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Kritik: Vienna Art Orchestra on Tour (1999)


"Wir haben immer gut gespielt, wenn wir gereist sind. Nur dann entsteht eine Alchemie in der Band". Und das Fantastische: Jeder in der Band denkt genauso und deshalb heißt der Film treffend "Vienna Art Orchestra Tour". Eine Jazz-Combo auf Reisen, eine Tour ohne Ruhepunkte und mit ungewissem Ausgang – mehr will Othmar Schmiderer in seinem Dokumentarfilm nicht erzählen, doch er erzählt es gut. Die Orte ändern ständig, und jeder Auftritt hat je nach Bandklima und abhängig von Zufällen eine andere Note. Alles ist in diesem Film im Fluss, die multikulturelle Truppe wie ihr Spiel – doch über den Verlauf der Route lässt Regisseur und Kameramann den Zuschauer bewusst im Unklaren.
Reisen, Spielen, oder Reisen und Spielen sind die Pole dieses filigranen Werkes, das ein sensibles Psychogramm der Wiener Band entwirft. Nicht die Frage, was sich hinter den Kulissen abspielt, ist entscheidend, vielmehr setzt Schmiderer seinen Focus auf die Untrennbarkeit der Helden auf der Bühne, den unsteten Genossen im Hotel und den ruhelosen Bahnfahrern. Der gloriose Live-Act, die nächtliche Stille in den Apartments und die kontemplative Zeitungslektüre im Zug - alles sind Teile eines Ganzen, doch stets ist die Musik präsent, ob in den Köpfen oder am Instrument. Die Musik und das gemeinsame Spiel sind zugleich psychologischer Kitt und Stimmungsbarometer der Band, in der gemeinsamen Musik finden die Künstler aus aller Herren Länder immer wieder zu einer gemeinsamen Sprache. Und doch steckt hinter der musikalischen Kollektiv-Extase ein Gefängnis ohne wirkliche Sprache, wie ein italienischer Musiker sinniert.

Immer wieder streut Schmiderer Interviews mit den einzelnen Bandmitgliedern in seine Bilder-Collage ein, ohne den Rhythmus zu stören. Die Einzelgespräche wirken nicht inszeniert, sondern gleichen sich dem Rhythmus des Films an. Ausgelassene Proben im Zug, eine Zugtaufe im Wiener Westbahnhof, Gigs in verrauchten Cafés, Konzertauftritte und immer wieder Bahnfahren – das sind die immerwiederkehrenden Stationen dieser einfühlsamen Dokumentation, die Schmiderer in eine stete Atmosphäre von Ausgelassenheit, scherzhaftem Miteinander und dem Spaß am Musizieren einkleidet. Den Lebensnerv des kreativen Miteinanders bringt der Drummer auf den Punkt – natürlich in einem Zugabteil: "Es ist wie ein Spiel, ein Rugbyspiel – immer muss man beim Spielen an den Freund hinter Dir denken, sonst ist es kein gutes Spiel." Mit dieser Hommage auf den Teamgeist ist Othmar Schmiderer ein fetziges und doch feinfühliges Bandporträt gelungen, gewürzt mit jeder Menge gutem Jazz und Lebensfreude.




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