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Kritik: Nicht auflegen! (2002)


Bei Anruf Mord

Da macht einer kurzen Prozess: Joel Schumachers handwerklich ausgereifter Thriller "Nicht auflegen!" ist lediglich 80 Minuten lang. Einziger Schauplatz: eine Telefonzelle in Manhattan. Der Protagonist: ein moralisch zweifelhafter Medienfritze. Sein Gegenpart: ein unsichtbarer Heckenschütze, der ein Gewehr auf ihn gerichtet hat. "Nicht auflegen!" ist Telefonterror auf ganz spezielle Art.

Schon Alfred Hitchcock fand Gefallen an der Frage, ob man einen Thriller durchweg aufregend gestalten kann, wenn seine Handlung nur an einem einzigen Schauplatz spielt. Regisseur Joel Schumacher (63), dessen Karriere eine seltsame Mischung aus Fehltritten ("8 mm", "Bad Company") und interessanten Filmen ist ("Falling Down", "Tigerland"), hat sich diese Frage ebenfalls gestellt - und beantwortet sie in seinem Telefon-Thriller "Nicht auflegen!" mit einem klaren Ja.

Schauplatz des Films ist eine Telefonzelle in einer umtriebigen Einkaufsstraße mitten in Manhattan. Der selbstgefällige Publicity-Agent Stu Shepard (Colin Farrell), der seine Mitmenschen manipuliert und seine Ehefrau (Radha Mitchell) betrügt, ruft von dort aus unerkannt seine Geliebte an (Katie Holmes aus "Dawson's Creek"). Doch dann hat Stu ein tödliches Problem: Der Apparat in seiner Zelle klingelt, reflexartig nimmt er den Hörer ab. Am anderen Ende ist ein unsichtbarer Heckenschütze (im Original von Kiefer Sutherland gesprochen) - und er hat Shepard im Fadenkreuz. Die Botschaft des verrückten Killers ist so eindeutig wie ausweglos: Wenn Stu den Hörer niederlegt oder die Telefonzelle verlässt, ist er ein toter Mann.

Trickreiches B-Movie mit simpler Ausgangslage

Aus einer derart einfachen Konstellation kann nur ein Kurzfilm (Paul Houghs "End of the Line" von 1996 ist im Internet umsonst bei www.ifilm.com zu sehen) oder ein B-Movie entstehen. Und Joel Schumacher versucht erst gar nicht zu verschleiern, dass es hier nicht um einwandfreie Logik, nachvollziehbare Motivationen oder komplexe Charaktere geht. Stattdessen drückt er gnadenlos aufs Tempo: "Nicht auflegen!" ist inklusive Abspann nur 80 Minuten lang, und Schumacher setzt notfalls auch auf Split-Screen-Tricks, um das rasch eskalierende Geschehen effizient und packend darzustellen.

Natürlich steht und fällt "Nicht auflegen!" mit seinem Hauptdarsteller. Colin Farrell (27), der seinen Durchbruch Schumachers Militärfilm "Tigerland" verdankt, erweist sich dabei als hervorragende Wahl. Der in der Klatschpresse gerne als trinkfester Frauenheld etikettierte Ire begibt sich unter Schumachers Regie auf eine wahre Tour de Force. Dabei wurde der Film bereits vor gut zwei Jahren (überwiegend in Los Angeles) gedreht, jedoch nach den Anschlägen vom 11. September und später wegen der Heckenschützen-Attacken nahe Washington mehrmals verschoben. Inzwischen ist Farrell schon auf dem Weg zum Superstar: Diesen Sommer dreht er mit Oliver Stone ein Filmepos über Alexander den Großen.

Schwere Geburt und lange Vorgeschichte

"Nicht auflegen!" ist ein viel kleineres Kaliber - ein aus der Hüfte geschossenes Filmexperiment mit einer langen Vorgeschichte: Jahrzehntelang hatte Hollywood-Veteran Larry Cohen (64) ohne greifbaren Erfolg versucht, sein Drehbuch für den Steifen an den Mann zu bringen. Er soll das Skript einst sogar Hitchcock angeboten haben. Später sollte das Projekt von Michael Bay ("Armageddon") mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt werden. Auch Mel Gibson, Brad Pitt und Jim Carrey waren irgendwann einmal als Hauptdarsteller im Gespräch. Am Ende hat Schumacher zugegriffen und Cohens Skript in eine handwerklich ausgefeilte Fingerübung mit moralisierendem Überbau verwandelt. Filmstudenten werden noch in vielen Jahren ihre Freude mit dem Streifen haben. Das Kinopublikum glücklicherweise auch: Denn "Nicht auflegen!" ist von der ersten bis zur letzten Minute spannend.





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