint hier irrational, ja dumm. Wir sind nicht so verschieden, dies scheint Barr sagen zu wollen. Wir sind uns sogar sehr ähnlich! Wie sonst hätte die allgemein Globalisierung sonst stattfinden können? Gut ist auch, dass Barr ebenso die Verschiedenheit aufzeigt, aber auch gleichzeitig ihre Lösung nicht auslässt. Es sind Banalitäten. So lässt der aus dem Kommunismus stammende Jugoslawe eben beim Rausgehen das Licht brennen, anstatt auf die kapitalistische Stromrechnung zu achten.

Diese Ansätze und das durchweg mitreißende Schauspiel hätten einen wirklich guten Film verdient. Doch unter dem Kargheitsdiktat vermag gerademal eine Szene überzeugen, als das Liebespaar auf einer ausgelassenen Feier Freunde gewinnt. Hier passt der Urlaubsvideo-Stil. Sonst aber, vor allem bei den Verfolgungsjagden, die nur noch ein verwackeltes Irgendwas auf der Leinwand hinterlassen, schaut man mit schmerzenden Augen weg und vergisst die Figuren. Es ist einem fast egal, was geschieht. Die zuschauereigene Nähe zur Geschichte ist kaum vorhanden, Ansätze dazu müssen sogar hart erkämpft werden.

Und da fragt man sich, warum Barr diesen Stoff unbedingt als Dogma-Film umsetzen wollte. Er verstößt doch andauernd gegen die Regeln! Bei der Feier finden sich Schnitte, die Musik bleibt aber konstant. Entweder hat man hier mit mehreren Kameras gearbeitet oder die Tonspur später dem Filmbild angepasst. Beides ist nach Dogma strengstens untersagt. Ebenso wie das Format. Breitband statt fernsehartigem Academy-Format: Ein weiterer Verstoß.

Ich stelle mir diesen aktuellen und interessanten Stoff bei Truffaut vor. Keine manieriert langen Einstellungen, keine Wackelkamera, die möglichst nahe an die Gesichter herangeht, als seien wir hier wieder bei “Breaking the Waves“, sondern ein kurzer, prägnanter Erzählstil, der keine Sekunde verschenkt und mit gut ausgearbeiteter Beleuchtung und aussagekräftigen Einstellungen arbeitet. Dann wäre es wahrscheinlich ein sehr guter Film geworden. So aber vergessen wir ihn am besten schnell wieder, diesen “Lovers“. Viel Liebe bekommt man hier nicht mehr mit. Vor allem fehlt die Liebe zum Kino, die Jean-Marc Barr in seinen Interviews immer wieder aufblitzen ließ.





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