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Jalla! Jalla!
Jalla! Jalla!
© Arthaus / Kinowelt

Kritik: Jalla! Jalla! (2000)


Schwedische Gegenwartsfilme finden nur selten den Weg ins deutsche Kino. Traut sich doch mal ein Verleih, wie es zuletzt mit "Raus aus Amal" und "Zusammen" der Fall war, gibt´s zwar Beifall von der Kritik, aber eher maues Publikumsinteresse. Vor allem Letzteres wird sich auch bei "Jalla! Jalla!", vom gerade mal 24jährigen Filmhochschulabsolventen Josef Fares inszeniert, einstellen. Der Film mag handwerklich noch so souverän, in einzelnen Sequenzen gar virtuos sein, die Geschichte findet selten einen stimmigen Erzählrhythmus. Mal plätschert das Geschehen eher ziellos vor sich hin, dann bringt eine wirre Action-Einlage zwar Tempo, aber wenig Sinn in das Ganze. Dabei ist das Potential für eine spritzige Multi-Kulti-Komödie unübersehbar vorhanden. Der gebürtige Libanese Fares weiß durchaus, wovon er erzählt: Von den Schwierigkeiten, die unterschiedliche Kulturen beim Zusammenleben haben.

Der Schwede Mans und sein libanesischer Freund Roro befinden sich arbeitsmäßig gesehen am unteren Ende der Karriereleiter. Sie sind für die Beseitigung von Hundekacke im städtischen Park verantwortlich. Dies tut ihrem Selbstwertgefühl aber keinen Abbruch, sie halten sich für coole Jungs. Entspannung ist angesagt, Stress ein Fremdwort. Aber eines Tages purzeln die Probleme dann geradezu übereinander.

Roro wird wie aus heiterem Himmel mit alten Familientraditionen konfrontiert. Er soll seine Cousine Yasmin heiraten. Die findet er zwar ganz nett, verliebt ist Roro trotzdem in die hübsche Schwedin Lisa. Auch Yasmin liegt nichts ferner, als eine Verbindung mit Roro einzugehen. Um des Familienfriedens willen beschließen beide, auf´s Erste so zu tun, als würden sie den Wünschen der Väter entsprechen.

Mans hat seinerseits auch Probleme mit der Liebe, wenngleich die völlig anders geartet sind. Mysteriöse Potenzprobleme plagen ihn. Seine Freundin findet das auch nicht lustig und greift nach nahezu jedem Mittel, um dem sexuellen Notstand abzuhelfen.

In ein gänzlich neues Fahrwasser gerät die Geschichte des amourösen Quintetts, als sich völlig neue Konstellationen andeuten. Mans lernt nämlich Yasmin kennen und findet durchaus Gefallen an der scheuen Libanesin. Dies passt freilich deren resolutem Bruder Paul überhaupt nicht. Erste Handgreiflichkeiten lassen eine Eskalation des Geschehens befürchten. Aber "Jalla! Jalla"! ist als Komödie angelegt, und somit kommt es keineswegs knüppeldick.

Dass von der intendierten Komödie nicht allzu viel übrigbleibt, mag zu einem beträchtlichen Teil an der deutschen Fassung liegen, die jedweden Sprachwitz vermissen lässt, sich stattdessen mehrfach ordinäre Ausrutscher leistet. Auch sind manche Dialogsequenzen derart hanebüchen, dass man einfach aus der Geschichte herausgerissen wird, da so niemand redet, schon gar nicht in dem sozialen Milieu, dass der Film - wenn auch keineswegs allzu sicher - zu beschreiben anstrebt. Im Ganzen kommt "Jalla! Jalla!" eher als mehr oder weniger (eher Letzteres) gelungene Nummernrevue rüber und weniger als geschlossene Filmgeschichte. Schade, dass sich der ambitionierte Kinowelt-Ableger Arthaus mit einem solchen - bei allen Ambitionen - doch arg mittelmäßigen Filmchen verabschiedet.



Es kann manchmal interessant sein, sich an sozialem Trash zu ergötzen, und so gehört "Jalla! Jalla!" in die Kategorie charmanter Film. Er versucht gar nicht erst, sich in der Tradition eines sozialen Realismus einzunisten, sondern möchte statt dessen das Absurde in menschlichen Beziehungen, Familienritualen libanesischer Einwanderer in Schweden und unseren Unzulänglichkeiten aufspüren.

Zwei Parkpfleger, einer davon ist libanesischer Einwanderer, bieten dafür reichhaltige Ansatzpunkte. Im Glauben großer Coolness laufen sie durchs Leben, obwohl das entfernen von Hundekot, ein wichtiger Bestandteil ihrer täglichen Arbeit, eigentlich ein Hinweis in eine andere Richtung ist. Problematisch wird ihre Existenz aber erst, als der Libanesischstämmige erfährt, dass er in kürzester Zeit verheiratet werden soll, und der andere keine Erektion mehr bekommt.

"Jalla! Jalla!" setzt auf die Situationskomik vieler Szenen, wenn wir als Zuschauer häufig ein wenig mehr wissen als die leidgeprüften Charaktere im Karussell der Ereignisse. So versucht der libanesische Einwanderer, seine Familie mit dem Schein-Heiratsversprechen ruhig zu stellen und muss sich nun gegen unermüdliche Hochzeitsvorbereitungen aller Beteiligten zur Wehr setzen, die vom Suchen einer gemeinsamen Wohnung bis zu anderen Lebensentscheidungen reichen. Dabei vermeidet es der Regisseur weitgehend, seine Charaktere zu verraten. Statt dessen werden sie einem in ihrem Abstrampeln für ein glückliches Leben immer sympathischer. Lediglich bei den Potenzgags gelingt "Jalla! Jalla!" der Balanceakt zwischen Sensibilität und Peinlichkeit überhaupt nicht. In unerträglicher Weise rennt der Mann seiner verlorenen Kraft hinterher, versucht die lächerlichsten Methoden sogenannter Naturmedizin und verliert darüber vollständig seine Würde. Der Regisseur lässt diesen Charakter mit seinem Problem allein und beutet es auf übelste Weise aus, so dass er für schlechte Witze geopfert wird. Insofern hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck mit positiver Tendenz.




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