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A.I. Künstliche Intelligenz
A.I. Künstliche Intelligenz
© Warner Bros.

Kritik: A.I. Künstliche Intelligenz (2001)


Zu allererst sei gesagt: "A.I." ist ein Film von Steven Spielberg, der nicht nur Regie führte, sondern das erste Mal seit 1976 auch wieder das Drehbuch schrieb. Der so oft erwähnte Stanley Kubrick hatte mit Sicherheit Einfluss, da die beiden das Projekt zusammen entwickelten und Kubrick die ersten Ideen hatte. Man sieht dem Film aber in jeder Hinsicht an, dass er von dem noch lebenden Meisterregisseur stammt, nicht von dem leider schon verstorbenen. "A.I." ist einer dieser Filme geworden, die sich kaum in etwas so profanes wie Worte fassen lassen. Beide Regisseure hatten schon vorher solche Werke geliefert, aber gerade bei "A.I." habe ich das Problem, dass der Film eine emotionale Erfahrung war, die mit Worten einfach nicht umschreibbar ist, vor allem, weil ich sie selbst nach einmaligem Sehen noch nicht verarbeitet habe. "A.I." gleitet irgendwo zwischen Traum, Trauma und Meditation, wenn er von einer möglichen Zukunft und dem Dilemma der künstlichen Menschheit erzählt. Dabei erzählt er fast noch mehr von dem Trauma eines Kindes, dass sich eben nicht mehr als einzigartiges Wesen sieht und um die Liebe der eigenen Mutter buhlen will. Gerade dies arbeitet äußerst stark mit unserem Unterbewusstsein, was auch das Empfinden, hier Kitsch zu sehen, sofort abtötet. Dieser Film ist so vielschichtig, wie kaum ein anderes Werk der letzten Jahre. Trotzdem wird er nie abstrakt oder intellektuell. Es bleibt alles über die eigenen Gefühle erfassbar. Das Erlebnis, welches daraus entsteht, ist eines der intensivsten der Filmgeschichte. Solche Filme gibt es nur selten in den Kinos. "A.I." erreicht diese Reaktionen fast nur auf visuellem Wege, unterstützt durch die brillante Musik von John Williams und sehr klug eingesetzte Toneffekte. Der Dialog steht zurück, er scheint nur Teil der sehr stringent als Dreiteiler angelegten Geschichte zu sein. Wie so häufig bei Spielberg (und auch bei Kubrick) ist es nicht das Was, sondern das Wie, welches den Film ausmacht. Die Bilder selbst treffen im Herzen. Spielberg und Kameramann Janusz Kaminski arbeiten mit einer recht kalten Grund-Farbpalette aus Blau, Schwarz und Weißtönen, die sehr bewusst mit wärmeren Farben gebrochen wird. Dazu nutzen sie viel Gegenlicht und Nebel, welche dem Bild eine recht verschwommene und märchenhafte Struktur verleihen. Das Setting selbst besteht aus fabelhaftem Production Design von Rick Carter und schier unglaublichen, bahnbrechenden Effekten von ILM. Es ist erstaunlich, wie sehr sich beides in das Gesamterlebnis "A.I." einfügt. Man kommt aus diesem Film nicht raus und redet über die Effekte, man kommt raus, und denkt über das Erlebte nach. Dies liegt nicht zuletzt an den hervorragenden Schauspielleistungen (allen voran der junge Haley Joel Osment). "A.I." ist mit Sicherheit keine leichte Kost. Er ist zwar verständlich, man muss sich aber auf die intensive Atmosphäre einlassen können. Spielberg bietet selten Humor, ein ironisches Zurücksetzen ist im Kino kaum möglich. Außerdem wird so mancher, wie ich, noch Tage mit Nachdenken und Verarbeiten verbringen. "A.I." hat Seltenheitswert, alle 20 Jahre kann man so etwas mal erwarten. Wer ihn verpasst, ist selber schuld. Knut Brockmann Zwei Filmemacher, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, haben für diesen Film über den Tod hinaus kooperiert: "A.I. - Künstliche Intelligenz" wurde zuerst von Stanley Kubrick konzipiert - dem analytischen Genie, das seinen eigenen Gefühlen auf der Leinwand niemals traute. Nach Kubricks Tod im letzten Jahr hat Steven Spielberg den Stoff übernommen - der Sentimentalist, dessen oft infantile Weltsicht regelrecht nach Emotionen heischt. Er war jedoch autorisiert: Kubrick selbst hatte ihm 1994 angeboten, an seiner Stelle bei "A.I." Regie zu führen. Das Material entspräche einfach mehr Spielbergs Empfindungswelt als seiner eigenen. Nun stehen wir vor dem erstaunlichen Ergebnis: eine zweieinhalb Stunden lange Kollision zweier emotional inkompatibler Filmemacher. Ein philosophisch angehauchter Film mit mythischer Geschichte, der sich nicht scheut, bedeutsame Aspekte des menschlichen Daseins auszuloten. Als hätten Rembrandt und Picasso gleichzeitig an einem Bild gemalt. "A.I." ist ein Hybrid - ein provokantes, faszinierendes Stück Kino voller Symbolismus, doppelbödig und optisch brillant. Ein suggestiver Film, der Zuckerguss und abgründigen Existenzialismus, Gefühlskino und Analyse, Hommage und Originalität zu einem paradoxen, mehrdeutigen Werk zusammenfügt, das beim Betrachter eine Art von intellektuellem Unwohlsein bewirkt - ein für aufgeschlossene Zeitgenossen überaus willkommener Zustand, der noch Tage oder Wochen nach dem ersten Sehen stimulierend wirkt. Die Fabel, eine aufs 21. Jahrhundert projizierte düstere Variante von Carlo Collodis Märchenstoff "Pinocchio", wurde mit Brian Aldiss' Kurzgeschichte "Supertoys Last All Summer Long" verschmolzen. In diesem Amalgam, dem Ausgangspunkt für Kubricks erstes Treatment und später dem von Spielberg selbst verfassten Drehbuch, verkörpert Jungdarsteller Haley Joel Osment ("The Sixth Sense") mit erstaunlicher Finesse ein Roboterkind, das zu Gefühlen fähig ist. David, so heißt das Wunderwerk der Technik, liebt seine von Frances O'Connor dargestellte Stiefmutter abgöttisch und bedingungslos. Doch diese Liebe beruht nicht auf Gegenseitigkeit: David wird aus dem familiären Paradies vertrieben. Im dunklen Wald beginnt für ihn eine brutale Odyssee, die mehrmals den zuvor gesetzten Rahmen dieses Filmes sprengt - mit einer bitteren Moral am Schluss. Menschwerdung und Entwicklungssprünge, Schöpfung und Untergang, Mensch und Maschine, Geist und Körper - dies alles sind Urthemen Stanley Kubricks, die ihn bereits vor 33 Jahren in dem legendären Science-Fiction-Film "2001 - Odyssee im Weltraum" intensiv beschäftigt haben. Das Publikum war seinerzeit wohl ebenso frustriert und irritiert wie heutzutage bei "A.I.". Doch darin liegt das unheimliche Potenzial des Films, dessen verschiedene Bedeutungsebenen und -tiefen sich dem willigen Betrachter - wie bei jedem wahren Kunstwerk - erst mit der Zeit und wiederholter Rezeption erschließen. "A.I." ist ein äußerst persönliches Produkt von Steven Spielberg, der darin sich und seine frühen Sci-Fi-Filme "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "E.T." zitiert, gleichzeitig aber auch das Lebenswerk von Stanley Kubrick (neben "2001" etwa "Uhrwerk Orange", "Shining" und "Dr. Seltsam") in zahlreichen Facetten widerspiegelt. Doch hinter der vertrauten Optik und dem altbekannten Spielberg-Thema vom verlassenen Jungen in der grausamen Erwachsenenwelt tun sich diesmal Abgründe auf. "A.I." ist auch eine poetische Allegorie über das Kino selbst, die beide Filmemacher aufeinander projiziert und viel über das Wesen einer kommerziell geprägten Filmkultur zu sagen hat, die echte Schauspieler inzwischen mit Figuren aus 3D-Computern wegrationalisiert. Kubricks Vermächtnis ist dabei omnipräsent, auch wenn dies manch einer erst auf den zweiten Blick erkennen mag. Das gilt auch für das oft gescholtene Finale, dessen süßliche Versöhnlichkeit ein "Happy-End" vermuten lässt, das es in Wirklichkeit jedoch nicht gibt. Für unsere eigene Zukunft nämlich ist die Botschaft, die dahinter steht, düster und hoffnungslos.





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