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Kritik: Liam (2000)


Zunächst ist alles noch fröhlich zwischen den düsteren Backsteingassen. Knurrige Weiber singen gegeneinander an: IRA-Lobeshymnen gegen Loyalistenlieder. Sylvester wird euphorisch gefeiert. Die Morgendämmerung strahlt blau über Gaslaternen und Häuserreihen, ein Mann klopft mit einem Stock gegen die Fenster, um die Anwohner zu wecken- diejenigen, die Arbeit haben.
In der Familie des kleinen Liam arbeiten Vater, Bruder und Schwester. Es geht ihnen gut und sie sind stolz. Liam stottert: je größer der Streß, desto schwerer fällt es ihm, die Worte herauszubringen. Dummerweise ist er es, der als erster erfährt, daß sein Vater den Job verliert. Aber das ist nicht Liams einzige Sorge: In der Schule lernt er, was Sünden ausrichten- "Ihr treibt die Nägel tiefer in die Hände des Herrn Jesus!", das Fegefeuer droht ohnehin überall. Durch Bilder von Vermeer lernt er, wie weibliche Menschen nackt aussehen. Oder nicht? Als er seine Mutter zufällig in der Badewanne sieht, muß er feststellen, daß einige Dinge nicht mit den Bildern übereinstimmen...
Ian Hart- der jüngst in Harry Potter als farbloser Bösewicht mit albernem Turban verheizt wurde- stellt Liams Vater sehr sensibel und authentisch dar. Stolz, Tapferkeit und Verzweiflung brechen auch ohne Worte durch. Die Arbeitslosigkeit kann die innere Stärke des Vaters auch nicht auslöschen: er kauft zwar dem Vorarbeiter ein Bier, spuckt ihm aber später ins Gesicht, als er dennoch übergangen wird. Aus der Stärke wird jedoch verbitterte Härte: Er schließt sich den örtlichen Faschisten an. Iren und Juden sollen für seine Arbeitslosigkeit verantwortlich sein.
Das alles klingt deprimierend, wird aber von Stephen Frears ("Gefährliche Liebschaften", "High Fidelity") einfach und unverkrampft erzählt. Die Musik ist dezent, nicht melodramatisch. Die Gesichter der Familie werden häufig in intimen Kerzenlicht gezeigt. Liams Gewissensnöte sind ebenso komisch wie bekümmernd. Die Erstkommunion beispielsweise kostet ihn einige Nerven: er wagt es, davor einen Happen zu essen- obwohl er genau weiß, dass "Jesu Leib nicht zwischen Toaststücken herumschwimmen soll" (die Lehrerin ist Expertin für religiöse Fragen). Doch nicht die entweihte Oblate, sondern sein eigener Vater läßt die Kommunion zur Tortur werden: Als der Priester sich wohlwollend über die schönen Kleider der Kinder ausläßt, platzt ihm der Kragen. Denn für diese mußten Schulden gemacht werden- und sie landen ohnehin am nächsten Tag im Pfandhaus. Lautstark tut der arbeitslose Familienvater seine Meinung kund. Und nicht nur damit schadet er der Familie: mit seiner faschistischen Truppe begeht er einen Brandanschlag auf das Haus der jüdischen Familie, bei der Liams Schwester Theresa arbeitet...
Das dicke Ende kommt daraufhin recht abrupt, ohne einen richtigen Anschluß. Liams ersthafte Betrachtung der Erwachsenenwelt hätte einen runderen, epischen Abschluß verdient. Denn seine kindliche Ehrlichkeit und sein offener Blick geben dem Film eine dichte Atmosphäre, und dem Zuschauer ein Gefühl für diesen Abschnitt des 20. Jahrhunderts.




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