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Kritik: Intimacy (2001)


Auf eines ist bei dem Franzosen Patrice Chéreau Verlass: auf seine Unberechen-barkeit. Als Regisseur ist er auf der Bühne (und hier bei Oper wie Theater) ebenso zuhause wie hinter der Kamera. Vor allem seine Filme zeichnen sich durch erstaunliche Unterschiedlichkeit aus. War die "Bartholomäusnacht" ein ebenso aufwändiges wie ausladendes Historiengemälde, so ist seine neuer Film "Intimacy" ein kleiner, zeitgenössischer Film. Es geht um zwei Dinge, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Sex und Einsamkeit. London in diesen Tagen. Jay und Claire sind in gewisser Weise typische Großstädter, die in der Anonymität der Metropole mitschwimmen und nicht weiter auffallen. Die beiden Mittvierziger haben ein bizarres Verhältnis: Jeden Mittwoch treffen sie sich in Jays schmuddliger Souterrainwohnung, um sich ausgiebigen und fiebrigen Sexspielchen hinzugeben. Dies geschieht, ohne dass das seltsame Paar, sie ist verheiratet - er geschieden, miteinander spricht. Beide wissen also nichts voneinander. Die Rituale der Mittwochstreffen werden aufgebrochen, als Claire eines Tages ohne Verabredung bei Jay erscheint. Fortan beginnen beide, Interesse füreinander zu gewinnen. Es entwickelt sich ein heimliches Verfolgen und Belauern. Bei einer solchen Situation lernt Jay in einer Kneipe Andy kennen. Es stellt sich heraus, dass Andy Claires Ehemann ist. Ohne Namen zu nennen, erzählt Jay ihm von seinen anonymen Sexorgien. Andy ist fasziniert. Wenig später kommt es dann zu einem zufälligen Treffen aller drei in die fatale Affäre verstrickten Personen. Die angespannte Situation droht aus dem Ruder zu laufen. "Intimacy" ist ein Film, der in mehrfacher Hinsicht eine souveräne Balance hält. Zum einen wahrt die Geschichte strike Neutralität was die Betrachtung der Protagonisten anbelangt. Chéreau schildert seine beiden verlorenen Großstadtseelen mit der gleichen mitfühlenden Sympathie, ohne auch nur an einer Stelle in psychologisierende Motivsuche abzugleiten. Somit ist der Zuschauer gezwungen, sich mit der Komplexität der Situation auseinanderzusetzen, ohne sich in eine bequeme Identifikationsnische zurückziehen zu können. Eine weitere aufregende Gratwanderung von "Intimacy" gelingt in der Darstellung der Sexszenen. Obwohl von expliziter Deutlichkeit geraten sie weder pornographisch noch bedeutungsschwanger oder fragil. Die Bilder sind genauso unterkühlt dokumentarisch wie es im Grunde genommen auch die Beziehung von Jay und Claire ist. Eine Beziehung, die sich der verbalen Kommunikation weitgehend enthält. Und wenn sich am Ende die Dinge für die beiden zuspitzen und sie doch einmal versuchen, ihre wenig rosige Lage zu bereden, so geschieht dies, ohne dass es zu der wohl von beiden ersehnten Nähe kommt. So gesehen ist "Intimacy" eigentlich ein trauriger Film. Allerdings kein deprimierend trauriger, sondern ein schön trauriger. Und das liegt an der atemberaubenden Klarheit und Unmittelbarkeit mit der der Regisseur und sein Kameramann die Geschichte erzählen. Hierbei ist vor allem die intensive Präsenz beider Hauptdarsteller geradezu berührend. Thomas Der Berlinale-Siegerfilm macht es dem Zuschauer nicht einfach. Die Boulevard-Magazine und Zeitungen sind voll von empörten Artikelchen über die unglaubliche Freizügigkeit die Regisseur Patrice Chéreau in seinem Film demonstriert. Ein erigierter Penis macht noch keinen guten Film heißt es. Wer das sagt oder aus einem solchen Grund ins Kino geht, legt den Finger an die falsche Stelle. Sicher gibt es eindeutige Nacktaufnahmen, aber Chéreau inszeniert mit unbarmherzigen und grobkörnigen Blick. Nichts wird geschönt, nichts kaschiert. Der Sex (von Liebe will man da ja nicht sprechen) zwischen Jay (Mark Rylance) und Claire (Kerry Fox), die "zunächst" nur diesen körperlichen Kontakt von einander wollen, ist nicht das, was man sonst so klinisch-rein und aseptisch aus Hollywood vorgesetzt bekommt. Und das ist wohl eher das wirklich Aufsehenerregende. Aber dabei geht es weniger um Sex, sondern um die Unfähigkeit zu kommunizieren. Um Realität und Wunschvorstellung. Um Nähe. Aber das schreibt natürlich kaum jemand in seinem Artikel, denn: Sex sells. Auch im Feuilleton. Die Story, die auf einer Kurzgeschichte von Hanif Kureishi beruht, scheint nicht wirklich neu. Das auf den ersten Blick so einfache, aber eigentlich komplizierte Beziehungsgefüge zweier Menschen bröckelt, als der eine anfängt, darin herumzustochern. Das passiert überall. Und genauso gewöhnlich sind auch die Menschen in diesem Film. Faltige, komplizierte Menschen mit wenig Geld und kaum einer einnehmenden Persönlichkeit. Menschen, mit denen man nicht wirklich befreundet sein möchte. Aber Menschen, die vor allem eines wissen wollen: Wie geht, verdammt noch mal, eigentlich eine Beziehung? Wie geht das Leben? Und da sind sie ja nicht die Einzigen, oder?





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