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Kritik: Fernes Land Pa-Isch (2000)


Tristesse ohne Ausweg

Medock, Umberto, zum Heimleiter! Die Stimme der alten Sprechanlage schnarrt durch das langgestreckte Gewölbe des heruntergekommenen Schlosses. Und der in Sack und Leinen gekleidete Umberto macht sich auf die zerlöcherten Socken. Ein paar Schritte weiter unterbricht der Zögling seinen Bußgang mit einer heimlichen Visite des Schuhputzraumes, wo er durch einen schmalen Ausblick ein Stück Freiheit genießen kann. Überall in Reiner Simons Film beherrscht eine zermürbende Tristesse die Kulisse, die Suche nach dem fernen Land Pa-Isch gestaltet sich mehr und mehr als pure Utopie. Das unentwegte Festhalten der kindlichen Protagonisten an ihrem mental zusammengebastelten Paradies bildet den verzeihlichen Hintergrund für die von Simon allenthalben zur Schau gestellte bittere Realität. In nicht wenigen Einstellungen freilich erinnert das parallel zum gleichnamigen Jugendbuch entstandene Werk an "Alice in den Städten" von Wim Wenders – hier wie dort konterkariert der Idealismus eines Kindes mit der trostlosen Gegenwart einer desillusionierenden Umwelt. Politisch zwar nicht aktuell, deswegen aber noch keineswegs überholt ist die Ost-West-Moral von der Geschicht: Wie nämlich Simon das Grau in Grau der ostdeutschen Heimwirklichkeit mit den morschen Glamour-Fassaden Hamburgs auf einen optischen Rhythmus gleichbleibender Leere "vereinigt", ist durchaus sehenswert.

Freilich hätte man sich einige moralische Zeigefinger bei der Darstellung des Prostituierten-Milieus sparen können, da hier die Individualität der Frauen bei der ganzen Seelenlosigkeit ihres Ambientes auch erzählerisch auf der Strecke bleibt. Auch neigt der Film mitunter zu einer übertriebenen Stilisierung, insbesondere wenn es darum geht, dem jungen Umberto mit seinen Träumen von einer besseren Welt das klischeehafte Etikett eines unschuldigen Schönwetter-Heros aufzudrücken. Trotz alledem handelt es sich bei diesem Realo-Road-Movie um ein wertvolles zartes Pamphlet gegen den Mythos der blühenden Landschaften und die knallharte Wohlstandselite der Wessies, geschmückt von eineigen spaßigen Nuancen wie dem Gastauftritt von Ulf Kirsten und seinen Leverkusener Kickerfreunden. Sehenswerte Sozialkritik durch die zarte Brille eines Kindes!





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