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Kritik: Troja (2004)


Old Hollywood und die Frauen: Wer hat da an der Uhr gedreht?

"Troja", Wolfgang Petersens 162 Minuten langer Historienschinken über Liebe und Leidenschaft, Ehre, Macht und Ruhm ist eine Zeitreise – allerdings nicht zurück ins alte Griechenland sondern ins opulente Breitwand-Hollywood der 50er- und 60er-Jahre. Nur ein Detail hat Petersen geändert: seine Leinwandschönheiten sind männlich.

"Frauen machen alles komplizierter", resümiert ein weiser Krieger angesichts des nahenden Duells zwischen dem griechischen Söldner Achilles (Brad Pitt) und seinem trojanischen Gegner Hector (Eric Bana aus "Hulk"). Tatsächlich sind in "Troja" stets die Frauen Ursache von unbedachten Handlungen, die konsequent in Elend, Krieg und Massensterben münden. Da verliebt sich etwa Schönling Paris alias Orlando Bloom, seines Zeichens Prinz von Troja, unsterblich in Helena von Sparta (Diane Kruger), sodass er die attraktive Königsgattin kurzerhand mit nach Troja nimmt. Kidnapping nennt man sowas heutzutage, und Spartas gehörnter König Menelaos (Brendan Gleeson) ist darüber so erbost, dass er sich seinem machthungrigen Bruder Agamemnon (Brian Cox) anvertraut. Der nützt die Gelegenheit als Vorwand, um alle Stämme gegen Troja zu vereinigen und den Stadtstaat mit der griechischen Armada anzugreifen. Mit von der Partie ist der als unbesiegbar geltende Krieger Achilles, der sich vom Kampf um Troja die Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern erhofft. Achilles' Weg auf den historischen Olymp führt jedoch über Paris' Bruder Hector, der die Stadt im Auftrag seines Vaters König Priamos (Peter O'Toole) vor den Griechen verteidigt – und dessen Cousine Briseis (Rose Byrne) Achilles den Kopf verdreht. Das hübsche Fräulein ist, na klar, letztlich des Helden Untergang. Dass Hollywoods Leinwandstars gerne mit Wolfgang Petersen zusammenarbeiten, hat angeblich einen simplen Grund: "Ich rücke meine Hauptdarsteller stets ins allerbeste Licht", lobte sich der Emdener vor ein paar Jahren gegenüber einer Journalistenrunde, "und die Stars wissen das genau." Dabei fällt auf: Petersens Zugpferde sind ausnahmslos männlich. Nach Clint Eastwood ("In the Line of Fire"), Dustin Hoffman ("Outbreak"), Harrison Ford ("Air Force One") und George Clooney ("Der Sturm") kommt nun Brad Pitt in den Genuss der schmeichelhaften Superstarbehandlung. Und Petersen übertrifft sich diesmal sogar selbst. Sein "Troja" ist nämlich gar keine Zeitreise zurück ins alte Griechenland von 1200 v. Chr., sondern knüpft vielmehr direkt am Technicolor-Hollywood der 50er- und 60er-Jahre an, als opulente Breitwandepen die Kinopaläste füllten. Kurzum: Der Regisseur vergöttert seine exquisit herausgeputzten Helden in der Tradition von Leinwanddiven wie Deborah Kerr ("Quo Vadis"), Liz Taylor ("Cleopatra") und Sophia Loren ("Der Untergang des römischen Reiches"). In Sachen Buchvorlage – immerhin Homers "Ilias" – nahmen sich die Filmemacher dementsprechend große Freiheiten heraus. So verkürzten sie die viele Jahre dauernde Belagerung von Troja auf wenige Wochen, verbogen den eigentlich bisexuellen Achilles zum radikalen Frauenhelden und verzichteten auf die Präsenz der Götter, die in Homers ellenlangem Epos ja die eigentliche Triebkraft sind. Das Ergebnis ist ein sehr konventioneller, handwerklich aber in jeder Hinsicht souverän gemachter Kostümschinken mit den typischen Merkmalen eines "Old Hollywood"-Sandalenfilms: Schlachtengetümmel, Pathos, Überlänge – und natürlich schöne Menschen. Mit der tatsächlichen Geschichte hat das Ganze zwar nicht viel zu tun, doch immerhin ist "Troja", anders als etwa "Van Helsing", ein Entwurf aus einem Guss. Ob seine Form dem Kinopublikum gefällt, ist eine ganz andere Frage.




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