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Kritik: Nichts bereuen (2001)


Warum werden in Hollywood Millionen von Dollar verpulvert, um solche Infantil-Orgien wie "Die Mumie kehrt zurück" und "Tomb Raider" auf die Menschheit loszulassen, und warum sehen sich Millionen dieses Krawallnichts an, wo doch ein kleiner, unscheinbarer deutscher Film wie "Nichts bereuen" um so viel mehr unterhaltsamer, tiefgründiger, befriedigender und - man muss es einfach mal so knallhart sagen - besser gemacht ist. Erfrischend gut gemacht ist. Und dabei handelt es sich hierbei gerade mal um einen Abschlussfilm der Filmakademie Baden-Württemberg. Aber so, wie sich Katja von Garnier einst mit ihrem Münchener Abschlussfilm "Abgeschminkt!" einen Namen machte, so wünscht man auch Benjamin Quabeck, dass ihm Erfolg und Zukunft mit seinem "Nichts bereuen" beschert werden wird. So virtuos, wie er sich filmischer Mittel bedient und die Geschichte eines auf einige Wochen konzentrierten Noch nicht ganz-Erwachsenenseins ebenso witzig wie anrührend auf die Leinwand bringt - dass hat man seit Janek Riekes phantastischem "Härtetest", mit dem er thematisch durchaus einiges gemein hat, nicht mehr gesehen. Wobei "Nichts bereuen" nicht ganz dessen Unterhaltungswert erreichen mag - war jener doch gänzlich als Komödie angelegt - dafür aber noch mehr mitten aus dem Leben gegriffen scheint.

Erzählt wird aus der Sicht des 19jährigen Daniel, der nicht nur die richtige Zivildienststelle in Wuppertal finden muss, sondern sich auch endlich nach vier Jahren stillen Verliebtseins seiner großen Liebe Luca offenbaren will. Bereits zu Beginn des Films sehen wir die beiden sehr zärtlich beim Sex -Daniel-Hauptdarsteller Daniel Brühl verrät uns mit Blick in die Kamera, dass er sich dies drei Monate vorher nicht zu träumen gewagt hätte, und wenige Minuten später, dass die Zweisamkeit leider nur seiner Phantasie entsprungen ist. Schon mit diesem ironischen Kunstgriff kann man gleich wenige Minuten nach Beginn des Films erleichtert feststellen, dass "Nichts bereuen" kein zähes, schwermütiges Nachdenken über den Sinn des Lebens zu werden scheint, sondern eine flotte, einfallsreiche Geschichte, die an jeder Ecke den Zuschauer mit einem neuen Einfall oder Wendung überrascht. Viele Seher werden bei allen Unterschieden dabei aber auch Situationen und Verhaltensweisen aus ihrem eigenen Leben wiedererkennen, was den Genuss des Films nur noch mehr erhöht. Doch Quabeck versteht es brillant, diese lebensechte Qualität durch seine Anleihen bei anderen Filmen - so wirkt zum Beispiel die Wasserpfeiffenszene mit anschließender Halluzination wie durch "Sonnenallee" inspiriert - und die cineastischen Einfälle wie Kurzeinblendungen, Ton- und Musikmanipulationen und groteske Kameraeinstellungen noch auf eine höhere Ebene zu bringen, so dass sich Realität und Unterhaltung ideal die Waage halten.

Das zeigt sich auch in der Verknüpfung von Daniels Liebes- und Arbeitsleben, die sich nach seinem Kennenlernen der Krankenschwester Anna sowieso nicht mehr trennen lassen. Zum Einen sind die ambulanten Pflegefallstationen amüsant, so wie der dem Alkohol nicht abgeneigte alte Mann, der mit einem Fernrohr aus dem Fenster Ausschau nach leichtbekleideten Mädchen hält, oder die ständig ihren Kot im ganzen Wohnzimmer verschmierende alte Dame. Doch auch sie, wie auch die suizidgefährdete Frau, die sich die Ohren abschneiden will, bringen zum Anderen eine traurige Ebene der Einsamkeit in die Geschichte, die dafür sorgt, dass sich "Nichts bereuen" nicht in unverbindlichen Spaßigkeiten verliert, sondern die Menschen im Blick behält.

Das Darstellerensemble stützt dies mit durch die Bank hervorragenden Leistungen; die aus "Härtetest" bekannte Figur des besten Freundes, der die Hauptfigur über Frauen und Liebesdinge belehrt, ist dabei bei Dennis Mosschitto bestens aufgehoben.

"Nichts bereuen" ist ein Triumph, eine Perle, von der man sich wünschte, es würde nicht nur im deutschsprachigen Kino, sondern auch im internationalen Vergleich mehr solch intelligenter, inspirierender Unterhaltung geben, die Spaß macht, zugleich aber auch berührt und den Mut zu einem offenen Ende ohne jegliche Belehrung hat.





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