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Brother
Brother
© Capelight Pictures

Kritik: Brother (2000)


Takeshi Kitano schießt sich den Weg frei - hinter der Kamera erstmals in Amerika, vor der Linse wie gewohnt durch verfeindete Gangs. Seine schweigsame Figur Yamamoto führt japanische Sitten im fragilen Bandenfrieden von Los Angeles ein: sein strenger Ehrenkodex, die verschwenderische Lebensart als Gangsterboss und das rücksichtslose Exekutieren seiner Feinde deutet auf einen allzu wörtlich genommenen Kulturkampf. Und der ist Programm: verträumte Poesie wie in Kitanos letztem, der nostalgischen Hommage "Kikujiros Sommer" regt sich nur am Rande. Den Rest ertränkt der japanische Regiestar in einer übermächtigen Explosion der Gewalt, die immer wieder unvermutet als Stakkato hereinbricht. Darunter verbirgt sich natürlich weiterhin seine eigenwillige Montage, das entspannte Erzähltempo und der bizarre Understatement-Humor. Dennoch stellt "Brother" kaum eine Weiterentwicklung, sondern eher eine Art Best-Of seines bisherigen Schaffens dar, in erster Linie der Gangsterthriller und Krimis "Violent Cop", "Sonatine" und "Hana-Bi". Und obwohl Kitano mit den Produktionsbedingungen in den USA nicht restlos zufrieden war, atmet sein Werk wesentlich mehr Autorengeist, als man von den meisten asiatischen Filmemachern in Hollywood gewohnt ist. Robert Knapp




Die Welt des Japaners Takeshi Kitano ist gewiss keine eingängige und anheimelnd ist sie schon gar nicht. Es ist eine hermetisch geschlossene, in Ritualen erstarrte Welt und, zumindest was Kitanos Gangsterfilme anbelangt, eine Männerwelt. Frauen haben hier nur als gewissermaßen archetypische Randfiguren Zugang: als Mutter oder als Prostituierte. "Brother" ist nach der verspielten Komödie "Kikujiros Sommer" und dem gebrochenen Polizeifilm "Hana-Bi" wieder ein reiner Gangsterfilm, dem Frühwerk "Sonatine" nicht unähnlich. Im Gegensatz dazu ist "Brother" allerdings in den USA entstanden. Den Gesetzen des amerikanischen Kinos hat sich der Japaner allerdings nicht unterworfen. Auch in Los Angeles ist Takeshi Kitano sich und seiner düsteren Weltsicht treu geblieben. Neben Regie, Drehbuch und Schnitt hat er auch wieder die Hauptrolle übernommen und watschelt mit dem ihm ureigenen stoischem Gang samt verbissener Miene (wenn er mal versucht zu lächeln, läuft's einem eiskalt den Rücken runter) durch ein desaströses Szenario, von Blutbad zu Blutbad. Als der Boss einer japanischen Yakuza-Familie in Tokyo bei einem Attentat umkommt, muss sich dessen Leibwächter Yamamoto nach Los Angeles absetzen. Er kommt bei seinem jüngeren Bruder Ken unter, der sich zusammen mit seinem schwarzen Freund Denny am langen Arm der Mafia im Drogenhandel versucht. Der erfahrene Gangster aus Japan zeigt dem amerikanischen Nachwuchs, wie man Syndikate gegeneinander ausspielt und so selbst neues Territorium erobert. Bald akzeptieren die Mafia-Paten, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, die neue Konkurrenz. Yamamoto wird an der Spitze der neuen japanisch-amerikanischen Organisation kritiklos als Idol verehrt. Seine rücksichtslose Brutalität mobilisiert auf der anderen Seite aber die Gegner aus den alten Gangsterstrukturen. Auf Seiten der Mafia konstituiert sich eine gefährliche Allianz gegen ihn und seine Leute. In ihrer blinden Unterwerfung unter den rigiden Ehrenkodex der Yakuza verlieren Yamamotos Leute aber immer mehr den Blick für die Realität. Längst hat die Gegenseite nämlich eine gnadenlose Jagd auf die fernöstliche Konkurrenz eröffnet. Mit eiskalter Konsequenz treibt Kitano die Hauptfigur und mit ihr den Ehrenkodex der Yakuza ins brüllende Verderben. Mitleid mag sich da freilich nicht einstellen, den erstens ist die Brutalität der Hauptfigur (und des ganzen Films) zum Teil geradezu aberwitzig und zweitens ist die soldatische Männerbündelei der Yakuza grotesk und abstoßend. Dabei ist gar nicht mal so sicher, ob sich das für Kitano selbst ebenso darstellt. Zumindest eine gewisse Sympathie scheint er füŸr sein desolates Personal aufzubringen. Denn zwischen den Massakern gönnt er ihnen (und den Zuschauern) immer wieder Momente von poetischem Stillstand. Diese wie auch gelegentliche rabenschwarz-humorige Einschübe vermögen den Schrecken, der von den Gangsterkriegen ausgeht, allerdings kaum zu schmälern. Von einer wie auch immer gearteten glorifizierenden Betrachtung der Gewalttaten ist Kitanos Film "Brother" dennoch weit entfernt. Wenn hier geschossen, geschnitten oder sonstwie gemeuchelt wird , tut's immer richtig weh.




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