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Kritik: Running out of Time (1999)


Von den drei Johnnie To Filmen, die auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden, ist „Running out of Time“ sicher derjenige, der am stärksten in Richtung Mainstream zielt. Aber Johnnie To gehört derzeit zu Hongkongs kreativsten und besten Regisseuren, so dass es auch hier deutlich mehr als nur Durchschnittliches zu bewundern gibt.
Die zunächst einfache Geschichte fächert To virtuos zu einer Charade auf, die zu dem raffiniertesten gehört, was in den letzten Jahren im Kino zu sehen war. Immer wenn man glaubt, verstanden zu haben, worum es genau geht, präsentiert das Drehbuch eine neue Überraschung. Dabei gelingt es Regisseut To, den Fehler von Filmen wie „Wild Things“ oder „Best Laid Plans“ zu vermeiden, die in ihrer Kalkuliertheit vergessen, dass eine solche Geschichte gut vorbereitete Wendungen benötigt. Bei »Running out of Time« greift ein Baustein in den nächsten. Auch zunächst bedeutungslose Kleinigkeiten dienen dazu, den Plot elegant voranzutreiben. Nur vordergründig geht es um eine simple Caper-Geschichte. Der Titel deutet schon an, wohin die Reise gehen soll. Johnnie To erzählt uns ein Essay über die Zeit und die Chancen, welche man nutzen soll.
Beide Hauptfiguren inszenieren das Spiel von ihrer Seite mit unterschiedlicher Wahrnehmung, so dass Wirklichkeit und persönliches Zeiterleben zu einem neuen Baustein der eigenen Wahrheit verschmelzen. Einzelne Bestandteile der Geschichte erhalten so ihre spezifische Bedeutung nur in Verbindung mit der zeitlichen Prämisse, wie zum Beispiel die zufällige Begegnung zwischen dem Dieb und einer jungen Frau im Bus, welche voller Zärtlichkeit die Harmonie einer erfüllten lebenslangen Liebesbeziehung in einem Moment zu bündeln scheint. Vor diesem Hintergrund sind die eingestreuten Zeitrafferszenen mehr als nur Staffage, da sie zum einen Andy Laus verrinnende Sekunden reflektieren als auch uns Zuschauern vor Augen führen, dass wir selbst ebenfalls dem Spiel der Wahrnehmung und Zeit unterworfen sind. Oder anders gesagt: Eine Hauptfigur ist nur deswegen eine, weil wir es wollen.

Stefan Dabrock



Wieder einmal ein Hochglanzprodukt aus der meisterlichen Künstlerstube des Honkong-Filmemachers Johnnie To, der mit diesem Film zwar keinen Ausflug in ein neues Genre unternimmt, gleichwohl jedoch eine ungewöhnliche Mischung aus Rasanz, Action und Gefühlskino wagt. Dabei ist die Story alles andere als auffallend: Kommissar contra Gangster – diesen Topos bekommt das actionverliebte Publikum bereits zur Genüge zelebriert. Es sind vielmehr die Charaktere, die auf der Seite des Guten wie der des Bösen mit zahlreichen Stigmata zu kämpfen haben.
Mit einem klaren Sympathieträger will Regisseur To nicht so recht herausrücken, sowohl der mackenbehaftete Inspektor Sang wie auch der zuletzt rührselige Gangster Wah lassen die gewohnten Grenzen zwischen legitimer Gewalt und brutalem Eigennutz des öfteren verschwimmen. Ungewohnt auch das Charisma der beiden Kontrahenten, denen hier die Regie ausnahmsweise gestattet, verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit ins Spiel zu bringen, weshalb letztendlich nicht Zunft-Vertreter, sondern lediglich zwei Menschen miteinander ringen. Allmählich gerät die Barriere zwischen Ordnungshüter und Gaunertum zum eigentlichen Hindernis für ein mehr und mehr persönliches Duell.
Als dramatische Würze gesellt sich eine Romanze der besonderen Art hinzu, etwa als sich Kidnapper und Geisel persönlich näherkommen, oder auch der brillant inszenierte Showdown, der fast zwangsläufig auf die klammheimlich vorbereitete Allianz aus Täter und Spürnase hinausläuft.
To spielt gekonnt mit den Klischees des altbackenen Actionfilms und wirbelt liebgewohnte Fronten immer wieder durcheinander, ohne die Eckpfeiler seines Genres zu vergessen. Handwerklich famos und stilistisch routiniert hat To seine extravagante Katz-und-Maus-Geschichte in Szene gesetzt.




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